Pierre Littbarski über den Triumph von Rom

WM-Sieg von 1990: „Habe um meinen Platz gezittert“

Weltmeister: Pierre Littbarski, Bodo Illgner, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Jürgen Kohler, Thomas Häßler und Guido Buchwald (von links). Foto: dpa

Kassel. Heute vor 25 Jahren feierte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihren dritten Weltmeister-Titel. Zu den zwölf Spielern, die beim 1:0-Endspielsieg gegen Argentinien in der Mannschaft von Teamchef Franz Beckenbauer zum Einsatz kamen, zählte auch Pierre Littbarski.

Wir haben den für den VfL Wolfsburg als Spielerbeobachter tätigen 55-Jährigen in Melsungen getroffen. Auf der Freundschaftsinsel wurden am Samstag die von der Firma B. Braun organisierten deutschen Krankenhausmeisterschaften ausgetragen. Pierre Littbarski war der Überraschungsgast.

Herr Littbarski, erinnern Sie sich an den 8. Juli 1990? 

Pierre Littbarski: Wenn Sie so fragen, dann war das bestimmt der Tag, an dem wir Weltmeister geworden sind.

Das war eigentlich eine rhetorische Frage, denn ich war mir ganz sicher, dass Sie das wichtige Datum fest gespeichert hatten. 

Littbarski: Ich war mir nicht ganz sicher, ob es der 7., 8. oder 9. war. Bei einem so langen Turnier kann man schon mal durcheinanderkommen.

Selbst auf die Gefahr hin, dass Sie diese Frage schon oft gehört haben: Sind die Gefühle zu beschreiben, die Sie hatten, als der Elfmeter von Andreas Brehme drin war? 

Littbarski: Für diesen Moment lässt sich mein Gefühl am besten mit dem Wort „geschafft“ beschreiben. Nach dem Schlusspfiff wusste ich aber, dass ich gerade meine Karriere gekrönt hatte, denn ich rechnete nicht mehr damit, vier Jahre später in den USA noch mal eine Weltmeisterschaft spielen zu dürfen.

Sie hatten auf Ihrer Position im offensiven Mittelfeld mit Olaf Thon und Uwe Bein zwei starke Konkurrenten. Haben Sie um Ihren Platz in der Endspiel-Startelf gezittert? 

Littbarski: Und wie. Ich war im Halbfinale gegen England verletzt, und mein Vertreter Olaf Thon war sehr gut. Also habe ich um meinen Platz gezittert, bis Franz Beckenbauer den erlösenden Satz gesagt hat: „Litti, du spielst.“

Was hat den Ausschlag für Sie gegeben? 

Littbarski: Ich glaube, dass es eine Mischung aus Taktik und Franz Beckenbauers Bauchgefühl war.

Inwiefern Taktik? 

Littbarski: Thomas Häßler und ich kamen eher über die Flügel als beispielsweise Olaf Thon und Uwe Bein, und wir wollten die Argentinier über die Flügel knacken.

Blicken wir mal kurz noch weiter zurück. Nach dem Wunder von Bern 1954 war oft vom Geist von Spiez die Rede. Gab es 1990 so etwas wie den Geist von Erba am Comer See? 

Littbarski: Wir waren keine 22 Freunde, aber unser Verhältnis war von gegenseitigem Respekt geprägt. Sie haben mich vorhin auf Olaf Thon angesprochen. Der hat sich nicht anmerken lassen, dass er enttäuscht war, weil er im Endspiel nicht dabei war. Dabei ist er nach seinem guten Spiel im Halbfinale bestimmt davon ausgegangen, auch im Finale zu spielen.

Von den zwölf Spielern, die in Rom im Finale gegen Argentinien eingesetzt wurden, waren fünf auch schon 1986 in Mexiko dabei. Trotz des Einzugs ins Endspiel gegen Argentinien, das dann 2:3 verloren wurde, gab es damals massive Probleme. Was hatte sich in den vier Jahren zwischen Mexiko und Italien verändert? 

Pierre Littbarski

Littbarski: 1986 gab es Grüppchen und eben keinen Olaf Thon, der klaglos seine Rolle akzeptiert hat. Zudem hatte Franz Beckenbauer als Trainer noch nicht viel Erfahrung und hat 1990 die Fehler von 1986 nicht mehr gemacht.

Bitte ein Beispiel. 

Littbarski: 1990 war klar, dass Bodo Illgner unser Torwart sein würde, und es war auch klar, dass sich Andreas Köpke mit der Reservistenrolle zufriedengeben würde. 1986 war die Torhüterfrage offen, und somit war programmiert, dass entweder Uli Stein oder Toni Schumacher Theater machen würden.

Gibt es so etwas wie ein Silber-Jubiläum? Treffen sich die Spieler? 

Littbarski: Ja, wir treffen uns in Rottach-Egern am Tegernsee. Auch Franz Beckenbauer wird kommen.

Was steht auf dem Programm? 

Littbarski: Reden, golfen und Wein trinken.

Pierre Littbarski ist in Berlin aufgewachsen und lebt jetzt mit seiner Familie in Wolfsburg. Der 55-Jährige ist in zweiter Ehe verheiratet und hat mit seiner zweiten Frau zwei Söhne. Aus seiner ersten Ehe stammen zwei Töchter. Größte Erfolge als Spieler: Weltmeister 1990, Vizeweltmeister 1982 und 1986, DFB-Pokalsieger mit dem 1. FC Köln 1983. Stationen als Trainer: Yokohama, Duisburg, Sydney, Fukuoka, Teheran, Vaduz, Wolfsburg. Pierre Littbarski ist derzeit als Spielerbeobachter für den VfL Wolfsburg tätig.

In der gedruckten Ausgabe lesen Sie außerdem:

- Augenthaler als Chef der Abwehr  - Beckenbauers 22 Weltmeister

- Brehmes Elfmeter bringt den Titel

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