Spieler der MT Melsungen wurde vor Turnier aus Kader gestrichen

"Tschausen ihr Banausen": Handballer Tobias Reichmann sorgt für Unmut beim DHB

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Reiste spontan in den Urlaub: Der Melsunger Handballer Tobias Reichmann.

Urlaub in Orlando statt Handball in Berlin: Der aussortierte Tobias Reichmann sorgt zum Start der Heim-WM für reichlich Wirbel. Für den DHB kommt der Ärger zur Unzeit.

Aktualisiert um 16.09 Uhr - Den ganzen Wirbel bekam Tobias Reichmann schon gar nicht mehr mit. Der aussortierte Europameister war längst im sonnigen Florida gelandet, als sein spontaner Urlaubstrip, garniert mit einem vielsagenden Abschiedsgruß, in der Heimat hohe Wellen schlug. Urlaub in Orlando statt Handball in Berlin: Der Reichmann-Ärger platzte mitten in die WM-Euphorie und traf den Verband kurz vor dem Eröffnungsspiel gegen Korea zur Unzeit.

"Ich bin dann mal weg. Wieso, weiß ich gar nicht genau...Ahhh, doch...Spontanurlaub", schrieb der Rechtsaußen von Bundesligist MT Melsungen auf Instagram und postete ein Bild von sich am Flughafen, versehen mit dem Hashtag "sorrynotsorry". Ein weiteres Selfie vor seinem Abflug, über das auch das ARD-Morgenmagazin berichtete, kommentierte Reichmann mit der Botschaft "Tschausen ihr Banausen".

Es war die erste öffentliche Reaktion von Reichmann auf seine überraschende Aussortierung durch Bundestrainer Christian Prokop am vergangenen Sonntag. Am Donnerstag legte der 30-Jährige, der für die WM noch auf Abruf steht, mit einem Foto vom nächtlichen Orlando sogar noch einmal nach: "Berlin äähhh Orlando by night", schrieb er.

Helle Aufregung beim DHB vor Turnierstart

Beim Deutschen Handballbund (DHB) herrschte am Donnerstag helle Aufregung. Hinter den Kulissen wurde heiß diskutiert, wie mit dem offensichtlichen Affront umzugehen ist. Doch um die wochenlang entfachte Euphorie rund um den WM-Start nicht zu gefährden, verzichteten Prokop und die Verbandsspitze zunächst auf Konsequenzen. Zumal Reichmann die einzige personelle Alternative zu Rechtsaußen Patrick Groetzki darstellt.

"Wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Spieler, die da sind. Sie haben unser vollstes Vertrauen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning dem SID zerknirscht. Sollte Groetzki verletzungsfrei bleiben, dürfte eine Rückkehr Reichmanns ins Team damit ausgeschlossen sein.

Bei Weltmeister-Trainer Heiner Brand hätte Reichmann wohl keine Chance mehr gehabt. "Die Spieler, die unter mir gespielt haben, die wissen, wie ich reagiert hätte", sagte Brand auf SID-Nachfrage. Über eine WM-Nachnominierung von Reichmann müsse Bundestrainer Prokop entscheiden, "aber ich kann mir vorstellen, dass sich das Thema damit erledigt hat."

Ex-Welthandballer Daniel Stephan kommentierte süffisant: "Florida ist doch ein schönes Reiseziel. Und das Wetter ist auch besser."

Nachnominierung nicht mehr vorstellbar

Hanning gab sich derweil alle Mühe, den Schaden in Grenzen zu halten und betrieb Krisenkommunikation. "Tobi wollte einmal ganz raus und abschalten. Die Enttäuschung bei ihm ist riesengroß", sagte Hanning. Reichmann könne bei Bedarf schnell wieder beim Team sein. Mit dann aber rund zwölf Stunden Flug in den Knochen würde ein Einsatz nur wenig Sinn machen.

Coach Prokop, der am Sonntag betont hatte, wie wichtig es sei, dass Reichmann "im Sinne bei dieser Mannschaft bleibt", kann im Turnierverlauf bis zu drei Wechsel im Kader für die Handball-WM 2019 vornehmen. Dafür stehen zwölf Spieler aus dem erweiterten Kader zur Verfügung - zu ihnen zählt auch Reichmann.

Der Frust bei Reichmann ist durchaus nachvollziehbar, seine Art der Kritik nicht. Der sprunggewaltige Flügelspieler war beim sensationellen Titelgewinn bei der EM 2016 bester deutscher Torschütze und landete mit 46 Treffern aus acht Spielen auf Rang zwei für das Turnier. Zudem wurde er ins All-Star-Team der EM gewählt.

"Überraschen tut einen zwar nichts mehr, aber damit habe ich nicht gerechnet. Das hatte sich nicht angedeutet", sagte Groetzki über die Entscheidung gegen Reichmann.

Das sagt die MT Melsungen

Ob Reichmann mit diesen Äußerungen vielmehr seinen Abschied aus der Nationalmannschaft einleitet, vermag Axel Geerken nicht zu beurteilen: „Wir haben ihm geraten, erst einmal runter zu kommen und ein paar Tage Urlaub zu machen“, sagt der MT-Manager, fügt aber hinzu, dass er selbst ein anderes Ziel gewählt hätte.

Eine böse Absicht vermutet Geerken hinter den Instagram-Nachrichten allerdings nicht. Der MT-Geschäftsführer geht davon, dass es nicht Reichmanns Intention war, jemanden zu provozieren. „Tobi hat seiner Enttäuschung Ausdruck verliehen und wollte niemanden persönlich anfeinden“, sagt Geerken. 

Nun könne die Zeit aber nicht zurückgedreht werden, und hinterher sei man immer schlauer: „Als Klub hätten wir ihm sicherlich nicht zu solch einer Aktion geraten. Aber wir sind nicht für seine Kanäle verantwortlich“, sagt Geerken.

SID/lip

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