Mit Petr Hruby tritt einer der Architekten des Melsunger Bundesliga-Aufstiegs zurück – imposante Karriere

Wenn der Beruf zum Hobby wird

Melsungen feierte 2005 den Bundesliga-Aufstieg. Mittendrin (mit Sonnenbrille): Petr Hruby umringt von (von links), Erik Wudtke, Betreuer Heinrich Herwig, Karsten Wöhler, Daniel Holl, Petr Hazl, Mannschaftsarzt Gerd Rauch, Andrej Lawrow, die Aufsichtsratsmitglieder Barbara Braun-Lüdicke und Herbert Rausch sowie der Sportliche Leiter Alexander Fölker. Archivfoto:  Lang/nh

Melsungen. Vier Stationen und eine Rückkehr haben die Handballkarriere von Petr Hruby geprägt. Wir zeichnen sie nach, nachdem der langjährige Kreisläufer der MT Melsungen im Anschluss an die letzte Saison seinen Beruf endgültig zum Hobby gemacht hat. Dem er fortan „nur“ noch in der 3.  Mannschaft der Bartenwetzer in der Bezirksklasse nachgeht.

Pardubice

Geboren 1980 in der Eishockeystadt Pardubice an der Elbe, 80 Kilometer östlich von Prag, schickte Mutter Ivana ihren Filius mit acht Jahren zum Handball. Und hatte ihre Gründe dafür. Das Eishockeytraining war ihr zu früh, denn es fand bereits vor der Schule statt. Und Tischtennis, dem sich Petr seit zwei Jahren widmete, zu körperlos. Denn: Ihr Sohn war alles andere als ein liebes Kind. Eher raubeinig, immer zu Streichen aufgelegt. „Ich hab‘ jeden Mist gemacht“, blickt Hruby leicht schmunzelnd zurück. Dazu kam es danach dank regelmäßigen Trainings nicht mehr, sodass Mutters Kalkül, ihren Zögling auf diese Art zu bändigen, aufging. Zumal dieser rasch Fortschritte machte. Natürlich als Kreisläufer, der Position mit dem meisten Körperkontakt.

Prag

Mit 14 Jahren ging‘s nach Prag aufs Sportinternat vom Erstligisten Dukla. Dort machte der Junioren-Auswahlspieler Talent sein Abitur und debütierte mit 17 Jahren in der Erstliga-Mannschaft sowie kurz darauf sogar in der Nationalmannschaft. Die Rolle des Kükens im Dukla-Kader, das schnell flügge wurde, lag ihm: „Ich habe viel von den älteren Spielern gelernt.“ Und von Trainer Jirí Kotrc, Olympiateilnehmer von 1988. Weiteren Schliff erhielt der 1,87 Meter-Mann von Nationalcoach Trtik, avancierte so zu einem Weltklasse-Kreisläufer, der beidhändig abschloss und (fast) alle Tricks drauf hatte.

Melsungen

Im Juni 2004 machte sich ein voll besetzter Pkw auf den Weg von Prag nach Melsungen. Die Insassen: Die „Tschechen-Fraktion“ Petr Hazl, Radek Musil, Michal Kraus und Petr Hruby sowie Rastislav Trtik. Der tschechische Landesmeister mit Barnek Karvina war vom damaligen Zweitligisten MT Melsungen mit der Maßgabe des Aufstiegs als Coach verpflichtet worden. Und brachte für diese Mission neben Hruby drei weitere Nationalspieler mit nach Nordhessen. Zwar begann das Training erst am 1. Juli, doch der neue Trainer wollte sein neues Arbeitsfeld schon mal erkunden . „Wir haben drei Wochen in einer Pension gelebt. Das war lustig“, erinnert sich Petr Hruby. Danach starteten er und seine Kollegen durch, lehrten dem Unterhaus mit einem ungewöhnlichen 4:2-System das Fürchten. Hruby und Kraus bildeten die aggressive Vorhut, jagten dem verdutzten Gegner so manchen Ball ab, um dann selbst zu vollstrecken. So kamen im Schnitt pro Spiel über 70 MT-Angriffe zusammen – eine Sieggarantie. „Das beste Jahr meiner Karriere“, schwärmt der Kreisläufer.

Auch davon, „wie sich die ganze Stadt über den Aufstieg gefreut und mit uns gefeiert hat.“ Die Party ging weiter verbunden mit „Gänsehaut-Auftritten“ in Kiel oder Flensburg, denn im ersten Jahr im Oberhaus hielt die MT prima mit. Im zweiten hatte sich das Spielsystem abgenutzt. Dazu kamen Risse im Mannschaftsgefüge – und Rastislav Trtik musste im Dezember 2006 gehen. Nach „drei unvergesslichen Jahren“ ging auch Petr Hruby. Von sich aus. Denn Trtik-Nachfolger Robert Hedin hatte mittlerweile auf Thomas Klitgaard als Mann am Kreis gesetzt.

Stralsund

Petr Hruby blieb in der 1. Liga – beim Aufsteiger Stralsund. Doch ein verschleppter Knorpelschaden im Knie, der eine Operation zur Folge hatte, setzte ihn für ein Jahr außer Gefecht. Der Rekonvaleszent nutzte die Zeit, um seinen Umzug nach Melsungen vorzubereiten, wo seine heutige Frau Nadia Schiller auf ihn wartete. Gleichzeitig meldete sein Arbeitgeber Insolvenz an, sodass sein Ostsee-Abenteuer schnell vorbei war.

Melsungen

Die Verletzung blieb fortan ein Thema. Auch bei seinen folgenden Stippvisiten in Halle und Eisenach, so dass Petr Hruby 2011 das Angebot einer Umschulung zur Fachkraft für Lagerlogistik in Kassel annahm und nach Melsungen zurückkehrte. Nicht ohne bei seinem letzten Länderspiel die „100“ vollzumachen.

Der Abschied vom Leistungssport? Nicht ganz. Denn mit Petr Hruby als Leitwolf – einer neuen Rolle, die ihm durchaus zusagte, stieg die Bundesliga-Reserve zweimal von der Bezirksoberliga bis in die Oberliga auf. Der Routinier brillierte am Kreis wie eh und je und bildete mit Spielmacher Mario Schanze ein Traumpaar.

So nahm sein „Hobby“ auf einmal wieder reichlich Raum ein, der auf das Konto seiner Familie und seiner Gesundheit ging. Die Folge: der zweite Rücktritt. Mit der traurigen Note des Abstiegs aus der Oberliga, den auch der Haudegen nicht verhindern konnte. „Einmal muss Schluss sein“, sagt der 36-Jährige. „Schluss“ heißt erneut die Mannschaft von seinem Kumpel André Sperl zu verstärken. Mit zwei bis dreimal Training pro Woche: „Das schaffe ich noch.“

Von Ralf Ohm

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