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Manuela Brütsch: Krise hat Bindung zum Klub verstärkt

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Die Nummer 12 als Markenzeichen: Manuela Brütsch.
Die Nummer 12 als Markenzeichen: Manuela Brütsch trägt diese Ziffer bei den Vipers und in der Schweizer Nationalmannschaft. Mit 38 Jahren hat sie gestern ihr erstes Europameisterschaftsspiel absolviert. © Lange, Matthias

Seit zehn Jahren spielt Manuela Brütsch im Tor der HSG Bad Wildungen. In der aktuellen Bundesliga-Pause ist die Schweizerin bei der EM im Einsatz. Sie sehe ihr Team als Außenseiter, sagt sie im WLZ-Interview.

Bad Wildungen - Die 38-Jährige hat sich mit der EM-Teilnahme einen lang gehegten Traum erfüllt. Sie ist die einzige Vipers-Spielerin bei diesem Turnier. Das Debüt ging allerdings daneben, denn die Eidgenossinnen verloren ihre Auftaktpartie gegen Ungarn mit 23:35. Brütsch bestritt ihr 157. Länderspiel. Sie ist mit Abstand Schweizer Rekordnationalspielerin. Die Torfrau hat auch die meisten Bundesligaspiele für Bad Wildungen absolviert, denn sie feiert in diesem Jahr ein Jubiläum: Brütsch ist seit zehn Jahren eine Viper.

Frau Brütsch, Sie sind Schweizerin und fahren sehr gern Ski . Warum sind sie keine Skifahrerin geworden?

Ja, ich liebe Skifahren, aber nicht leistungsportmäßig. Ich bin auch nicht in den Bergen groß geworden, und wer in der Schweiz im Flachland aufwächst, hat eigentlich keine Chance, Ski-Alpinprofi zu werden.

Nun stehen Sie bei der EM für ihr Land im Handballtor. Viele Mädchen haben Angst vor dem Ball, Sie anscheinend nicht, oder?

Nein. Dass ich keine Angst vor dem Ball hatte, ist tatsächlich der Grund, warum ich im Tor gelandet bin. Es begann mit einem Schulturnier im Fußball, einer musste ins Tor, ich war nicht die Talentierteste, da geht man ja gern ins Tor. In diesem Moment stellte ich fest, dass ich keine Angst vor dem Ball habe, und ich war dann auch schnell recht erfolgreich im Torwartspiel.

Warum nicht Fußballerin? „Wir waren zu viele“

Warum sind sie nicht beim Fußball geblieben?

Ich wollte Fußball spielen, aber es waren damals bei uns zu viele Spielerinnen, es gab sogar Wartelisten in den Vereinen. Nee, darauf hatte ich keine Lust.

Und nun vertreten sie die Schweiz als Torfrau der Handball-Nati erstmals bei einer EM. Was ist da für ihr Team möglich?

Ich denke, wir sind die Kleinen und haben nur eine kleine Außenseiterchance. Wir spielen gegen richtig gute Mannschaften, wie Ungarn, Kroatien und Norwegen. Trotzdem ist es für uns ein Riesenhighlight. Wir werden versuchen, so viel wie möglich aus diesem Turnier mitzunehmen, damit wir in 2024 bei unserer Heim-EM einen guten Auftritt haben.

Sie haben sich erstmals für eine EM qualifiziert. Gibt es Gründe dafür?

Ja, der Schweizer Frauenhandball hat gerade in den letzten Jahren eine Riesenentwicklung gemacht. Der Verband hat vor drei Jahren eine Akademie in der Nähe von Zug gegründet, ähnlich wie in Holland. Sie trägt jetzt die ersten Früchte. Die Spielerinnen werden auch schon direkt ins Nationalteam eingegliedert, und wir haben mittlerweile richtig gute Talente. Die Nachwuchsausbildung ist jetzt mindestens so gut wie in Deutschland, was uns fehlt ist die Breite, weil wir nicht so eine große Auswahl an Spielerinnen haben.

Zur Person

Manuela Brütsch (38) wurde in Dielsdorf im Schweizer Kanton Zürich geboren. Mit 15 kam sie zum Handball. Ihr Erfolgsmotto lautet: Man sollte immer Schritt für Schritt gehen, und manchmal einen Zwischenschritt einlegen. Nach ihrer aktiven Karriere würde sie gern dem Schweizer Handball erhalten bleiben, etwa als Torwarttrainerin, ob im Verein oder in der Nationalmanschaft. (rsm)

Kommen wir zu den Vipers, wo es derzeit in der Bundesliga gut läuft. Sie streifen sich nun schon seit zehn Jahren das Wildunger Trikot über, hat der Verein schon eine kleine Feier für Sie veranstaltet?

Nein, vom Verein kam bisher noch nichts, aber in der Asklepios Helenenklinik haben wir schon mein zehnjähriges Dienstjubiläum gefeiert. Ich arbeite dort halbtags als Sporttherapeutin.

Die Vipers haben schon viele Spielerinnen kommen und gehen sehen. Sie hat man bisher nur kommen sehen. Was hat sie dazu bewegt, diesen Verein treu zu blieben, Angebote gab es doch genug, oder?

Ich bin erst mit 28 Jahren nach Bad Wildungen gekommen, das war schon recht spät. Aber klar, es gab einige Angebote, aber es war nie ein Spitzenklub dabei, dann hätte ich mir einen Wechsel überlegt. Aber so hatte ich keinen Grund zu wechseln, dafür geht es mit hier zu gut und dafür gefällt es mir in Bad Wildungen zu gut. Außerdem ist mir der Verein mittlerweile auch ans Herz gewachsen.

„Wir haben durch Gehaltsverzicht den Verein gerettet“

Es hätte Ihnen keiner für übel genommen, wenn Sie gleich nach ihrer ersten Saison wieder gegangen wären oder sollte man hier besser sagen: geflüchtet wären. Abstieg und Fast-Vereinspleite – warum sind Sie geblieben?

Ja, mein erstes Jahr in Wildungen, war wirklich schwierig. Spielerinnen wie Tessa Bremmer, (damals noch Cocx), Sabine Heusdens, Miranda Robben, ich und andere haben damals den Verein mehr oder weniger gerettet, weil wir auf unser Gehalt verzichteten. Aber aus heutiger Sicht muss ich sagen, diese Krise hat mich und vermutlich auch die anderen Spielerinnen irgendwie mehr mit Bad Wildungen verbunden. Es war eine prägende Situation, wir haben viel gegeben und danach wollten wir auch sportlich das ernten, in was wir damals investiert hatten. Deswegen war klar, dass ich erst einmal hier bleibe. Wir sind dann auch sofort wieder in die Bundesliga aufgestiegen. Man hat zu einem Verein auch eine andere Verbindung, wenn man so viel gegeben hat. Viele dieser Spielerinnen von damals sind in Bad Wildungen geblieben.

Manuele Brütsch im Tor
Eine Ausnahme in zehn Jahren: Manuela Brütsch beim Final Four im DHB-Pokal in Stuttgart, das die Vipers im Mai 2018 erreichten. © Lange, Matthias

Welche Vipers-Mannschaft war in den zehn Jahren die beste?

Das ist schwer zu sagen, der Handball hat sich auch stetig weiterentwickelt. Ich denke mal, dass wir im vergangenen Jahr vielleicht qualitativ die beste Mannschaft, mit den besten Einzelspielerinnen hatten, aber leider nur auf dem Papier. An diesem Team konnte man deutlich sehen, gute Handballerinnen allein machen noch keine gute Mannschaft, denn in dieser Saison sind wir in der Breite des Kaders viel schwächer besetzt, aber wir sind als Team extrem gewachsen.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Es sind weniger Individualisten im Team, und ich glaube auch, dass jede Spielerin ihre Rolle in der Mannschaft besser kennt und diese Rolle besser akzeptiert. Auch wer wenig spielt, geht positiv damit um, indem wir uns weiter gegenseitig pushen. Wir ziehen an einem Strang und keiner will sein eigenes Ding machen.

Wie würden Sie die heutige Mannschaft charakterisieren?

Sie hat auf jeden Fall viel Team- und viel Kampfgeist, sie ist überraschend nervenstark –(sie überlegt einige Sekunden) – und, ja, wir haben auch wieder mehr Spaß miteinander.

„Das Spiel ist schneller und dynamischer geworden“

Sie schauen nun sein zehn Jahren dem Treiben in der Bundesliga zu. Wie hat sich der Handball verändert?

Das Spiel ist viel schneller und dynamischer geworden, auch durch neue Regeln.

Wie hat sich das Torwartspiel verändert?

Wenn das Spiel schneller wird und die Feldspielerinnen, muss die Torfrau natürlich auch schneller werden, nicht nur in ihren Reaktionen, sondern auch in ihrer Auffassungsgabe, etwa beim Einleiten von Gegenstößen.

Sind die Würfe heute härter?

Ich kann nicht beurteilen, ob eine Nadine Krause, oder wen es da früher noch gab, härter oder weicher geworfen haben als es die heutigen Topspielerinnen tun. Mir fällt aber auf, dass sich der Frauenhandball vor allem international extrem verändert hat, ich spiele seit 20 Jahren Nationalmannschaft und da ist vieles professioneller geworden.

Manuela Brütsch 2012
Angekommen: Manuela Brütsch 2012, erstmals im Dress der Vipers. © Jens Kaliske

Wie hat sich die Torfrau Manuela Brütsch in den zehn Jahren verändert?

Ich glaube um einiges, denn ich habe heute eine ganz andere Rolle. Ich muss der Mannschaft mehr Sicherheit und Ruhe geben, das ist für den Kopf etwas anderes. Als ich in die Bundesliga kam, war ich ein No-Name, ich habe zwar an mich hohe Erwartungen gehabt, aber die Erwartungen von außen an mich waren nicht so hoch, wie sie heute sind. Als es im letzten Jahr für mich nicht so optimal lief, habe ich manchmal mit mir selbst zu kämpfen gehabt, aber heute fühle ich mich wieder sicherer. Die Erfahrung hilft mir, schneller wieder positiv zu denken.

Kann man sein Torwart-spiel mit 38 Jahren noch verbessern?

Ja, natürlich. Eine Baustelle wird bei mir wohl nie fertig: Schnelle Konterpässe spielen, da arbeite ich immer noch viel daran. Ähnlich ist es beim Timing. Es gibt Tage, da passt das Timing, da reagiere ich im richtigen Moment, und manchmal passt es nicht. Hier ist Geduld gefragt, um richtig zu reagieren.

Wie oft stellen Sie sich nach einer guten Parade die Frage: Huch, wie habe ich denn das gemacht?

Nicht so oft, natürlich kommt das aber auch vor. Torwartspiel ist auch viel Intuition.

Wie lange wollen Sie noch Bälle auf diesem hohen Leistungsniveau halten?

Mein Ziel ist die EM in der Schweiz, dann bin ich 40 Jahre alt, dann reicht es auch.

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