Christian Prokop: "Wir waren nicht clever genug"

Wie bitter: Deutschlands Handballer verlieren in letzter Sekunde WM-Bronze

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Tief enttäuscht: Jannik Kohlbacher nach der Niederlage gegen Frankreich. 

Diese Schlussphase war nichts für schwache Nerven: Im Spiel um den dritten Platz hatten die deutschen Handballer kurz vor Ende die Chance zum Sieg über Frankreich. Doch dann gab es WM-Tränen.

"Scheiße." Ein Wort reichte dem deutschen Handballtorwart Silvio Heinevetter aus, um den Ausgang des kleinen Finales gegen Frankreich zusammenzufassen. Tatsächlich erlebten der Torwart der deutschen Handball-Nationalmannschaft und seine Kollegen ein Ende, wie es bitterer nicht sein kann. Eine Sekunde vor dem Abpfiff traf Superstar Nikola Karabatic für die Equipe Tricolore nach einem schnellen Gegenstoß zum 26:25 (9:13)-Sieg – der Wurf zur Bronzemedaille.

Dabei hatte das deutsche Team noch Augenblicke zuvor selbst die Möglichkeit, eine überzeugende Leistung mit Rang drei zu krönen: Nach einer Parade von Heinevetter läuft Matthias Musche den Gegenstoß. Anstatt den Ball zu sichern, versucht er ein Anspiel an Hendrik Pekeler. Doch der Hüne kommt genauso wenig an das Leder wie Jannik Kohlbacher. Der Ball ist weg. Ein Konter. Ein Abschluss. Ein Tor. Deutschland geschlagen.

„Wir haben alles dafür investiert, dass wir auf dem Siegerpodium stehen können. Das ist jetzt sehr bitter“, erklärte Christian Prokop. Der Bundestrainer räumte allerdings auch ein: „In der zweiten Halbzeit stellen wir uns nicht clever genug an.“

Drei Stunden vor dem Anwurf des Spiels um Platz drei hatte der Veranstalter schon einmal die Abschlusszeremonie am Abend geprobt. Danach belegte die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) den Bronzerang. Ein gutes Omen? Jedenfalls fand das Team von Bundestrainer Christian Prokop gut in die Partie. Kein Vergleich zur Leistung am Freitagabend im Halbfinale gegen Norwegen, das der Europameister von 2016 deutlich in Hamburg mit 25:31 verloren hatte. Es wurde vor 14 121 Zuschauern schon in der Anfangsphase deutlich: Die Pleite gegen die Skandinavier war raus aus den Köpfen.

Nur zweimal lag Deutschland im ersten Durchgang zurück: beim 1:2 und beim 4:5. Ansonsten schaffte es der Co-Gastgeber dieser Weltmeisterschaft immer wieder, Lücken in den französischen Abwehrverband zu reißen. Paul Drux dirigierte, und Kapitän Uwe Gensheimer sowie Kreisläufer Patrick Wiencek schlossen erfolgreich ab (13:9, 30.). Und vor allem: Es gab wieder ein Zusammenspiel zwischen der eigenen Deckung und Torwart Andreas Wolff – gegen Norwegen passte in diesem Mannschaftsteil einiges nicht.

Wenn nun Kritik angebracht war – dann für die fehlende Abgezocktheit der deutschen Mannschaft. Zu schnell wurden Führungen hergegeben. Auch nach der Pause: Den ersten deutschen Treffer warf Fabian Böhm zum 14:12 (36.). Kurz darauf gerieten er und seine Kollegen aber trotzdem mit 14:15 ins Hintertreffen (38.). Fast noch bitterer: die Rote Karte gegen Wiencek (38.). Der Kieler haderte mit dieser Entscheidung: „Von den drei Zwei-Minuten-Strafen hätte man aus meiner Sicht maximal eine geben können.“ Schon gegen Norwegen hatte das DHB-Team in der entscheidenden Phase mit Hendrik Pekeler einen Abwehrstrategen verloren – und nun diese Schwächung.

Wolff parierte – anders als zwei Tage zuvor – einige freie Bälle. Gut 1000 deutsche Anhänger spürten, dass die Mannschaft Unterstützung braucht. Die „Deutschland, Deutschland“-Rufe wurden lauter – und Gensheimer glich zum 19:19 aus (49.). Jetzt war es das packende Duell, was sich die Zuschauer erhofft hatten. Wer Krimis mag, der kam auf seine Kosten – und der Tatort war die Jyske Bank Boxen in Herning. „Die letzten beiden Minuten waren sehr hart. Beide Teams hätten das Spiel gewinnen können“, betonte Nikola Karabatic.

Der deutsche Regisseur Tim Suton zollte dem Sieger Respekt: „Man hat gesehen, dass die Franzosen schon oft genau solche Spiele gespielt haben.“ „Das wird dauern, bis ich diese Niederlage verarbeitet habe“ ergänzte Wiencek. Das passende Wort zu diesem Tag nahm er nicht in den Mund – nur Heinevetter.

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