Nach der WM im eigenen Land

Handball-Boom in Deutschland? Die Chance war nie größer

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Nach dem Spiel um Platz 3: Die DHB-Auswahl hat eine Handball-Begeisterung ausgelöst.

Millionen Zuschauer, volle Hallen, tolle Stimmung: Die Handball WM 2019 hat gezeigt, welche Begeisterung der Sport auslösen kann. Die Chance auf einen längeren Boom war nie größer, meint HNA-Sportredakteur Robin Lipke.

Machen wir uns nichts vor: Selbst wenn die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) Weltmeister geworden wäre, würde die Sportart dem Fußball hierzulande nicht den Rang ablaufen. Darum geht es auch gar nicht. Vielmehr hat das Turnier in Deutschland und Dänemark gezeigt, welche Begeisterung der Handball auslösen kann.

Nach dem Titel bei der Heim-WM 2007 und nach dem EM-Triumph 2016 haben es die Verantwortlichen schlichtweg versäumt, den Boom zu nutzen – damit sind sowohl Fernsehsender als auch Funktionäre gemeint. Ziemlich schnell verschwanden die Bundesliga und vor allem die Nationalmannschaft wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung. Obwohl die Zugpferde ja da waren. Dass es seit anderthalb Jahren eine umfassende Berichterstattung über die Bundesliga gibt, ist zumindest eine kleine Besserung. Allerdings nur beim Bezahlsender Sky. Die ARD übernimmt lediglich einen geringen Teil.

Dabei sollten gerade die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Schlüsse aus der Euphorie der vergangenen zweieinhalb Wochen ziehen. Nichts gegen Skeleton, Rodeln oder Langlauf – aber eine berechtigte Frage lautet: Stimmen die Relationen, wenn für Sportarten, die in Deutschland nur wenige betreiben, viel Zeit, viel Personal und viel Geld investiert werden, und das jedes Wochenende?

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Ungeachtet dessen, sollte allen klar sein: Die Chance für einen längerfristigen Handball-Boom war nie größer – nicht nur wegen der neu entflammten Faszination für diesen abwechslungsreichen Sport. Die Chance ergibt sich in erster Linie daraus, dass die Entwicklung des Fußballs erschreckende Züge angenommen hat. Das fängt mit aberwitzigen Geldbeträgen für Gehälter, Ablösesummen und TV-Verträge an und endet mit Profis, die mit ihren 19, 20 Jahren bereits so auftreten, als hätten sie jede Bodenhaftung verloren. Von der Masse an Wettbewerben und belanglosen Länderspielen wollen wir erst gar nicht anfangen.

Kurzum: Der Fußball verliert an Ansehen. Die Schauspielerei, das Theater, die durchgestylten Typen. Beim Handball wälzen sich die Profis nicht auf dem Boden herum, da wird nicht lamentiert und: Da bringt keiner eine Modemarke heraus. Womit die Protagonisten während der WM vor allem gepunktet haben, war ihre Nahbarkeit. Oder einfacher ausgedrückt: ihre Normalität. Erfrischend war das.

Genau das muss der Handball für sich nutzen. Nicht zuletzt ist es höchste Zeit, dass dem von der Basis entrückten Fußball in Sachen TV-Präsenz etwas entgegengesetzt wird. Und zwar jetzt – und nicht erst nach dem nächsten erfolgreichen Handball-Großturnier.

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