Immer mehr Tophandballer verzichten auf Einsätze im Nationalteam

Da spielte er noch für Deutschland: Holger Glandorf (Szene aus dem WM-Halbfinale 2007 gegen Frankreich). Foto: dpa

Kassel. Weltmeister Holger Glandorf steht der deutschen Handball-Nationalmannschaft schon länger nicht mehr zur Verfügung. Europameister Christian Dissinger vom THW Kiel gönnt sich seit einigen Wochen eine Pause.

Und Kreisläufer Hendrik Pekeler von den Rhein-Neckar Löwen erwägt, auf die WM im Januar in Frankreich zu verzichten und sich eine Auszeit zu nehmen.

Es häufen sich die Meldungen, dass Spitzenhandballer der wachsenden Belastung durch Bundesliga- und Europacup-Einsätze Tribut zollen müssen und auf Auftritte mit dem Nationalteam verzichten. Eine Analyse:

Die Probleme

Die Stars der Szene müssen ein hartes Programm absolvieren. Wer für einen deutschen Vertreter der Champions League tätig ist und zudem Stammspieler in der Auswahl ist, muss in dieser Saison 80 Pflichtspiele bestreiten - wegen Olympia und Weltmeisterschaft.

„Die Nationalspieler sind an der Grenze angekommen“, sagt Prof. Dr. Manfred Wegner, „die Regenerationszeiten sind zu kurz.“ Der Sportwissenschaftler der Uni Kiel, der vor einigen Jahren eine Professur an der Uni Kassel hatte und früher Spieler beim damaligen Zweitligisten TSV Altenholz war, stellt klar: „Es braucht sich niemand zu beschweren, dass ein Spieler wie Christian Dissinger pausiert. Er wird verheizt.“

Das prominente Beispiel

Lange war Glandorf eine der großen Stützen in der DHB-Auswahl. Im September 2014 erklärte er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft - mit 31 Jahren. „Ich muss auf die Signale meines Körpers hören“, sagte der Flensburger Profi damals. Er möchte noch lange alles für seinen Verein geben können. Nun bietet er Woche für Woche Glanzleistungen.

Die Konsequenzen

Der eine oder andere Top-Spieler verabschiedete sich in der Vergangenheit aus der Bundesliga und wechselte etwa nach Veszprem - nicht nur des Geldes wegen. Denn dies ist ein Spitzenklub, der in der höchsten ungarischen Klasse erst spät ins Geschehen eingreifen muss und auch in der nationenübergreifenden Seha-Liga nicht übermäßig gefordert wird. Das Kerngeschäft ist die Königsklasse - eine vergleichbare Belastung wie in Deutschland hat ein Veszprem-Profi nicht.

Die Meinung

„Nur die deutschen Klubs leiden“, sagt Michael Roth. Deswegen rechnet der Coach der MT Melsungen nicht damit, dass die Europäische Handball Föderation (EHF) Veränderungen vornehmen wird - und beispielsweise das Programm in der Champions League verringert. Aktuell spielen Kiel, Flensburg und die Rhein-Neckar Löwen in Gruppen mit jeweils acht Teams. „Auch die Handball-Bundesliga tut nichts und schiebt die Verantwortung immer der EHF zu“, bedauert Roth. Er spricht sich seit geraumer Zeit für eine Klasse mit weniger Klubs sowie Playoffs aus. Aus seinem Team verzichten zurzeit der Schwede Johan Sjöstrand sowie der Serbe Nenad Vuckovic und der Este Dener Jaanimaa auf Spiele für ihr Heimatland.

Die Erkenntnis

Bundestrainer Dagur Sigurdsson, zuvor Coach bei den Füchsen Berlin, hat schnell erkannt, dass er seinen Schützlingen während diverser Lehrgänge bei der Nationalmannschaft nicht noch kräftezehrende Übungseinheiten zumuten kann.

Regeneration, Video-Studium - das sind die Schwerpunkte im Konzept des Isländers. Die Spieler sollen sich wohl fühlen - ähnlich verfährt im Übrigen auch Joachim Löw bei Deutschlands Fußballern.

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