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Wo ist diese Leichtigkeit? Ein Blick auf den Gastgeber der kommenden Fußball-WM und die Vergabe vor zwölf Jahren

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Von: Maximilian Bülau

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Doha in Katar.
In der Nähe von Katars Hauptstadt Doha: der Schriftzug „Fifa World Cup Quatar 2022“ bei Sonnenuntergang. © Xu Zijan/dpa

Es wurde geredet, diskutiert, kritisiert – und doch findet sie statt, die Fußball-WM in Katar. Am kommenden Sonntag steigt das Eröffnungsspiel. Wir blicken auf Gastgeber und Vergabe. Eine Analyse.

Drei. Drei plus 37. 6500. 15 000. Die Zahlen der Gastarbeiter, die auf den Baustellen Katars für die Fußball-WM, die am kommenden Sonntag beginnt, gestorben sein sollen, sind so divers, wie es das Land an sich nicht ist. Drei Tote habe es gegeben, behauptet Fifa-Präsident Gianni Infantino. Doch dass Infantino und integer so weit voneinander entfernt sind wie Katar vom Gewinn des Titels im eigenen Land, ist mittlerweile hinlänglich bekannt.

Drei plus 37 Tote, so lautet die Interpretation des katarischen WM-Organisationskomitees. Zu den drei Infantino-Toten zählt dieses noch 37 Gastarbeiter, die aber nicht durch durch die Arbeiten ums Leben gekommen sein sollen. 6500 waren es laut einem Bericht der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Aus fünf südostasiatischen Ländern sollen diese gekommen sein. Belege gab es im Februar 2021 für all das allerdings nicht.

15 000 Tote zählt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die sich auf Statistiken aus Katar bezieht. Eine konkrete Zahl zu finden, ist schwierig. Katar hat in den zwölf Jahren zwischen Vergabe und Start des Turniers eigentlich nie brauchbare Daten erhoben und veröffentlicht. Die Regierung kann bis heute keine Klarheit schaffen.

Es ist der 2. Dezember 2010, an dem die Grundlage für all diese Toten geschaffen wird. Der Weltverband Fifa vergibt an diesem Tag zwei Endrunden. Die 2018 nach Russland. Die vier Jahre später nach Katar. Ein Aufschrei geht durch die Fußball-Welt. Schnell ist von Korruption bei der Vergabe zu lesen. Stimmenkauf. Der katarische Geschäftsmann Mohamed Bin Hammam, 2011 Präsident der asiatischen Konföderation und Anwärter auf diesen Posten bei der Fifa, weist – wie so viele – alle Anschuldigungen zurück. Und er wird Ende Mai 2011 wegen Korruption aus dem Verband verbannt. Ein Paradoxon, das kein Einzelfall ist.

Es gibt eine rein emotionale Sicht, warum Katar nicht als WM-Gastgeber taugt. Warum sollte das größte Ereignis dieses Sports in einem Land stattfinden, in dem Fußball keine große Rolle spielt. Wo die Nationalmannschaft sich noch nie für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat. Warum, wenn es doch auch Kandidaten mit Tradition und einer gewachsenen Fußball-Infrastruktur gibt? Es gibt eine ökonomische Sicht. Denn es ist blanker Wahnsinn, dass sich die Kosten für diese WM auf rund 220 Milliarden Euro belaufen sollen. Jedes Stadion musste neu gebaut werden. Zum Vergleich: Die teuerste WM war bis dahin die in Brasilien 2014 mit Kosten von 15 Milliarden, das Turnier in Deutschland 2006 hat „nur“ 4,3 Milliarden verschlungen.

Aber am wichtigsten: Es gibt eine moralische Sicht. Dass Katar nicht die Werte der westlichen Welt teilt, ist eine Sache. Doch ein Land zum WM-Gastgeber zu machen, in dem Frauen stark benachteiligt werden. In dem das Leben öffentlich Homosexueller kurz sein kann. In dem Tausende Gastarbeiter sterben. Dass unter diesen Umständen das Fußball-Event, dem Fans jahrelang entgegenfiebern, das Erinnerungen fürs Leben schafft und einzigartige Momente, nach Katar vergeben wird, es ist die Verhöhnung dieses Sports an sich. Das Schlimmste daran: Das alles geschieht vor den offenen Augen der Menschen. Es scheint gar nicht die Bemühungen zu geben, etwas zu vertuschen. Denn am Ende steht: Die Fifa funktioniert als autarkes System.

Die Randnotiz, dass für diese Winter-WM die Spielpläne aller Ligen umgekrempelt werden mussten und leichtfertig mit der Gesundheit der Spieler umgegangen wird – ja, die Belastung ist noch einmal deutlich höher – verkommt da fast zur Randnotiz.

Eine Frage, die aufgrund all dieser Dinge seit Monaten und Jahren diskutiert wurde, ist: Sollten die Spieler diese WM nicht boykottieren? Die Antwort kann nur lauten: Nein. Denn die Verantwortung auf die Spieler abzuwälzen, für die eine solche Weltmeisterschaft eines der größten Ereignisse der Karriere ist, kann nicht funktionieren. Vielmehr hätten die nationalen Verbände eine Teilnahme ablehnen müssen. Was aber nicht passiert, da diese an Werbeeinnahmen gekoppelt ist. Und spätestens beim Geld werden die Moralgrenzen deutlich verschoben.

Und der Zuschauer zuhause? Der sollte schon im Kopf haben, dass tatsächlich erst am 1. November, keine drei Wochen vor dem Turnierstart, seitens Katar eine Sicherheitsgarantie für alle Besucher abgegeben wurde. Also eine Garantie dafür, dass das Letzte, was ein homosexueller Fußball-Fan gesehen hat, kein WM-Spiel ist. Nur sechs Tage später bezeichnete ein katarischer WM-Botschafter Homosexualität als geistigen Schaden. Ein Ex-Nationalspieler gab von sich, er habe vor allem Probleme damit, wenn Kinder Schwule sehen würden.

Es muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er dieses Turnier nun verfolgt oder boykottiert. Diese Leichtigkeit, die sonst während der WM-Wochen vorherrscht, sie wird so oder so fehlen. (Maximilian Bülau)

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