Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking über Erlebnisse und Enttäuschungen

„Solche Abende möchten wir wieder erleben“

Freunde: Thomas Kneuer, Manager des Hessenligisten OSC Vellmar, und Dieter Hecking.

Kassel. Der VfL Wolfsburg hat unter der Woche das Wunder von Madrid verpasst und ist in der Champions League gegen Real Madrid nach dem 2:0 im Viertelfinal-Hinspiel durch das 0:3 im Rückspiel ausgeschieden. Trainer Dieter Hecking spricht über Madrid und die Bundesliga.

Herr Hecking, Sie sind am Mittwoch um 3.43 Uhr gelandet. Was ist Ihnen während des Fluges von Madrid nach Braunschweig durch den Kopf gegangen?

Hecking: Ehrlich gesagt, so viel ist mir nicht mehr durch den Kopf gegangen. Die Anspannung ist abgefallen, und ich habe die meiste Zeit des zweieinhalbstündigen Fluges geschlafen. Eine Nachbetrachtung fand da noch nicht statt.

Also haben Sie auch nicht von Ronaldo geträumt?

Hecking: Nein, Ronaldo ist in meinen Träumen nicht vorgekommen.

Welche Eindrücke nehmen Sie mit aus Bernabeu?

Hecking: Ich nehme vor allem den Eindruck mit, dass wir solche Abende so schnell wie möglich wieder erleben möchten. Allein die Kulisse war beeindruckend. Außerdem macht es einen stolz, sich auf diesem Niveau mit seiner Mannschaft messen zu dürfen. Auch wenn wir am Ende ausgeschieden sind: Das Positive hat überwogen, zumal wir in Madrid nur an Kleinigkeiten gescheitert sind – wie dem Ballverlust vor dem 0:1. Aber wir haben auch erfahren, dass diese Kleinigkeiten auf diesem Niveau eine große Wirkung haben.

Sie sprachen davon, dass Ihrer Mannschaft womöglich die letzte Überzeugung gefehlt habe. Ist das eine Sache der Mentalität oder der Erfahrung?

Hecking: Das ist eine Sache der Erfahrung. Sergio Ramos, Marcelo und Cristiano Ronaldo haben solche Spiele schon vielfach bestritten. Für viele unserer Spieler war es das erste Mal. Den letzten Glauben haben wir in Madrid nicht gehabt. Das lässt sich an manchen Zweikämpfen sehen, die wir geführt haben und bei denen wir einen Schritt zu spät gekommen sind oder die wir nicht so aggressiv angegangen sind. Daran müssen wir arbeiten, dann kommt am Ende noch mehr heraus. Schließlich haben wir ja nicht umsonst Real Madrid im Hinspiel 2:0 besiegt. Das macht man nicht mal eben so.

Können Sie ein solches Spiel bei so einer Atmosphäre eigentlich auch etwas genießen, oder war der Stressfaktor zu groß?

Hecking: Natürlich bist du als Trainer in einem Tunnel drin und spielst tausend Dinge durch. Du fragst dich: Was wird passieren? Wie musst du auf diese und jene Situation reagieren? Da bekommst du relativ wenig mit von der Atmosphäre. Die Anspannung ist insofern größer als das Genießen.

Jetzt ist wieder Bundesliga: Es sind noch fünf Spiele, und der VfL hat sechs Punkte Rückstand auf die internationalen Plätze - was ist da noch möglich?

Hecking: Wir haben keine günstige Ausgangsposition. Aber wir müssen sehen, dass wir aus den 15 noch möglichen Punkten die beste Ausbeute erzielen. Das wird schwer genug. Zunächst müssen wir versuchen, in Bremen und gegen Augsburg zu gewinnen – und dann schauen wir mal, wie die Tabelle aussieht. Das ist unsere Aufgabe – bei aller Enttäuschung über das Ausscheiden in der Champions League.

Können Sie sich die Diskrepanz zwischen den Leistungen in der Liga und in der Champions League erklären – oder auch die Diskrepanz zur letzten Saison?

Hecking: Da gibt es viele Gründe. Das fängt im August an, wenn man am letzten Transfertag mit Kevin de Bruyne und Ivan Perisic zwei wichtige Spieler verliert, die eingeplant, aber nicht zu halten waren. Das wollen wir zwar nicht als Alibi gelten lassen. Aber wenn man verfolgt, wie Kevin bei Manchester City den Unterschied macht, dann weiß man, wie extrem wichtig er für uns war. Nichtsdestotrotz haben wir mit Julian Draxler auch einen Riesenspieler zu uns geholt, der sicher noch nicht am Ende seiner Entwicklung ist, auch wenn er uns jetzt wegen seiner Verletzung erstmal nicht zur Verfügung steht. Hinzu kommen viele Spieler, die durch Verletzungen nicht ihren Rhythmus gefunden haben.

Inwieweit wird sich die Mannschaft des VfL verändern oder auch verändern müssen?

Hecking: Wir haben ein gutes Gerüst, und deshalb wird es jetzt noch keinen allzu großen Umbruch geben.

Mit Niklas Bendtner und Max Kruse hatten Sie zuletzt zwei Spieler in den Reihen, die für Negativ-Schlagzeilen gesorgt haben. Inwieweit wird der Charakter der Spieler bei der Kaderplanung eine Rolle spielen?

Hecking: Darauf haben wir immer schon geachtet. Aber wir können ja den Spielern nicht hinter die Stirn schauen. Zudem gibt es viele Beispiele dafür, dass vermeintlich schwierige Spieler sportlich sehr erfolgreich waren.

Früher haben Sie sich mit Thomas Kneuer, Ihrem Freund aus Kasseler Zeiten, immer das Finale der Champions League angeschaut – auf der Tribüne. Fahren Sie diesmal auch nach Mailand?

Hecking: Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Wir hatten im Spaß schon mal gesagt, dass es in diesem Jahr anders wird, weil wir ja im Finale stehen. Jetzt werden wir sehen. Wir haben das in der Vergangenheit immer ziemlich kurzfristig und spontan gemacht. Kann gut sein, dass es auch in diesem Jahr wieder so wird.

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