Brisante Lage

Deutschlands Auftaktgegner Mexiko zwischen WM, Wahl und Mord

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Er steht symbolisch für die aktuelle Situation: In Mexiko ist Nationalmannschaftskapitän Rafael Marquez eine lebende Legende. Die USA beschuldigen ihn Verbindnungen zum organisierten Drogenhandel zu pflegen.

Am 17. Juni startet El Tri, die mexikanische Nationalmannschaft, gegen Deutschland ins Turnier. Am 1. Juli wird in Mexiko ein neuer Präsident gewählt. Wir schauen auf ein Land zwischen Fußball und Politik.

Es sind spannende Wochen, die dem WM-Auftaktgegner bevorstehen: Am 13. Juni entscheidet der Fußball-Weltverband Fifa darüber, ob Mexiko im Verbund mit Kanada und den USA die Weltmeisterschaft 2026 ausrichtet. Einziger Mitbewerber ist Marokko. 

Am 17. Juni startet El Tri, die mexikanische Nationalmannschaft, gegen Deutschland ins Turnier. Am 1. Juli schließlich sind 120 Millionen Mexikaner dazu aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Im Interview spricht unser Experte Dawid Bartelt über ein Land zwischen Fußball und Politik.

Herr Bartelt, welchem Datum fiebern die Mexikaner am meisten entgegen?

Dawid Bartelt: Den 13. Juni haben die wenigsten Menschen derzeit auf dem Schirm. Das ist eher noch ein Insider-Thema. Die Menschen fiebern da viel mehr dem 17. Juni entgegen. Denn, wenn wir in dieser emotionalen Kategorie bleiben, den Wahlen fiebern die Mexikaner nicht entgegen. Dazu ist es zu traurig hier.

Warum ist Mexiko ein trauriges Land?

Bartelt: Das Land befindet sich in einer desolaten Lage, sodass die Menschen diese Wahl nur hinnehmen. Allein am vergangenen Wochenende sind vier junge Frauen, die sich für ein kommunales politisches Amt beworben haben, und eine Journalistin ermordet worden – seit Februar mehr schon als 100 Kandidaten für öffentliche Ämter. Die Mexikaner sind sich zwar bewusst, dass die Wahl wichtig ist. Aber die wenigsten hegen die Hoffnung, dass sich schnell grundlegend etwas ändert.

Stehen Wahl und WM denn in Konkurrenz zueinander?

Bartelt: Fußball und Wahlen treten auf eigene Weise in Konflikt. Das zweite Endspiel um die mexikanische Meisterschaft beispielsweise fand am selben Abend statt wie die zweite TV-Debatte der vier Präsidentschaftskandidaten. Ähnliche Überschneidungen wird es bei der WM auch geben. Der Wahltag ist einer von vier Achtelfinaltagen, auf das sich die Mexikaner ja durchaus berechtige Hoffnungen machen.

Die letzten beiden Juni-Wochen werden zwei dynamische Wochen und zu einer eigenartigen Nachrichtenlage führen. Im Fußball einerseits wird von Spiel zu Spiel gerechnet. Die Mexikaner haben eine realistische Chance auf Platz zwei ihrer Gruppe. Andererseits wird sich die furchtbare Gewalt zuspitzen. Man kann sich leider darauf verlassen, dass weitere Kandidaten ermordet werden.

Wie blicken denn die Mexikaner vor diesem Hintergrund überhaupt auf die WM?

Bartelt: Es herrscht hier eine Art trotziger Optimismus: Es gibt die Hoffnung, nach sechs K.o.’s im Achtelfinale hintereinander endlich mal weiterzukommen. Die Mexikaner hoffen – ähnlich wie die Deutschen – auf den eigenen Charakter des Turniers.

Bietet Fußball eine Art Flucht aus dem Alltag?

Bartelt: Es ist den Mexikanern zu gönnen, dass sie für 90 Minuten Fußball mal als die wichtigste Sache der Welt betrachten. Es gibt für die meisten Menschen sonst wenig Anlass zu Freude. Denn auch wenn die Mexikaner ähnliche Sportarten lieben wie die Amerikaner – Baseball beispielsweise – ist Fußball klar die Nummer eins.

Das heißt, ab nächster Woche hat Mexiko 120 Millionen Nationaltrainer?

Bartelt: Wahrscheinlich. Wobei vielleicht eher 80 oder 90 Millionen. Denn anders als etwa in Brasilien, wo auch Frauen Fußball lieben, ist hier zu beobachten, dass Fußball doch eher noch eine Männersache ist.

Gibt es einen Fußballer, der die aktuelle Situation Mexikos verkörpert?

Bartelt: Ja. Rafael Marquez, 39 Jahre alt und Kapitän der Nationalmannschaft, ist hierzulande eine lebende Legende. Allerdings hat ihn die US-Regierung beschuldigt, Verbindungen zum organisierten Drogenhandel zu pflegen und systematisch Drogengeld gewaschen zu haben. Sie froren die Guthaben seiner Unternehmen in den USA ein und erklärten sein Visum für ungültig. Darüber ist in den Medien hier zwar berichtet worden, aber seit dem ist es um diese Geschichte still geworden. Marquez wird seine fünfte WM spielen und mit den Rekordhaltern Lothar Matthäus, Gianlugi Buffon und dem Mexikaner Antonio Carbajal gleichziehen. Der Fall Marquez steht also symbolisch für etwas, das Mexiko derzeit ausmacht.

Inwiefern?

Bartelt:Die organisierte Kriminalität ist Teil des Staates, Teil des Fußballs und eng mit allen Bereichen des Lebens hier verflochten. Das macht es so schwer, die Frage zu beantworten, wie sich Mexiko auf eine andere Zukunft hinbewegen kann. All die Dinge, die man nur aus schlechten Filmen kennt, legen Zeugnis ab von der unglaublichen Verflechtung von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Justiz und organisiertem Verbrechen. Davon wird auch die WM nicht ablenken können. Und sollte sie auch nicht, denn es braucht mehr internationalen Druck auf Mexiko, um hier Dinge wirklich zum Guten zu ändern.

Hintergrund: Mexiko im Fokus

Bei der Wahl am 1. Juli werden 3000 politische Posten neu besetzt – vom Präsidentenamt bis hinunter auf kommunale Ebene. In Umfragen liegt der linke Kandidat Andres Manuel Lopez Obrador mit 50 Prozent vorn. Unter dem aktuellen Amtsinhaber Enrique Pena Nieto stieg die Zahl von Korruption und Drogentoten massiv an.

Zur Person: Dawid Danilo Bartelt (54) leitet seit Mai 2017 das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Mexico City. Zuvor war er für die Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Der promovierte Historiker und verheiratete Vater zweier Kinder spricht fünf Fremdsprachen, in seiner Freizeit liest er viel und spielt Klavier.

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