Edertaler Provinzklub in der Bundesliga

Vor 40 Jahren: Als Gensungens Handballer erstklassig wurden

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Die Aufsteiger: Hinten von links: Masseur Robert Steidler, Spielertrainer Peter Barthelmey, Karl-Otto Barthelmey, Boban Selec, Jürgen Steinbach, Uli Faber, Franz Wagner und Betreuer Heinrich Bernhardt. Vorn von links: Uli Kranz, Jörg Anacker, Jochen Boland, Jürgen Busse, Manfred Umbach und Uwe Waldschmidt.

Wenn die Handballer der ESG Gensungen am heutigen Samstag gegen Wiesbaden antreten (19.30 Ihr, Kreissporthalle), dann werden vor dem Anpfiff die Aufstiegshelden von 1978 gewürdigt. Jene Männer, die den Provinzklub in die Bundesliga führten.

Einer arbeitet als Maschinenschlosser, ein Anderer ist Lehrer, und der Dritte geht noch in die Schule. Aber so ganz nebenbei sind sie Handballer, und sie beherrschen das Spiel mit dem kleinen Lederball so gut, dass sie sich an diesem 7. Mai 1978 anschicken, mit dem TSV Jahn Gensungen in die Bundesliga aufzusteigen.

Nun, 40 Jähre später, treffen sie sich: Torjäger Franz Wagner (damals 30), Linksaußen Jörg Anacker (26) und Uwe Waldschmidt (18), der eigentlich noch in der A-Jugend spielt und von Trainer Peter Barthelmey dorthin beordert wird, wo gerade einer fehlt. Und sie erzählen, wie der Tag war, an dem der TSV Jahn Gensungen in die Handball-Bundesliga aufgestiegen ist.

Die Mannschaft, die damals den Edertalern den Aufstieg verwehren will, heißt Reinickendorfer Füchse, ist Berliner Meister und hat die eigenen Ambitionen beim Hinspiel fast schon vergeigt. In der Gensunger Kreissporthalle hat der TSV Jahn am 29. April einen klaren 20:13-Sieg gefeiert, sodass das Rückspiel in der Charlottenburger Sporthalle für die Gensunger nicht mehr als eine Pflichtübung zu sein scheint. DAS VORGEPLÄNKEL

Jetzt aber widersprechen Wagner, Anacker und Waldschmidt vehement. „Trotz des Sieben-Tore-Vorsprungs sind wir als Außenseiter nach Berlin gefahren“, sagt Jörg Anacker. Und schnell wird klar, dass die Berliner im Kampf um den Aufstieg nicht nur auf den fairen sportlichen Wettstreit setzen. Die Füchse versuchen alles, um ihre Kontrahenten zu verunsichern. Das beginnt bei der Unterkunft, in der eine ausgelassen feiernde Hochzeitsgesellschaft in der Nacht vor dem Spiel den Handballern aus Gensungen den Schlaf raubt. Das setzt sich mit der unchristlichen Anwurfzeit um 11 Uhr fort, geht weiter mit einer total überheizten Halle und endet vorerst mit der Präsentation des ungewöhnlich großen Spielgeräts, das einem Fußball ähnlich sieht und mit einem Handball nur wenige Gemeinsamkeiten hat. „Bei so viel Ungemach fühlten wir uns natürlich bestätigt“, sagt Anacker. „Wir waren die Außenseiter.“

Der Jubel nach dem Triumph: Von links: Uli Kranz, Jochen Boland, Peter Barthelmey, Uwe Waldschmidt und Boban Selec.

DAS SPIEL

Die Gensunger sind nervös, aber beim – aus Gensunger Sicht – 6:8-Halbzeitstand hat die Mannschaft aus dem Edertal insgesamt noch ein komfortables 26:21-Polster. Doch der Vorsprung schmilzt. In der 37. Minute führen die Füchse 12:6 und liegen insgesamt nur noch 25:26 zurück. Aber: Mehr als einen Sechs-Tore-Rückstand lassen die Gensunger nicht mehr zu, und das 11:17-Endergebnis ist in Wirklichkeit ein Triumph, denn es reicht zum Aufstieg. DIE FEIER

Unterdessen grübeln die Fans im heimischen Gensungen, wie sie den Spielern einen angemessenen Empfang bereiten können. Und sie lassen sich schließlich einen hübschen Gag einfallen, indem sie einige Bürgersteige in den Vereinsfarben grün und weiß anstreichen. Franz Wagner, Jörg Anacker und Uwe Waldschmidt streiten nicht ab, dass ein wenig Alkohol geflossen ist. Aber die Gensunger Handballer sind keine Profis, und schon am Montag ruft wieder die Pflicht.

Maschinenschlosser Wagner tritt pünktlich um sieben im Ausbesserungswerk der Bundesbahn in Kassel zur Arbeit an, und Lehrer Anacker erscheint zum Unterricht an der Gesamtschule in Guxhagen. Nur Schüler Waldschmidt schwänzt. Den Montagvormittag verbringt er nicht in seiner Rotenburger Schule, sondern in irgendeinem Gensunger Bett. DIE FOLGENDE SAISON

Auch Handball-Wunder gibt es nicht jedes Jahr. Schon am Tag des Aufstiegs ist klar, dass der TSV Jahn Gensungen in der Bundesliga zu den Abstiegskandidaten zählen wird. In der Gensunger Kreissporthalle werden zwar einige Achtungserfolge gefeiert, doch nur zwei Punkte aus den Auswärtsspielen sind zu wenig, um das Unheil des Abstiegs abzuwenden. Eine Saison nur spielen die Aufstiegshelden aus dem Edertal in der Bundesliga.

Am heutigen Samstag Vorstellung der Legenden

Im Rahmen des letzten Saison-Heimspiels der ESG Gensungen/Felsberg treffen sich die Spieler jener legendären Mannschaft, die vor 40 Jahren sensationell den Aufstieg in die Handball-Bundesliga geschafft hat. Die Feier beginnt am heutigen Samstag um 18 Uhr in der Gaststätte in der Kreissporthalle. Gegen 19.15 Uhr haben die Legenden dann ihren ersten Auftritt vor dem Publikum, denn die Meistermannschaft wird kurz vor dem aktuellen ESG-Spiel gegen Wiesbaden auf das Feld gebeten und den Fans vorgestellt. (geb)

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