ARD-Journalist im Interview

Hajo Seppelt über den Anti-Doping-Kampf: "Bach ist der Strippenzieher"

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Engagiert im Anti-Doping-Kampf: Der Journalist Hajo Seppelt. 

Russlands Leichtathleten sind noch für internationale Wettkämpfe gesperrt. Grund dafür ist die Aufdeckung eines organisierten Dopingsystems in Russland durch den ARD-Journalisten Hajo Seppelt.

Die Suspendierung galt zuletzt für die Olympischen Winterspiele und die Leichtathletik-EM in Berlin, wo nur 30 russische Athleten als „neutrale Athleten“ antraten. 

Am 11. Mai dieses Jahres wurde zudem bekannt, dass das für Hajo Seppelt vom Südwestrundfunk anlässlich der Berichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 beantragte Visum von Russland für ungültig erklärt wurde. Nach Intervention des Auswärtigen Amtes genehmigte die russische Regierung zwar später eine Reise, die Seppelt aber aus Sicherheitsgründen nicht antrat. Wir sprachen mit ihm.

Von gesellschaftlich relevanten Werten ist oft im Zusammenhang mit Sport die Rede. Wie steht es aktuell um diese Werte?

Seppelt: Erst einmal sind die Schattenseiten des Sports in den letzten Jahren deutlicher denn je geworden. Die Diskrepanz zwischen kritischen Berichterstattern und Promotern des Sports ist größer. Wir werden als Gefahr empfunden. Werte sind zweitrangig.

Welchen Widerstand spüren Sie bei Ihrem Anti-Doping-Kampf?

Seppelt: Die Luft wird dünner, die Atmosphäre ist rauer geworden. In den 70er- und 80er-Jahren war das Dopingproblem mutmaßlich viel größer, aber es hat kaum jemand darüber gesprochen. Heute wissen wir viel mehr über gesundheitliche Auswirkungen und über die Vertuschungen bis hinein in die höchsten internationalen Gremien. Die Gefahren sind aber auch größer, weil immer mehr Drahtzieher bemerken, dass sie sich nicht mehr verstecken können. Die Spannungen und Interessenkonflikte treten offen zu Tage. Von einem IOC-Funktionär wurde mir klar gesagt, dass man so nicht mit Russland umgehen könne.

Welche Rolle spielt Deutschland, das eigentlich mit seinen strafrechtlichen Rahmenbedingungen als vorbildlich gilt?

Seppelt: Das klassische Staatsdoping der diktatorisch organisierten Länder gibt es hierzulande nicht. Es existierte bekannterweise in der DDR. Waisenknaben sind wir allerdings auch heute nicht, wie anonyme Athletenbefragungen zeigen. Natürlich ist die Verfolgung hier effizienter, und die soziale Ächtung kommt hinzu, wenn man als Doper gebrandmarkt wird. Von Seiten der Medien wird manchmal auch darüber nachgedacht, ob ein womöglich verseuchtes Sport-Produkt überhaupt noch vermittelt werden kann. Auch das ist ein Druckmittel.

Oft genug wird über Russland gesprochen. Es gibt aber die sogenannte Watch List, auf der sich Länder wie Kenia und Äthiopien befinden. Norwegen steht dort nicht drauf, aber auch in Hinblick auf die Skandinavier gibt es immer wieder Gerüchte. Können Sie dazu etwas sagen?

Seppelt: Handfeste Belege gibt es Stand jetzt nicht. Aber ernsthafte Fragen stellen sich beispielsweise in Bezug auf den ausufernden Gebrauch von Asthmamitteln bei norwegischen Wintersportlern. Im Falle der Ingebrigtsen-Brüder bei der Leichtathletik-EM stehen zwar außergewöhnliche Leistungen im Raum, aber es gibt nichts Konkretes, was einen Manipulationsverdacht begründen würde. Misstrauen und Skepsis des Publikums kann ich aber durchaus nachvollziehen.

Und die anderen Länder?

Seppelt: Ich denke, dass Weißrussland, die Ukraine, Kenia, Äthiopien aber auch Jamaika zu Recht unter Beobachtung stehen. Anhand der Beweislage können wir sicher sagen, dass das Dopingproblem in Russland eine besondere Ausprägung aufweist, auch wenn russische Trolle oder der Staat das Gegenteil behaupten. In vielen anderen Ländern ist die Belegbarkeit zwar schwieriger, Skepsis aber sicher angebracht.

Wie beurteilen Sie die Chance, dass Russland auf die Anti-Doping-Linie einschwenkt?

Seppelt: Es ist fraglich, ob der bisher aufgebaute Druck ausreicht. Es könnte bei Lippenbekenntnissen Russlands bleiben.

Doping und Korruption ist in etlichen Fachverbänden noch immer verwurzelt. Welche Gründe gibt es?

Seppelt: Ein Beispiel: Kleinste Pazifikstaaten haben in großen Sportverbänden oft das gleiche Stimmrecht wie die USA oder andere große Länder. Mit verhältnismäßig kleinen Geldgeschenken lassen sich da Stimmen kaufen, wenn wichtige Entscheidungen anstehen. So wird Wohlgefallen abgesichert.

Das IOC hat mit Thomas Bach einen Präsidenten, der an diesen Verhältnissen nicht viel ändert, oder?

Seppelt: Im IOC ist es noch ein wenig anders – eigentlich sogar bizarrer. Die meisten Mitglieder werden nach kaum transparenten Gesichtspunkten bestellt und bestätigt. Mit modernem Demokratieverständnis hat das wenig zu tun. Herr Bach hat aus meiner Sicht ein anachronistisches Verständnis davon, wie der Sport international organisiert sein soll. Er will die geradezu feudalen Machtstrukturen des organisierten Sports unter dem Dach des IOC festigen. Wer so agiert, riskiert heutzutage aus meiner Sicht zum Totengräber des Kulturguts Sports zu werden. Gegen diese althergebrachte Sportpolitik regt sich zunehmend Widerstand. Aber Bach schickt Mitstreiter wie den Schweizer Sportfunktionär Patrick Baumann in die Welt, um in seinem Sinne zu agieren. Und der macht zum Beispiel keinen Hehl daraus, dass es ihm darum geht, Russland wieder in die internationale Sportfamilie zurückzuführen.

So wie es gerade mit Kuwait geschieht?

Seppelt: Genau. Kuwaits Wiederzulassung im IOC ist nach meinem Eindruck nichts anderes als die Ouvertüre für die Rückführung Russlands. Kuwaits Suspendierung war seit jeher ein Stachel im Fleisch des IOC, sie machte die Argumentation für Bach und Co. auch im Fall Russland angreifbar. Im IOC plädieren immer mehr Funktionäre vier Jahre nach Offenlegung der Dopingvergehen dafür, dass Russland zurückkehrt, ohne die Bedingungen erfüllen zu müssen. Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur ist infiltriert von diesen Leuten, und Thomas Bach ist der maßgebliche Strippenzieher. Das IOC wird behaupten, dass die russischen Sportler einfach genug gelitten haben. Die klaren Kriterien für die Wiederzulassung, die Russland noch immer nicht erfüllt, werden simpel zur Seite gewischt. Ich prophezeie, dass Russland letztlich mit einem blauen Auge davonkommen wird.

Zur Person: Hajo Seppelt (55) studierte nach seinem Abitur in Berlin im Jahr 1981 einige Semester Sport, Sozialkunde, Publizistik und Französisch an der Freien Universität Berlin. Er verließ die Universität ohne Abschluss und begann bald darauf seine Arbeit bei der ARD mit dem Schwerpunkt Schwimmen. Inzwischen arbeitet Seppelt seit 21 Jahren für die ARD schwerpunktmäßig zum Thema Doping. Seit zehn Jahren hat er seine investigative Arbeit weltweit ausgedehnt und recherchiert zusammen mit einem internationalen Netzwerk von festen und freien Mitarbeitern. Seppelt macht keine Angaben zu seinen privaten Lebensumständen.

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