Teil 1 der Themenwoche

Homosexualität und Homophobie im Sport: Noch immer ein Tabu

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Outete sich in einem TV-Interview: Der ehemalige Schwimm-Star Ian Thorpe aus Australien bekannte sich nach dem Karriereende zu seiner Homosexualität.

Sport verbindet. Sport hat aber noch immer eine große Schwäche. Homosexualität wird verschwiegen, Homophobie dagegen offen geäußert. Ein Blick auf den internationalen Sport.

Vor fünf Jahren outete sich mit Thomas Hitzlsperger erstmals ein deutscher Profi-Fußballer – auch wenn der heute 37-Jährige seine Karriere da schon beendet hatte. Das sorgte für Schlagzeilen. Klar, der Ex-Nationalspieler war eben der Erste. Dennoch: Dass es auch im hoch bezahlten Fußball Männer gibt, die Männer lieben, ist keine Überraschung.

Allein dies zuzugeben, hatte sich bis dahin niemand getraut. Die Gesellschaft ist mittlerweile schon einen Schritt weiter – im Sport und insbesondere im Fußball ist das Thema Homosexualität immer noch ein Tabu. Homophobe Äußerungen auf den Plätzen gehören dagegen häufig dazu. Es bleibt viel Arbeit für Vereine und Verbände, damit sich das ändert.

Wir haben das zum Anlass genommen und uns mit diesem Thema eingehender beschäftigt. Im Mittelpunkt steht dabei der Fußball, aber auch der Handball wird betrachtet. Diese Seite ist der Auftakt einer Themenwoche mit dem Fokus auf Homosexualität und Homophobie im Sport. Wir beginnen im internationalen Sport – mit einem Blick auf Stars, die den Schritt des Outings gewagt haben. Zudem versuchen wir zu ergründen, warum das Wort „schwul“ überhaupt als Beleidigung missbraucht wird. 

Wenn Sportler sich outen - ein Überblick

Es gibt nicht viele Outings bekannter Profisportler – aber es gibt sie. Die Namen sind teilweise bekannt, teilweise sind es eher die Geschichten, die bewegen. Wir haben eine Auswahl zusammengestellt:

  • Ian Thorpe: Im selben Jahr wie Hitzlsperger – 2014 – outete sich auch der australische Schwimm-Star Ian Thorpe. Der mittlerweile 36-Jährige gewann fünf Olympische Goldmedaillen und stellte 13 Weltrekorde auf. Während seiner aktiven Laufbahn kursierten immer wieder Gerüchte über Thorpes Homosexualität. Er wies diese stets zurück. In seiner Autobiografie aus dem Jahr 2012 bekräftigte er das noch einmal. In einem TV-Interview stellte er aber schließlich klar: „Ich bin nicht hetero. Die Lüge wurde dann so groß, dass ich meine Integrität infrage gestellt sah.“
Martina Voss-Tecklenburg, Fußball-Nationaltrainerin
  • Martina Voss-Tecklenburg: Mittlerweile unglaublich, aber leider wahr – fünf Monate vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney wurde die deutsche Fußball-Nationalspielerin Martina Voss-Tecklenburg aus der Mannschaft geschmissen, weil sie ein Verhältnis mit Mitspielerin Inka Grings hatte. Die beiden hatten einen Streit. Insgesamt waren sie sechs Jahre lang ein Paar. 2009 heiratete die heutige Nationaltrainerin, die trotz allem für den DFB arbeitet, den Bau-Unternehmer Hermann Tecklenburg. In einem Spiegel-Interview sagte sie einmal: „Heute weiß ich, dass ich nie mehr mit einer Frau zusammenleben werde. Ich stehe auf Männer. Aber es ist doch so: Wenn ich Fußball spiele, zählt die Leistung und nicht, mit wem ich Händchen halte.“
Amélie Mauresmo, Ehemalige Tennisspielerin
  • Amélie Mauresmo: Die ehemalige Nummer eins der Tennis-Damen trainierte schon Andy Murray, mittlerweile coacht sie Lucas Pouille, der bei den Australian Open bis ins Halbfinale kam. Mauresmo outete sich 1999. Lange galt sie als beste Spielerin der Tour. Nach ihrem Outing warfen private Probleme sie aber immer wieder zurück. Die Eltern wandten sich von ihr ab. Mittlerweile soll sich das Verhältnis wieder beruhigt haben. Die 39-Jährige hat heute zwei Kinder, wer der Vater ist, weiß man nicht. Von ihrer langjährigen Freundin Pascale Arribe trennte sie sich 2005. Seitdem hält sie ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit.
  • Robbie Rogers: Der US-Amerikaner ist bis heute der einzige Fußballprofi aus der Major League Soccer (MLS), der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Der mittlerweile 31-Jährige outete sich 2013 auf seiner eigenen Webseite und verkündetet gleichzeitig seinen Rücktritt. Drei Monate später gab er allerdings sein Comeback und unterschrieb einen Vertrag bei Los Angeles Galaxy. So wurde er zum ersten Akteur, der sich geoutet hatte und auch noch ein Spiel in der MLS bestritt. Rogers beendete seine Karriere 2017 wegen einer Verletzung.
  • Orlando Cruz: Homosexualität im Boxen? Auch das gibt es natürlich. Als erster aktiver Boxer wagte der Puerto Ricaner Orlando Cruz im Jahr 2012 den Schritt und outete sich. 2013 hatte der heute 37-Jährige zwei große Ziele: Er wollte Weltmeister im Federgewicht werden und seinen Freund heiraten. Der WM-Titel blieb im verwehrt, privat fand er aber sein Glück.
  • weitere Sportler: Eine der bekanntesten deutschen Sportlerinnen, die offen homosexuell lebt, ist Beachvolleyball-Olympiasiegerin Kira Walkenhorst. Die Partnerin der 28-Jährigen bekam im vergangenen Jahr Drillinge.

Der Engländer Justin Fashanu war 1990 der erste aktive Fußball-Profi, der sich outete. Was folgte, war eine regelrechte Hetzjagd auf den Stürmer. Die Folge: 1998 erhängte sich Fashanu im Alter von 37 Jahren in einer Garage.

Auch die deutsche Degenfechterin Imke Duplitzer bekannte sich zu ihrer Liebe zu Frauen. Die Vizeweltmeisterin und zweifache Europameisterin outete sich 2002 auf ihrer Homepage. Sie begründete diesen Schritt damit, sie wolle sich vom ständigen Zwang zu lügen, befreien.

"Schwul ist eine ältere Variante von schwül"

Anfang des Jahres sorgte die Aussage von US-Basketballer Andrew Wiggins für einen kleinen Skandal. Über Dennis Schröder, deutscher Profi, der für Oklahoma City Thunder spielt, sagte er: „Er hat sich einfach schwul verhalten.“ Als Erklärung legte er nach: „Er hat sich ohne Grund verrückt benommen.“ 

Dr. Sina Lautenschläger, Sprachwissenschaftlerin

Ein Fall, der zeigt, wie das Wort „schwul“ in der Gesellschaft gebraucht wird – es hat häufig eine negative Konnotation. Dabei beschreibt es eigentlich nur eine sexuelle Neigung. Warum ist das so? Diese Frage haben wir Dr. Sina Lautenschläger gestellt, die für die Universität Kassel arbeitet und ihr Fachgebiet in der Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte hat. Lautenschläger über ...

... die Wortherkunft: Schwul ist eine ältere Variante von schwül. Die Umlautung von „u“ zu „ü“ fand im 18. Jahrhundert statt – vermutlich unter dem Einfluss von kühl. Schwul verschwindet in dieser Zeit als Bezeichnung eines Wetterphänomens. Seit dem 20. Jahrhundert wird es in der Bedeutung homosexuell verwendet.

... das Wort schwul als Beleidigung: Maßgeblich dafür, dass schwul überhaupt als Beleidigung fungieren kann, ist, dass Homosexualität nicht die durchschnittliche Sexualität ist, sondern als eine Abweichung von der Norm aufgefasst wird. Eine Beleidigung wie „Das ist voll hetero“ würde nicht in gleicher Weise funktionieren. Es geht um die Gegenüberstellung von Mehrheit/Norm und Minderheit/Normabweichung. Ähnlich wie bei: „Das ist voll behindert.“

... den Unterschied zwischen den Wörtern schwul und lesbisch: Es gibt Wörterbücher, in denen bei Homosexualität nur von der Gleichgeschlechtlichkeit bei Männern die Rede ist. Männliche Homosexualität scheint – aus welchen Gründen auch immer – brisanter zu sein als die weibliche. Es gibt eine Differenz zwischen männlicher und weiblicher Homosexualität, einen unterschiedlichen Umgang damit. Das mag auch am gesamten Outing-Verfahren liegen.

Teil 2 der Serie: Verein Fußballfans gegen Homophobie: Ein Banner wandert durch Europa

Teil 3 der Serie: Sexuelle Orientierung im Fußball: „Homosexualität wird unterdrückt“

Teil 4 der Serie: Homosexualität im Fußball: „Die Kurven sind weitgehend bereit“

Teil 5 der Serie: Homophobie ist auf heimischen Plätzen verbreitet – zwei Spieler berichten

Letzter Teil der Serie: Ex-Handballer und Trainer Harald Meißner erzählt von seinem Outing

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