Peter Barthelmey musste vor 40 Jahren in Gensungen gehen

Ein Blick zurück: Denkwürdiger Trainerwechsel in Gensungen

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40 Jahre nach dem großen Triumph wieder vereint: (von links) der ehemalige Mannschaftsarzt Hans-Friedrich Koch, Betreuer „Biene“ Reuse und Trainer Peter Barthelmey.

Gensungen. Trainerwechsel sind keine Rarität. Trotzdem sorgen sie manchmal für Aufregung. Wir blicken auf einen denkwürdigen Trainerwechsel vor 40 Jahren zurück.

Wenn sie so plötzlich kommen wie etwa die Trennung zwischen dem Handball-Bundesligisten MT Melsungen und seinem langjährigen Coach Michael Roth. Aber das Kapitel Melsungen/Roth ist im Vergleich zu dem Drama, das sich vor 40 Jahren in Gensungen abspielte, die pure Idylle. Wochenlang hatten Gensungens Handballfans den Aufstieg ihres TSV Jahn in die Handball-Bundesliga ausgelassen gefeiert.

Hatten die Bürgersteige in den Vereinsfarben grün und weiß gestrichen. Hatten die Spieler - ihre Aufstiegshelden - immer wieder hochleben lassen. Und hatten auch ein bisschen mehr Alkohol getrunken als sonst.

Schlagzeile: So berichtete die HNA am 30. Juni 1978 über die Ablösung von Peter Barthelmey als Trainer von Bundesliga-Aufsteiger Gensungen. Autor des Artikels war der spätere Sport-Chef Rolf Wiesemann.

Dann schlug die Nachricht wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein: Peter Barthelmey wurde entlassen. Der Meistermacher, als Spielertrainer der Vater des Aufstiegs, der sich nun darauf freute, seine Mannschaft in den Wettbewerb mit Weltklasse-Handballern zu schicken, an deren Seite er wenige Jahre zuvor noch in der Nationalmannschaft gespielt hatte. Also würde er seine Abwehr gut einstellen können auf die Tricks von Peter Bucher, Joachim Deckarm, Armin Emrich oder Heiner Möller. Und er hatte dafür auch schon eine schriftliche Zusage - auf einem Bierdeckel.

Hardy Prinz wurde Trainer

Dann klingelte bei der Familie Barthelmey in Marburg das Telefon. Der Gesprächspartner, ein Vorstandsmitglied, an dessen Name sich heute keiner mehr erinnern kann (laut HNA war es Abteilungsleiter Harald Olszenka), war kurz angebunden. Er teilte Peter Barthelmey lediglich mit, dass Gensungen für die Bundesliga-Saison 78/79 Hardy Prinz als Trainer verpflichtet hatte. Barthelmeys Vorgänger, der drei Jahre vergeblich versucht hatte, was Barthelmey in wenigen Monaten gelungen war: den Aufstieg in die Erstklassigkeit.

Jörg Anacker

Auch 40 Jahre danach ist Peter Barthelmey noch fassungslos. „Ich habe damals die Welt nicht mehr verstanden. Und ich kenne den Grund für meine Entlassung immer noch nicht“, sagt der mittlerweile 72-Jährige. Den Spielern erging‘s ähnlich. „Wir hätten ihn gern als Trainer behalten und haben die Entscheidung kritisiert“, erinnert sich Linksaußen Jörg Anacker. Eine interne Abstimmung gewann der Erfolgscoach mit 13:2, doch wegen Prinz den Verein verlassen, wollte schließlich keiner.

Kapitel Handball beendet

Barthelmey ist es nicht leicht gefallen, sich mit dem unbegreiflichen Entschluss der Gensunger Funktionäre abzufinden. Jedenfalls war das Kapitel Handball für den in Fritzlar aufgewachsenen Zwei-Meter-Mann schlagartig beendet. Golf und Tennis hießen fortan die Tröster. Barthelmey war gut, aber nicht Weltklasse wie vorher beim Handball.

Dann fing die Zeit an, die Wunde zu heilen und der Lehrer für die Fächer Englisch und Sport führte ein beschauliches Leben zwischen Schule, Golf- und Tennisplatz. Bis zum 17. März 2005. Am Tag, an dem sein Sohn Lars Barthelmey - leidenschaftlicher Motorradfahrer und Besitzer einer Maschine wie der große Valentino Rossi - seine Fähigkeiten überschätzte. Für seinen Vater ändert der Unfalltod seines einzigen Kindes alles. Der damals 59-Jährige quittierte den Schuldienst, stellte Golf- und Tennisschläger in die Ecke und verlor den Lebensmut. Heute sagt er: „Die Traurigkeit war allgegenwärtig. Die Tage waren freudlos, und nachts war an Schlaf nicht zu denken.“

Feierlichkeiten nach 40 Jahren

Dann kamen die Krebserkrankung und die Operation, vor der ihm die Ärzte nur geringe Hoffnungen machten. Peter Barthelmey hat überlebt und will sich erneut ändern: „Die erfolgreiche Operation war meine Wiedergeburt. Daraus will ich etwas machen.“ Bald werden Golf-und Tennisschläger wieder aus der Ecke geholt.

Und an den Gensunger Feierlichkeiten zum 40-jährigen Jubiläum des Aufstiegs nahm er auch teil, ließ sich erstmals seit langer Zeit wieder in der Hölle Nord blicken. Und natürlich war der Bierdeckel ein großes Thema. Blieb aber unauffindbar. 

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