Interview

Jost Peter vom Verein „Unsere Kurve" zu Fans im Stadion: „Wird mit Fußball nichts zu tun haben“

Ein Bild aus der Fankurve von Union Berlin.
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Ein Bild aus der Fankurve von Union Berlin: Dieses Foto entstand am 18. August 2019.

Kassel – DFL und Klubs haben entschieden: Sollte es die Politik zulassen, werden zwar Fans in die Stadien der Fußball-Bundesligisten kommen dürfen – allerdings mit klaren Einschränkungen.

Anhänger des Gästeteams sind nicht erlaubt, ebenso keine Stehplätze und kein Alkohol. Das größte Problem sei aber, dass es personalisierte Tickets geben soll, sagt Jost Peter, Beirat im Vorstand des Vereins „Unsere Kurve“, dem 24 Fan-Organisationen von der ersten bis zur Regionalliga angehören, im Interview.

Herr Peter, hatten Sie jemals so viel Arbeit?

Nein, ganz bestimmt nicht. Wir haben im vergangenen Jahr entschieden, dass wir als Fan-Organisationen stärker auftreten wollen. Jetzt kommt die Corona-Pandemie dazu. Das ist ein Zusammenspiel. Ohne Corona würde es die Leute vielleicht auch interessieren, was wir tun, aber nicht in diesem Maß.

Zunächst ging es ja um Geisterspiele. Wie war Ihre Meinung da?

Wir haben Geisterspiele abgelehnt. Da ging es vor allem darum, dass ein kaputtes System Bundesliga aus dem letzten Loch gepfiffen hat, weil zwei Monate mal nichts stattfinden konnte. Die Geisterspiele waren rein finanziell motiviert, um irgendwie den Betrieb am Laufen zu halten. Geblieben ist aus dieser Zeit, dass sich einiges ändern muss. Die wichtigsten Fragestellungen sind: Fernsehgeld, Gehälter, Nachhaltigkeit des Arbeitens, Beteiligung der Fans. Da muss sich viel bewegen, damit der Fußball wieder zu einem sportlichen Wettbewerb wird und nicht zu einem finanziellen.

DFL und Klubs haben vier Punkte beschlossen, die bei einer möglichen Rückkehr der Fans beachtet werden müssen. Was sagen Sie dazu?

Die erste Kritik ist eigentlich gar nicht die erwartete. Dass man sich zum Beispiel über die Beschränkung der Gästefans aufregt. Die erste Kritik ist die, dass die DFL nicht transportiert, dass das, was da passiert, mit Fußball nichts zu tun haben wird. Das Erlebnis, das suggeriert wird, wird nie stattfinden. Das muss deutlicher betont werden. Dann kann man auch eine vernünftige Entscheidung treffen, ob man da überhaupt hin möchte. Es wird so ein bisschen mit der Sehnsucht von Fußball-Fans gespielt. Die ist natürlich riesig und alle schreien erst mal „Ja“, weil sie etwas vermissen. Aber das, was sie vermissen, werden sie nicht bekommen. Keine Anfeuerungen, keine Gesänge, kein Schreien.

Welcher Punkt ist aus Fansicht das größte Ärgernis?

Gästefans, Stehplätze, Alkohol – das sind Verbote, die man diskutieren kann. Es entsteht immer so ein bisschen der Eindruck, als würden so die „gefährlichen“ Fans – also Gäste- und Stehplatzfans – im Zaum gehalten. Dem könnte man durchaus mal widersprechen, weil es nicht deswegen diese Beschränkungen gibt.

Das größte Ärgernis sind aber die personalisierten Tickets. Die Fan-Organisationen haben große Befürchtungen, dass über die Datenerhebung personalisierter Tickets auch andere Zugmächte etabliert werden soll, die stark in der Sicherheitsbereich reinspielen. Das wollen wir auf keinen Fall.

Was fordern Sie?

Als vorübergehende Maßnahme, wenn die Vereine vorher verbindlich erklären, wie der Umgang mit den Daten funktionieren wird, wo sie gespeichert werden und wann sie vernichtet werden, ist das bestimmt zu tolerieren. Aber genau die letzten beiden Dinge sind noch nicht geklärt und nicht benannt.

Meinen Sie denn, dass die Fans, die für die Stimmung sorgen, so überhaupt in die Stadien kommen?

Mir geht es da wie vielen. Man ringt mit sich. Natürlich will man gern. Man möchte wieder Fußball sehen. Man weiß aber auch, dass das, was man eigentlich machen möchte – mit den Kollegen zusammen feiern und einen richtig klasse Nachmittag verleben – nicht passieren wird. Aus den Ultra-Gruppierungen gibt es klare Ansagen: alle oder keiner. Weil Fankultur in diesen Konzepten nicht möglich sein wird. Wir bei „Unsere Kurve“ haben da das Meinungsbild: Wer hingehen möchte, soll das natürlich können und ein sicheres Stadionerlebnis haben. Aber hinziehen, tut es uns nicht.

Haben Sie Angst, dass der Fußball bald nur noch der Unterhaltung dient?

Ich glaube nicht, dass es so kommt. Es hängt aber davon ab, wie vertrauenswürdig der Fußball bleibt. Die Forderungen nach Reformen des Systems und Beteiligung der Fans – besonders auf lokaler Ebene – müssen jetzt Fleisch an die Knochen bekommen. Sollte ein Dialog zustande kommen, halte ich es sogar für einen Fortschritt für den Fußball. Dann wird sich einiges zum Guten bewegen. Sollte aber das Ganze eine leere Worthülse bleiben, dann kann es in die Richtung gehen, weil sich viele Fans vom Fußball abwenden. (Maximilian Bülau)

Zur Person:

Jost Peter (58) wurde in Essen geboren, lebt heute noch dort. Er ist Beirat im Vorstand des Vereins „Unsere Kurve“, engagiert sich dort seit sechs Jahren. Zudem ist er Vorstand im Fan- und Förderverein von Rot-Weiss Essen. Peter ist hauptberuflich Lokführer. (mhb)

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