Handball-Bundesliga: Ex-Rhumetaler zieht positive Zwischenbilanz

Lukas Diedrich aus Lindau überzeugt bei Tusem Essen

Essens Torwart Lukas Diedrich springt in die Luft und versucht einen Ball zu parieren.
+
Gegen die Füchse Berlin kassierten Lukas Diedrich und sein Team noch eine knappe 23:24-Heimniederlage. Kurz darauf gegen Stuttgart hatte Tusem das bessere Ende für sich.

Aus dem Rhumetal in die stärkste Handball-Liga der Welt! Diesen sensationellen Sprung hat Lukas Diedrich geschafft, der in Lindau groß wurde und mittlerweile bei Tusem Essen das Tor hütet.

Lindau / Essen – Am 1. Juli 2020 begann für Lukas Diedrich, der die Grundlagen des Handball-ABC bei der HSG Rhumetal lernte, das Abenteuer Handball-Bundesliga. Der junge Torhüter spielt mit Aufsteiger Tusem Essen in der stärksten Liga der Welt, misst sich mit Nationalspielern, Welt- und Europameistern. Am Wochenende ließ Diedrich im Heimspiel gegen Stuttgart mit einer bärenstarken Vorstellung aufhorchen. Danach stand der Junioren-Nationalspieler unserem Mitarbeiter Andreas Schridde Rede und Antwort.

27:20-Sieg gegen Stuttgart. Das war unerwartet deutlich, oder?

Diedrich: Seit Wochen haben wir gegen starke Gegner richtig gut gespielt und lange das Spiel offen gestaltet. Leider hat es bis dahin nie ganz gereicht. Wir wissen mittlerweile, dass wir gegen jede Mannschaft Punkte holen können. Dass es jetzt gegen Stuttgart geklappt hat, ist fantastisch. Dass der Sieg so deutlich ausgefallen ist, lag daran, dass wir uns in einen Rausch gespielt haben. Sowohl in der Abwehr als auch im Angriff waren wir voll konzentriert. So kam es zu keinem Bruch in unserem Spiel, mit dem wir durch eigene Fehler in früheren Partien häufig den Gegner stark gemacht haben.

Sie hatten mit 46 Prozent gehaltener Bälle eine überragende Quote.

Diedrich: Ich freue mich natürlich sehr darüber. Direkt nach meiner Einwechslung halte ich einen Wurf und bin dadurch sofort im Spiel. Die Abwehr vor mir hat sehr gut gearbeitet und die offenen Räume immer wieder gut geschlossen. Das ist immer ein Zusammenspiel von Abwehr und Torhüter. Der Eine kann nicht ohne den Anderen gute Leistungen bringen. Zudem haben wir uns wie immer mit unserem Torwarttrainer gut auf die gegnerischen Spieler eingestellt.

War dieser Erfolg so etwas wie der große Befreiungsschlag im Kampf um den Klassenerhalt?

Diedrich: Fakt ist, dass wir weiterhin mittendrin sind im Kampf um den Klassenerhalt. Am kommenden Sonntag haben wir das nächste wichtige Spiel gegen Nordhorn, in dem es für uns um sehr viel geht. Jeder Sieg ist für uns als Mannschaft enorm wichtig. Vielleicht können wir nach der Saison sagen, dass dieses Spiel gegen Stuttgart den Knoten zum Platzen gebracht hat. Ich würde es mir wünschen, aber zum jetzigen Zeitpunkt kann man das schlecht bewerten.

Wie fällt Ihre persönliche Zwischenbilanz nach einem halben Jahr 1. Bundesliga aus?

Diedrich: In dieser Zeit habe ich viele neue Erfahrungen gesammelt und die ersten Schritte im Profihandball absolviert. Wir haben wirklich eine gute Mannschaft mit hochtalentierten Spielern und gleichzeitig verstehen wir uns menschlich untereinander top. Meine persönliche Bilanz ist durchweg positiv, sportlich entwickle ich mich weiter und neben dem Handball fühle ich mich auch so in Essen sehr wohl.

Was hat Sie bisher am meisten überrascht?

Diedrich: Die englischen Wochen, in denen wir drei Spiele hatten und davon vielleicht auch zwei auswärts absolvieren mussten. In diesen Wochen kommt man gefühlt zu nichts anderem mehr. Wenn wir einen Tag vorher zu einem Auswärtsspiel anreisen und nach dem Spiel erst wieder zwischen 4 und 6 Uhr morgens zu Hause sind, aber schon um 16 Uhr wieder trainieren müssen, weil wir uns auf den nächsten Gegner vorbereiten - da vergisst man manchmal sogar, welchen Wochentag wir gerade haben.

Die 1. Bundesliga ist ein Sammelbecken für Weltklasse-Handballer. Wie gehen die mit einem Nachwuchs-Talent wie Ihnen um?

Diedrich: Bisher habe ich die allermeisten als total sympathische und höfliche Menschen kennengelernt. Carsten Lichtlein war zum Beispiel seit Anfang des Jahres schon drei Mal bei einem Lehrgang der U21-Nationalmannschaft als Torwarttrainer dabei und hat mit uns Trainingseinheiten absolviert. Ein extrem offener und positiver Mensch, mit dem man über alles reden konnte, obwohl man sich erst noch kennenlernen musste.

Wie sehr beeinträchtigt die Corona-Pandemie das Erlebnis 1. Bundesliga?

Diedrich: Die absolute Hauptbeeinträchtigung ist natürlich, dass wir keine Zuschauer bei den Spielen haben. Sicherlich wäre es sehr interessant, die Atmosphäre in den unterschiedlichen Hallen kennenzulernen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt haben sich schon alle daran gewöhnt.

Schafft Tusem den Klassenerhalt?

Diedrich: Ja. Jeder in unserer Mannschaft hat dieses Ziel vor Augen und glaubt auch daran. Was andere über uns sagen oder denken, ist absolut irrelevant.

Welche Gedanken schossen Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Drohbrief gegen Bundestrainer Alfred Gislason erfahren haben?

Diedrich: Es ist erschreckend und abscheulich, dass Menschen einen derartigen Hass gegenüber anderen Menschen entwickeln können. Rassismus und Intoleranz habe ich in dieser Form in unserer Sportart noch nicht erlebt. Umso wichtiger war es, dass die gesamte Handballfamilie zusammenstand und ihre Stimme dagegen erhoben hat.

Was trauen Sie der deutschen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio zu?

Diedrich: Das Qualifikationsturnier lief ziemlich gut. Wenn sich in der verbleibenden Bundesligasaison keine Spieler mehr verletzen, dann traue ich unserer Mannschaft das Erreichen des Halbfinals zu. Ab diesem Zeitpunkt entscheiden Kleinigkeiten und die Tagesform.

Gucken Sie in Ihrer Freizeit eigentlich auch noch andere Handballspiele?

Diedrich: Selbstverständlich schaue ich mir auch gerne Partien im Fernsehen an, wenn wir nicht gerade selbst in der Halle stehen. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass ich manchmal Abstand gewinnen möchte, um abschalten zu können. Dann bleibt der Fernseher aus. (von Andreas Schridde)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.