Derby: Fritzlar kann Kirchhof-Express 25 Minuten aufhalten - 33:23-Sieg „gerecht“, aber zu hoch ausgefallen

Denks Plan B war eine gute Idee

Bot trotz der 33 Gegentore eine starke Leistung: Fritzlars Torfrau Nilla Oross, die eine höhere Niederlage ihrer Mannschaft verhinderte. Foto: Kasiewicz

Melsungen. Das den Derbys unterstellte Überraschungspotential war nach 25 Minuten ausgeschöpft. Dann zog der Favorit davon und schüttelte den Außenseiter noch vor der Pause vorentscheidend ab. Letzlich gab‘s am 33:23-Sieg der SG 09 Kirchhof im Handball-Nachbarduell der 3. Liga gegen den SV Germania Fritzlar nichts zu rütteln, wobei sich der Verlierer zumindest 45 Minuten (bis zum 23:18) gut aus der Affäre gezogen hatte. Die Einzelheiten:

Die Vorentscheidung

Nach Horns drittem Tor zum 8:8 (19.) trat beim Gastgeber Plan B in Kraft, in einer Auszeit verordnet von SG-Trainer Denk. Und der griff. Weil die Fritzlarerinnen mit der plötzlich so offensiven Kirchhofer Deckung nichts anfangen konnte, nachdem sie zuvor noch ihre Angriffe ruhig und besonnen ausgespielt hatten. Weil dank der Ballgewinne, die konsequent zum Gegenstoß genutzt wurden, das Umschaltspiel des Zweitliga-Aufsteigers auf Touren kam. Weil die eingewechselte Sharelle Maarse sich auf der Spitze der 3:2:1-Deckung als ein Störenfried der Extraklasse entpuppte. „Viel bewegen, die Lücken schließen und ab und zu mal einen Ball klauen“, lautete ihre perfekt umgesetzte Devise. Zum Leidwesen des Gegners. „Diese Umstellung hat uns aus dem Konzept gebracht und es hat zu lange gedauert, bis wir uns darauf eingestellt haben“, bekannte SVG-Rückraumspielerin Melina Horn.

Der Überraschungsfaktor

Es gab ihn doch, auch wenn‘s am Ende eine klare Sache für den noch ungeschlagenen Tabellenzweiten war. Denn: Erstmals in dieser Saison war‘s einem SG-Gegner gelungen, Kirchhofs Tempospiel zu unterbinden. Zumindest 20 Minuten lang, in denen Fritzlar ein überragendes Rückzugsverhalten an den Tag legte. „Da hat mir meine Mannschaft toll geholfen“, lobte SVG-Torhüterin Nilla Oross ihre Vorderleute. Verblüffend, dass die Gastgeberinnen 15 Minuten für ihren ersten erfolgreichen Schnellangriff (beim 6:6 durch Laura Nolte) brauchten, während Fritzlar bis dahin schon drei Tempogegenstoßtreffer auf dem Konto hatte. Und so den Favoriten einigermaßen in Schach hielt, bis der – siehe oben – eine wegweisende Idee hatte.

Das Torfrauen-Duell

Normalerweise kommt den Torfrauen in solch‘ brisanten Spielen eine Schlüsselrolle zu. Diesmal nicht – weil beide sehr gut hielten. Die nach 13 Minuten für Frederikke Siggaard eingewechselte Paula Küllmer, die gleich voll da war und bei 17 Gegentoren 12 Bälle abwehrte. Und Nilla Oross, die mit 16 Paraden – darunter zwei Siebenmeter – die Niederlage in Grenzen hielt. Es war die beste Leistung der gebürtigen Ungarin seit ihrer Mutterpause, worüber sie sich an alter Wirkungsstätte durchaus freute.

Die Derby-Heldin

Als solche konnte sich (neben Sharelle Maarse) beim Sieger die überragende Kreisläuferin Dionne Visser fühlen. Der Neuzugang führte die erste und zweite Welle der SG 09 an und wurde so zur Spaßbremse des Gegners. Die Holländerin setzte sich einige Mal fulminant (und sehenswert) in der Nahwurfzone durch. Und verwandelte von ihren acht Strafwürfen sieben. „Die Kulisse hat mich beflügelt“, sagte die 21-Jährige. Was auch für Melina Horn galt, die trotz knallharter Abwehrarbeit ihrer Großcousine Christin Kühlborn sieben Mal aus dem Rückraum traf. Damit aber (fast) zur Alleinunterhalterin ihre Mannschaft mutierte. Und zur eher tragischen Heldin avancierte.

Die Bewertung

Christian Denk war einfach nur glücklich, den Nachbarn auf Distanz gehalten zu haben, „obwohl der alles rein gehauen hatte“. Also musste seine Mannschaft „ihren besten Handball zeigen“, was ihr nach Anlaufschwierigkeiten dann auch gelang. Fritzlars Betreuer Thomas Schneider fand den Sieg des Rivalen daher „gerecht“, allerdings sei die Niederlage doch etwas zu hoch ausgefallen. Dafür wiederum machte Trainerin Marquardt die „ziemlich überforderten“ Schiedsrichterinnen verantwortlich: „Sie haben auf der einen Seite anders als auf der anderen gepfiffen.“ Das schlug sich in einem in der Tat etwas fragwürdigen Siebenmeterverhältnis von 9:3 wieder, was allerdings nicht spielentscheidend war.

Die Perspektiven

Ist aus dem Vier-, erst ein Drei- und nun ein Zweikampf um den Titel geworden? Genauso sieht‘s Viktoria Marquardt nach dem verlorenen Derby: „Kirchhof und Berlin werden den Aufstieg unter sich ausmachen.“ Beide haben sich bisher überhaupt noch keine Blöße gegeben. Und beide treffen am 10. Dezember in der Hauptstadt aufeinander. Ein Datum, das Dione Visser durchaus schon im Kopf hat. Bis dahin gilt es allerdings, so warnt ihre Mannschaftskameradin Sharelle Maarse, „sich jede Woche neu zu fokussieren.“ Um dann mit weißer Weste ins Gipfeltreffen gehen zu können. Genau wie ins Derby. Foto: Kasi/nh

Von Ralf Ohm

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