"Für jeden Kommentar bekommst du eins auf die Fresse"

Meinungsfreiheit: Ex-Handball-Star Stefan Kretzschmar hat recht und liegt doch daneben

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Handball ist der absolute Wahnsinn: Das schreibt Stefan Kretzschmar in seinem Buch "Hölleluja", das der ehemalige Linksaußen in Berlin vorstellte. Nun wird aber vor allem über ein Interview geredet.

Ex-Handball-Star Stefan Kretzschmar klagt, dass es in Deutschland keine echte Meinungsfreiheit gebe. Dass er nur zum Teil recht hat, beweist der Unsinn, den er früher von sich gab. Ein Kommentar.

Eine Woche nachdem sich der Grünen-Chef Robert Habeck bei Twitter und Facebook abgemeldet hat, sollten wir uns am besten alle vom Leben abmelden. Der Grünen-Chef begründete seinen ungewöhnlichen Schritt mit der Erkenntnis, dass soziale Medien ihn aggressiv machten. Acht Tage später muss man feststellen: Nicht nur Twitter und Facebook können aggressiv machen, sondern auch Leitartikler, die "Bild"-Zeitung und der Kollege, der Stefan Kretzschmar für seinen Mut bewundert. Eigentlich können einem alle auf die Nerven gehen, die etwas zu einem Thema zu sagen haben. Auch dieser Text hier.

Anlass für die jüngste Debatte ist ein Interview des ehemaligen Handball-Stars Stefan Kretzschmar mit T-Online.de, in dem er die Frage beantwortet, warum so wenige Profisportler ihre Meinung sagen: "Für jeden Kommentar bekommst du eins auf die Fresse. Hat man eine kritische Meinung, auch gesellschafts- oder regierungskritisch, dann darf man das in dem Land auch nicht sagen. Wenn wir in unserem Land über Meinungsfreiheit reden, dann haben wir Meinungsfreiheit in dem Punkt, dass wir nicht in den Knast kommen, wenn wir uns kritisch äußern. Wir haben aber keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne."

Die "Bild"-Zeitung fasste Kretzschmars Aussage in einer Schlagzeile so zusammen: "Keine Meinungsfreiheit in Deutschland." Das ist ungefähr so treffend, als würde man schreiben: "Gerade findet in Deutschland und Dänemark die Fußball-Weltmeisterschaft statt." Es ist nämlich gerade Handball-WM, weshalb nun noch mehr mehr über die Analyse des TV-Experten Kretzschmar reden.

Sein Interview hat zweierlei Reaktionen hervorgerufen. Die einen beschimpfen den ehemaligen Linksaußen, weil sie sein Interview ungefähr so verstanden haben wie die "Bild". Die anderen applaudieren, auch weil sie Aussagen aus dem Kontext reißen - zum Beispiel die AfD Heidelberg, weswegen sich Kretzschmar falsch verstanden fühlt. "Dass ich politisch instrumentalisiert werde, von einer Richtung, der ich fremder und ferner nicht sein könnte, das ist natürlich tragisch und grotesk", hat er gerade der "Süddeutschen Zeitung" zu verstehen gegeben.

In weiten Teilen hat er sicher recht mit seiner Bestandsaufnahme. Vereine und Sponsoren sind peinlich darauf bedacht, dass sich ihre Schützlinge nicht zu Politik und gesellschaftlichen Dingen äußern. In Fußballinternaten etwa werden Kicker herangezüchtet, die neben dem Platz bloß nicht den Mund aufmachen sollen. Darum ist der Großteil der Interviews mit Profisportlern heutzutage reine Zeitverschwendung.

Und tatsächlich gibt es in einer dauerhysterischen Gesellschaft wie der unseren oft "was auf die Fresse", wie Kretzschmar es sagen würde. Das betrifft aber nicht nur diejenigen, die feststellen, dass das Zusammenleben mit Flüchtlingen hin und wieder Probleme bereitet, sondern auch Grünen-Politiker, die nur mal ganz leise über einen freiwilligen Veggie-Day in Kantinen nachdenken. Mit Systemkritik hat das wenig zu tun, sondern mit einer hypersensiblen Öffentlichkeit.

Dass der ehemalige Handball-Punk Stefan Kretzschmar mit seinem Interview zugleich ein Eigentor wirft, liegt nicht nur an seinen missverständlichen Formulierungen. 2014 beklagte er in der Talkshow von Markus Lanz, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter anderem im Ukraine-Konflikt nicht die Wahrheit berichte, dass Deutschland nicht souverän sei und die Medien den systemkritischen Sänger Xavier Naidoo in die rechte Ecke stellten. 

Das alles war hanebüchener Unsinn - etwa weil Kretzschmar vergaß, dass sich Naidoo selbst in die rechte Ecke gestellt hatte, indem er mit Reichsbürgern auftrat und homophobe Songs über Schwule aufnahm, die kastriert gehörten. Kretzschmar durfte all das trotzdem sagen, ohne dass es einen Aufschrei gegeben hätte. Damit hat er seine These von heute zum Teil selbst widerlegt.

Dass er sich nun zu Wort gemeldet hat, ist trotzdem gut. Wir alle sollten einfach noch einmal mehr darüber nachdenken, wenn gerade jemand etwas gesagt hat. Und vielleicht sollten wir im Alltag alle mehr Handball spielen: Im Spiel wird der Gegner aggressiver attackiert als in jeder Twitter-Timeline, aber anschließend gibt man sich die Hand.

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