"Gespannt, was das mit mir macht"

Fußball-Kommentator Wolff Fuss spricht über den Neustart der Bundesliga

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In den nächsten Wochen Normalität: Bundesliga-Spiele vor Geisterkulisse.

Heute in einer Woche rollt wieder der Ball in der Bundesliga. Dann werden viele Fußball-Fans die Live-Übertragungen bei Sky verfolgen. Vor dem Neustart haben wir mit Wolff-Christoph Fuss, einem der bekanntesten deutschen Fußball-Kommentatoren, gesprochen.

Wie groß ist die Angst eines Kommentators, sich selbst im Stadion reden zu hören?

(lacht) Ich bin vor allem darauf gespannt, ob die Trainer und Spieler meine Kommentare verstehen werden. Denn es ist damit zu rechnen, dass es ein bisschen hallen wird. Deswegen wird interessant zu sehen sein, ob und, wenn ja, welche Reaktionen ich unmittelbar von den Mannschaften bekomme.

Wolff-Christoph Fuss

Wie schwer war das Leben ohne Live-Fußball?

Das fiel mir überhaupt nicht schwer. Ich habe für acht Wochen den Stecker gezogen. Ich habe die Situation so angenommen, wie sie ist. Ich hätte aber nicht für möglich gehalten, dass ich mir mal virologisch ein gewisses Wissen aneignen würde. Es war eine besondere Erfahrung. Zum ersten Mal seit der Schule hatte ich wieder so etwas wie freie Zeit. Es gab keinen Terminstress und keinen Druck. So konnte ich in den Tag hineinleben. Da ich eine zweijährige Tochter habe, wurde mir auch nicht langweilig. In drei Jahren werden wir zurückblicken und sagen, wie besonders diese Zeit war.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf den Neustart in der Bundesliga?

Wenn die Pause noch acht Wochen länger gedauert hätte, wäre es für mich auch okay gewesen. Will heißen, die Pause soll genau so lange sein, wie sie sein muss. Und die Bestimmung des Zeitrahmens lag weder in meinem noch im Ermessen der DFL. Fakt ist, dass ein ganzer Wirtschaftszweig ums wirtschaftliche Überleben kämpft. So wie so viele andere Bereiche auch. Da galt es, begehbare Wege zu finden. Die Bundesliga wird aus meiner Sicht einen Beitrag dazu leisten, dass wieder so etwas wie Normalität einkehrt. Ich freue mich auf die Bundesliga, ich freue mich darauf, für Sky das Revierderby zu kommentieren. Geisterspiele sind nicht das gelobte Land, aber im Moment alternativlos. Wir erleben jetzt ein Stück Bundesliga-Geschichte.

Wie groß ist die Abhängigkeit des Fußballs vom Fernsehen?

Das vermag ich nicht zu beurteilen. Fakt ist, die Erlöse aus den Medienrechten machen einen wichtigen Teil der Einnahmen der Vereine aus.

Die Spieler versuchen sich nun auf die ersten Spiele einzustimmen. Wie sieht Ihre Vorbereitung aus?

Ich habe ja schon im März versucht, mich in ein Geisterspiel-Szenario hineinzudenken. Schon nach kurzer Zeit habe ich aber feststellen müssen, dass es völlig surreal ist und man sich da nicht so einfach hineindenken kann. Meine Aufgabe wird jetzt auch darin bestehen, Eindrücke zu vermitteln. Ich werde jedes Spiel, genau wie sonst auch, sportlich, statistisch vorbereiten. Ansonsten gehe ich mit großen Augen und offenen Ohren als einer von ganz wenigen ins Stadion, und man wird sehen, was das alles mit mir macht. Rede ich lauter, rede ich leiser, rede ich mehr oder weniger?

Eine Erfahrung können Sie schon vorweisen.

Ja, beim Geisterspiel zwischen Paris und Dortmund habe ich einige akkustische Eindrücke bekommen. Die Dortmunder schienen mir ohne entsprechende Kulisse und ohne ein unmittelbares Feedback der Zuschauer ein paar Probleme zu haben.

Was erwarten Sie sportlich von den Geisterspielen?

Schwer zu sagen. Ich stimme Frankfurts Sportchef Fredi Bobic zu, der mit einigen abnormalen Ergebnissen rechnet. Die Liga befindet sich auf der Zielgeraden – das hilft. Die Teams werden gemessen an Resultaten und der Tabelle. Vielleicht wird der eine oder andere Klub ein, zwei Spieltage brauchen, um wieder reinzukommen. Genauso kann es aber auch sein, dass einige Spieler ohne den unmittelbaren Druck aus dem Publikum befreiter auftreten – Stichwort Trainingsweltmeister. Wie hoch die Intensität sein wird, bleibt abzuwarten. Die sportlichen Ziele sind auf jeden Fall in Sichtweite, das wird man, denke ich, relativ schnell merken.

Sie erwarten also einen packenden Titelkampf?

Das wird sehr spannend. Ich kann mir gut vorstellen, dass drei Teams eng beisammen an die Ziellinie kommen. Und so etwas hatten wir zuletzt 1992, als Stuttgart vor Bremen und Frankfurt triumphierte.

Inwieweit haben Sie sich schon Gedanken gemacht, worauf Sie besonders achten möchten?

Die Lage ist ernst. Alle werden penibel darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden. Ich sage aber auch, dass man nicht ständig mit erhobenem Zeigefinger und dem Maßband das Geschehen verfolgen soll. Es wird 90 Minuten Hochleistungssport zu sehen geben – dazu gehören jubelnde und protestierende Trainer und Spieler.

Wie groß werden die Herausforderungen für die Sky-Reporter sein?

Die Standards werden sich verschieben. Schon deshalb, weil weniger Menschen dabei sein dürfen. Persönliche Gespräche am Spielfeldrand wird es nicht geben können. Ich gehe auch nicht davon aus, dass ich in den Innenraum darf. So fallen Smalltalks mit Spielern und Verantwortlichen kurz vor Anpfiff weg.

Inwiefern steckt für Sky in den kommenden Wochen eine Chance?

Das kann ich nicht sagen. Da bin ich der falsche Ansprechpartner.

Müssen Sie Ihre Tochter schon darauf vorbereiten, dass der Papa künftig wieder öfter nicht zu Hause sein wird?

Die nächsten sechs Wochen werden sehr intensiv. Meine Tochter wird es verkraften. Ich werde dennoch alles versuchen, jede freie Minute mit ihr zu verbringen.

Zur Person

Wolff-Christoph Fuss (43) arbeitet als Fußball-Kommentator bei Sky. Er war auch schon für Vorgänger Premiere tätig. Seit 2005 ist der Eschweger Michael Morhardt als Redakteur bei den Übertragungen an seiner Seite. Im Einsatz war Fuss auch schon für andere Sender. Bei RTL begleitete er das Geschehen bei Big Bounce. Fuss ist mit der Moderatorin Anna Kraft liiert. Sie haben eine Tochter und leben in München.

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