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Das Wunder der Eisernen: Was Union Berlin so besonders macht

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Von: Maximilian Bülau, Frank Ziemke

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Eine euphorische Saison: Die Spieler von Union Berlin haben bisher jede Menge Gründe, so ausgelassen zu jubeln wie hier Kevin Behrens, Robin Knoche, Rani Khedira, und Diogo Leite (von links).
Eine euphorische Saison: Die Spieler von Union Berlin haben bisher jede Menge Gründe, so ausgelassen zu jubeln wie hier Kevin Behrens, Robin Knoche, Rani Khedira, und Diogo Leite (von links). © IMAGO/Juergen Engler

Es ist ein kleines Fußballwunder: Union Berlin steht an der Spitze der Bundesliga. Ein Blick auf den Verein, der in der Hauptstadt die Hertha längst hinter sich gelassen hat.

Eine Momentaufnahme kann man das nicht mehr nennnen. Es sind bereits zehn Spieltage bewältigt in der Bundesliga. Und wer thront an der Spitze? Union Berlin. Die Eisernen. Während Nachbar Hertha BSC vom Titel des „Big City Clubs“ nur träumt, machen sie beim Klub aus Köpenick einfach. Und sie machen es richtig gut. Seit dem Aufstieg 2019 geht es beständig bergauf. In einem Stadion, das nur etwas mehr als 20 000 Zuschauer fasst. Vor Fans, die zusammen mit Nina Hagen singen: „Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union! Eisern Union!“

Mit einem Marktwert, der laut transfermarkt.de bei 104 Millionen Euro liegt – was einen Platz im hinteren Mittelfeld bedeutet. Doch dieser Kader, in dem Stürmer Sheraldo Becker der einzige Akteur mit so etwas wie Star-Appeal ist, verblüfft seine Gegner als starke Gemeinschaft. Geschlossenheit zeigen, unbequem sein, Zweikämpfe gewinnnen – wer Union bezwingen will, der muss sich wehren könnnen. Die Bayern haben es nicht geschafft (1:1), Leipzig nicht (2:1), zuletzt auch Dortmund nicht (2:0). Sonntag spielt der Spitzenreiter bei Schlusslicht Bochum. Und will weiter an seinem kleinen Wunder basteln.

Trainer und Team: Schweizer Ur(s)gestein

Urs Fischer
Trainer Urs Fischer von Union Berlin spricht lachend im Interview. © Andreas Gora/Deutsche Presse-Agentur GmbH/dpa/Archivbild

Urs Fischer ist etwas Besonderes. Um das zu erkennen, reicht schon ein Blick auf die Amtszeiten der aktuellen Bundesliga-Trainer. Es gibt nur zwei Übungsleiter, die länger als zwei Jahre bei ihrem Verein am Werk sind. Christian Streich, klar, der Dauer-Coach in Freiburg. Und eben Fischer.

2018 kam der Schweizer mit einem beeindruckenden Punkteschnitt von 2,19 und als Doublesieger vom FC Basel in den Osten der deutschen Hauptstadt – allerdings hatte er zuvor ein Jahr lang seinen Vertrag ausgesessen, denn 2017 war er trotz des Erfolgs in Basel entlassen worden. Den neuen Klubbossen gefiel es nicht, dass eine Legende des FC Zürich in Basel auf der Bank sitzt. Solch eine starke Punkteausbeute wie in der Schweiz hat er bei Union freilich nicht vorzuweisen (1,6), was er seit seiner Ankunft vor mehr als vier Jahren aber bewirkt hat, ist wohl deutlich höher einzustufen.

Auf Anhieb führte der in Zürich geborene 56-Jährige die Eisernen auf den Relegationsplatz und über zwei Duelle mit dem VfB Stuttgart in die Bundesliga. Seitdem werden die Berliner kontinuierlich besser: Erst hielten sie als Elfter ohne Probleme die Klasse, dann zogen sie als Siebter in die Conference League ein, dann als Fünfter in die Europa League, nun sind sie Tabellenführer.

Urs Fischer stand nicht nur als Innenverteidiger in seiner aktiven Karriere für harte Arbeit, er tut das nun auch als Trainer der Eisernen. Union läuft, rackert, kämpft – und ist so für jedes Team ein unangenehmer Gegner. Ballbesitz? Muss nicht sein. Erfolgreich ist dieser Ansatz aber in Berlin dennoch. Und Fischers Idee von Fußball passt eben zum Image des Klubs.

Eine große Qualität des Trainers ist aber auch: Er macht Spieler (wieder) besser. Seit dem Bundesliga-Aufstieg kamen zahllose – eigentlich abgeschriebene – Spieler zu Union, die überraschten. Angebote dürfte Fischer wegen seines Erfolges schon einige bekommen haben. Er sagt selbst: Er schätzt, was er hat.

Stadion und Fans: Ohne modernen Schnickschnack

Das Union-Stadion Alte Försterei ist klein, aber kultig.
Das Union-Stadion Alte Försterei ist klein, aber kultig. © IMAGO/Kirchner/Marco Steinbrenner

Marko Wuttke kommt aus Kassel, arbeitet für diese Zeitung und ist seit 15 Jahren Fan, seit elf Jahren Mitglied von Union Berlin. Fragt man ihn, warum die Anhänger der Eisernen einen besonderen Status haben, denkt er an 2008 zurück. „Ein großer Teil der Legende hängt, glaube ich, damit zusammen, dass die Fans damals selbst Hand beim Stadionausbau angelegt haben.

Das war ja anfangs eine Bruchbude mit einer Haupttribüne und drei Tribünen, wo das Unkraut wuchs. Damals hatte Union 5000 bis 6000 Zuschauer im Schnitt“, erzählt er. Rund 2000 Helfer sorgten durch 140 000 freiwillige Arbeitsstunden dafür, dass das Stadion An der Alten Försterei weiter die Heimat von Union blieb. „Manche haben ihren kompletten Jahresurlaub dafür geopfert“, erzählt er. Er selbst spendete und steht nun auf einem Denkmal, auf dem alle Unterstützer verewigt wurden.

Ursache für die gute Stimmung seien die vielen Stehplätze, so Wuttke. „Sitzplätze gibt es nur auf der Haupttribüne. Auf Stehplätzen wird immer mehr Stimmung gemacht“, sagt er. Für ihn ist das Stadion besonders, weil es ohne modernen Schnickschnack auskommt. „Es ist eng und ursprünglich. Ohne Hightech“, sagt er. Ihm ist wichtig: Er ist nicht nur Anhänger von Union, sondern auch vom KSV Hessen. (Frank Ziemke und Maximilian Bülau)

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