Ost/Mosheims Trainer Mario Lubadel

Spielerkarriere in der DDR: Zum Verhör nach verkorkster WM

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Der Trainer und sein Schrein: Oben ist einer von seinen Personalausweisen, etwas verdeckt zu sehen ist sein Trikot vom SC Magdeburg.

Melsungen. Zuerst räumt Mario Lubadel, Trainer vom Handball-Bezirksoberligisten TSV Ost/Mosheim, mit einem Missverständnis auf: „Viele denken, ich komme aus Berlin. Das stimmt aber nicht."

Vor 48 Jahren wurde er in Köthen geboren, wuchs aber in Bernburg (Sachsen-Anhalt) auf. Eine Handballhochburg. Der Weg war vorgezeichnet.

Sein Vater übte Druck aus und so stand Lubadel am 1. Oktober 1974 zum ersten Mal in einer Sporthalle. Schon bald zeigte sich sein Talent, wovon die BSG Motor Bernburg nicht viel hatte. Denn in der DDR gab es ein komplexes Auswahlverfahren, wovon nur die größten Klubs profitierten. Eigentlich hätte der SC Magdeburg das Zugriffsrecht auf den damals Zwölfjährigen gehabt. Lubadel wurde aber ausgemustert. „Sie haben nicht geglaubt, dass ich noch wachse“, sagt der heute 1,91 Meter große Mann. So wurde die Werner-Seelenbinder-Sportschule in Berlin auf ihn aufmerksam.

„Das Heimweh war im ersten Jahr brutal.“ Doch Lubadel biss sich durch, machte viel Athletiktraining. Das half ihm das Auswahlverfahren nach der 10. Klasse zu überstehen. Lubadel weiß, dass er als Sportler in der DDR von Privilegien profitierte. Denn als Handballer reiste er viel, bekam Tagegeld, übernachtete in Hotels und es gab Gastgeschenke. All das, was vielen Bürgern verwehrt blieb. Er sagt aber auch: „Grundsätzlich stand diese Möglichkeit ja jedem Bürger offen.“

Lubadel ist kein Mensch, dem sein Talent für seine Karriere ausreichte. Er war immer hart zu sich, ist heute noch selbstkritisch was seine Trainertätigkeit angeht und verlangt von Spielern nur das, was er selbst vorlebt.

Auf der anderen Seite war das Sportlerleben in der DDR von vielen kuriosen Situationen bestimmt. „Zu Europapokalspielen sind wir immer von Kopenhagen aus geflogen, anstatt von Berlin-Tegel“, erinnert er sich. Einige Sportler nutzten die Reisen, um sich abzusetzen. Für den Familienmenschen kam das nie in Frage.

„Wer ein bisschen was in der Birne hatte, der wusste, was dann passiert.“

Viele Erinnerungen: Die Meistermedaillen von Mario Lubadel und Fotos aus seiner Zeit bei der Juniorennationalmannschaft. Untenrechts ist übrigens Lubadels Autogrammkarte zu sehen.

Sportlich ging der Aufstieg des jungen Lubadel in Berlin bis in die Juniorennationalmannschaft weiter - und er merkte, wie die sportliche Leitung die Zügel anzog. Beispielhaft dafür war die Junioren-WM 1987 in Rijeka. „Und die haben wir so richtig in den Sand gesetzt.“ Mit großen Hoffnungen gestartet, blieb am Ende nur die Trostrunde. „Das fanden gewisse Leute gar nicht lustig. Direkt vom Flughafen ging es für uns in ein Leistungszentrum zur Analyse. Das war natürlich nicht gerade erheiternd und hat mich meine Nominierung für den erweiterten Olympiakader gekostet“, blickt Lubadel zurück. Denn die DDR-Nationalmannschaft gehörte zur internationalen Spitze, die Oberliga war vermutlich sogar die stärkste Liga der Welt.

Kahnbeinbruch stoppte ihn

Und dann verlor Lubadel auch noch seinen Platz in seiner Berliner Mannschaft. „Einfach den Verein zu wechseln war nicht möglich.“ Dann erinnerte sich aber doch noch der SC Magdeburg an den Linksaußen. „Das war ein Traum“, so Lubadel, der damals mit Torhüter Wieland Schmidt und Spielmacher Peter Pysall. zusammen spielte. Es lief wieder gut für ihn, er wurde Stammspieler, lief im Europapokal der Landesmeister auf. Doch dann: Kahnbeinbruch. „Ich wäre gern geblieben, doch Dynamo delegierte mich zurück. Das war wie ein Befehl.“

Am 9. November fiel die Mauer und Mario Lubadel saß in seiner Berliner Wohnung am Prenzlauer Berg. „Erst am folgenden Tag habe ich davon erfahren. Im Training wurde uns mitgeteilt, dass wir nicht rüber dürfen. Keiner hielt sich daran.“

Es folgte noch ein Jahr in Brandenburg als Profi. Das Problem: Lubadel hatte keine Ausbildung. Eine Perspektive gab es nicht - bis Steffen Kowalinski anrief und dem heutigen Industriekaufmann eine neue Heimat in Nordhessen anbot. Aber das ist eine andere Geschichte.

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