Fußballer spielt für Aue

Nordhessischer Zweitliga-Profi Sören Gonther: „Es schmerzt ohne die Fans“

+
Im Februar durfte noch vor Fans gespielt werden: Sören Gonther (links) im Zweikampf mit Mario Gomez vom VfB Stuttgart. Hinten rechts Gonthers Teamkollege Marko Mihojevic vom FC Erzgebirge Aue. 

Sören Gonther hat mehr als 200 Zweitligaspiele absolviert und trifft am Samstag ab 13.30 Uhr mit dem FC Erzgebirge Aue auf Sandhausen. Wir haben mit dem 33-jährigen Abwehrspieler aus dem Schwalm-Eder-Kreis vor dem Neustart gesprochen – über Quarantäne, Corona-Tests, Verletzungs-Angst und Geisterspiele.

Sie haben sich beim Gartentraining mit Tochter Paula eine Schienbeinprellung zugezogen. Ist für Sie der Start in Gefahr?

Nein, die Schienbeinprellung ist abgeklungen. Aber meine Tochter schaut sich eben vieles von ihrem Papa ab und zieht da nicht zurück.

Wie gut konnten Sie zuletzt vom Profifußball abschalten?

Es war natürlich eine Zeit, in der man sich auch über andere Dinge Gedanken machen konnte. Allerdings wollen drei Kinder zu Hause auch bespaßt werden, sodass zum Beispiel meine Bachelor-Arbeit etwas zu kurz gekommen ist und ich jetzt zeitlich unter Druck gerate. Aber damit kann ich gut umgehen.

Mit Erzgebirge Aue waren Sie selbst in Quarantäne. Wie groß war die Angst, dass es ähnlich wie in Dresden nicht für den Saisonstart reichen würde?

Die Situation bei uns war ja eine ganz andere. Nicht das Gesundheitsamt hat uns in Quarantäne geschickt, sondern unser Präsident. Vereinsintern wurde angekündigt, dass wir drei Tage bis zum nächsten Corona-Test zu Hause bleiben sollten, um keine weiteren Infektionen zu riskieren. Da die betroffene Person zudem keine Symptome zeigte, hatten wir eigentlich weniger Angst, dass die ganze Mannschaft wie bei Dynamo zwei Wochen isoliert werden müsste.

Sie haben selbst in Dresden gespielt. Was sagen Ihre Ex-Kollegen?

Die sind alle komplett verzweifelt, weil die Situation dort sehr kurios ist. 50 positive Fälle sind aktuell unter 550 000 Einwohnern gemeldet – und drei von ihnen wurden unter 40 getesteten Personen bei Dynamo festgestellt. Für die Jungs ist das sicherlich keine schöne Situation, vor allem auch, weil sie jetzt mit den Nachholspielen natürlich noch mehr belastet werden. Das Wichtigste ist aber, dass die drei Spieler, die übrigens ebenfalls keine Symptome haben, wieder schnell gesund werden.

Wie sehr stören Sie denn die Corona-Tests?

Wir haben jetzt vier hinter uns, und sie müssen eben gemacht werden. Das ist mittlerweile Routine. Trotzdem sind die Tests immer wieder sehr eklig. Wenn das Stäbchen plötzlich in der Nase verschwindet, dein Auge anfängt zu tränen, und du nicht weißt, ob das Stäbchen wieder rauskommt, ist das schon sehr unangenehm.

Kann man sich mit dem erlaubten Training überhaupt vernünftig auf einen Neustart vorbereiten?

Der Übergang vom kontaktlosen Training und dem Training in Kleingruppen hin zum Mannschaftstraining war natürlich sehr schwer, weil sich so etwas bislang nicht simulieren ließ. In den ersten zwei Einheiten hat man eine Zeit gebraucht, um wieder reinzukommen und etwa das Timing für Zweikämpfe zu finden. Was man sicherlich am Wochenende noch nicht hat, ist die Spiel-Fitness. Die wird nach und nach wieder zurückkommen, um den inneren Schweinehund zu besiegen und für 90 Minuten gewappnet zu sein.

Welche Gefahr sehen Sie in der Terminhatz der kommenden Wochen?

Es kann natürlich vermehrt zu Verletzungen kommen. Wenn der Körper müde ist, wird es nicht nur muskuläre Blessuren geben, sondern auch die Gelenke können in Mitleidenschaft gezogen werden. Es steht außer Frage, dass das Risiko höher ist als sonst. Umso mehr muss man selbst dafür sorgen, diesen Problemen vorzubeugen. Mannschaften mit einem größeren Kader dürften vor allem in den englischen Wochen einen Vorteil haben.

Sie starten mit einem Heimspiel gegen Sandhausen. Was wird Ihnen im Stadion besonders fehlen?

Wir sind eine der heimstärksten Mannschaften der Liga, und unser Publikum hat uns enorm gepusht. Die Atmosphäre wird fehlen, und es schmerzt einfach ohne die Fans. Dafür bist du Fußballer geworden, und es ist ein Privileg, in einem vollbesetzten Stadion spielen zu dürfen. Aber wir müssen die Situation jetzt annehmen, die mental eine große Herausforderung darstellen wird.

Ihre Einschätzung: Kann die Saison in der 1. und 2. Liga zu Ende gespielt werden, oder droht das Kartenhaus einzustürzen?

Natürlich möchte sich keiner infizieren, aber wenn weitere Mannschaften in Quarantäne müssen, weiß ich nicht, wie es weitergehen wird. Leider habe ich zu diesem Thema zuletzt immer wieder sehr populistische Äußerungen von Politikern gehört. Wir arbeiten in einer Branche, die ein Hygienekonzept vorgelegt hat, um den Beruf weiter zu ermöglichen. Sollten wir das über einen längeren Zeitraum nicht mehr können, wird es einige Vereine nicht mehr geben, und es werden viele Arbeitsplätze verloren und Existenzen kaputt gehen. Ich kann die Diskussion nachvollziehen, hoffe aber, dass wir nun den Menschen mit der Fortsetzung der Saison auch ein bisschen Freude bereiten können.

Zur Person

Sören Gonther (33) stammt aus Schrecksbach im Schwalm-Eder-Kreis. Nach der Jugend beim KSV Hessen Kassel wechselte er zum KSV Baunatal, wo er von 2004 bis 2007 spielte. Danach ging es für den Abwehrspieler zum Zweitligisten SC Paderborn, für den er in fünf Jahren 113 Partien absolvierte. Weitere fünf Jahre stand Gonther dann beim FC St. Pauli unter Vertrag, ehe er über Dynamo Dresden 2019 zum FC Erzgebirge Aue kam. Gonther studiert neben seinem Job als Fußballprofi Betriebswirtschaftslehre. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.