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Sprinterin Gina Lückenkemper im Interview: „Ich spüre die Wertschätzung“

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Von: Martin Scholz

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Schnell: Die Leichtathletin Gina Lückenkemper am 16. August in München nach ihrem Sieg im EM-Finale über 100 Meter.
Schnell: Die Leichtathletin Gina Lückenkemper am 16. August in München nach ihrem Sieg im EM-Finale über 100 Meter. © anke Waelischmiller/imago

INTERVIEW Sprinterin Gina Lückenkemper hat Weltklasse erreicht und kommt 2023 nach Kassel

Gina Lückenkemper ist Deutschlands schnellste Frau. Spätestens nach ihren Erfolgen im Sommer bei den Leichtathletik-Welt- und Europameisterschaften hat sich die 26-jährige Soesterin in der internationalen Sprint-Elite etabliert. Wir erreichten Sie für dieses Gespräch im Trainingslager in Clermont in Florida.

Neben Fotos von der Laufbahn gibt es einige Fotos, die Sie mit Ihrem Pferd zeigen. Welche Bedeutung hat das Reiten für Sie?

Picasso ist 2016 bei mir in Soest eingezogen. Inzwischen lebe ich nicht mehr in Soest, aber meine Familie ist noch dort. Wenn es passt, wird Picasso auch umziehen, aber im Moment freue ich mich jedes Mal auf ein Wiedersehen. Ausreiten, Dressur und Springen – ich genieße meine freie Zeit mit dem Pferd, denn mit Tieren kann ich abschalten.

Und er ist nicht der einzige vierbeinige Begleiter.

Richtig. Meine Dackelhündin Akira begleitet mich schon häufiger.

Jetzt sind Sie in Florida. Wie fühlt sich das Leben da so an?

Ich bin ausschließlich zum Training hier. Wir sind 18 Athleten in der Trainingsgruppe von Lance Braumann, und ich bin die einzige Deutsche. Er ist weltweit einer der Besten. Ich erlebe hier seit drei Jahren ein völlig neues Mindset – all das wäre in Deutschland nicht möglich.

Was ist anders?

Ich profitiere vom Miteinander mit anderen WM- und Olympia-Athleten. Und ich habe hier gelernt, mich komplett zu verausgaben und in den Laktatschmerz hineinzulaufen, um meine Leistung zu verbessern.

Die ist schon jetzt herausragend. Schnellste Frau Deutschlands, Sportlerin des Jahres und erste Deutsche unter 11 Sekunden seit 26 Jahren. Wie lebt es sich mit diesen Superlativen?

Ich fühle mich nicht anders. Allerdings spüre ich bei Wettkämpfen die Wertschätzung des Publikums. Wenn man zuvor erfahren hat, wie es ist, wenn man beim Training an einem Berg heulend zusammengebrochen ist, ist es der Lohn für all die Quälereien. Mein Training in Florida beginnt um 9 Uhr. Nach dem Mittagessen falle ich in ein „Koma“. Am Nachmittag kommt dann die zweite Einheit.

Wie ist das dann beim Wettkampf? Vielfach wird behauptet, dass manche Sprinter während der 100 Meter nicht atmen. Stimmt das?

Doch, ich atme. Es gibt auch viele Fotos von mir, wo ich den Mund offen habe und wie eine Dampflok aussehe. Und ich denke auch. Bei der EM in München habe ich an meinen Trainer gedacht, der mich immer ermahnt, vorm Körper zu arbeiten und die Knie hoch zu nehmen. Offensichtlich hat das funktioniert.

100 Meter sind ja schnell vorbei, und es ist nicht so einfach, Dinge zu verbessern. Wo wollen Sie an sich arbeiten?

Die Sprinttechnik behalte ich im Fokus. Und der Startbereich hat noch Verbesserungsmöglichkeiten. Insgesamt bin ich froh darüber, noch Potenzial zu haben.

2022 hat die internationale Konkurrenz dieses Potenzial mehr als deutlich gespürt, oder?

Ich denke schon. Wir haben mit der Staffel Weltniveau erreicht, und ich bin inzwischen mehrfach unter 11 Sekunden über 100 Meter geblieben. Daraus schöpfe ich viel Motivation. Aktuell ist dem alles untergeordnet. Auch mein Studium habe ich auf Eis gelegt, weil ich keine halben Sachen machen kann.

Was sind Ihre sportlichen Pläne für das kommende Jahr?

Der Hauptfokus liegt auf der Freiluft-WM in Budapest. Das gesamte Training ist darauf ausgerichtet. Mit den 100 Metern bin ich noch nicht fertig – da habe ich noch eine Rechnung offen. Voraussichtlich gibt es aber auch eine Mini-Hallensaison mit den Istafs in Düsseldorf und Berlin. Die 60 Meter sind gnadenlos – die verzeihen nichts. Ich will auch deshalb vor Ort sein, um mich dem Nachwuchs zu zeigen. Wir müssen unbedingt unsere Talente bei der Stange halten, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Motivation und Förderung sind dafür sehr wichtig, und ich will meinen Teil dazu beitragen.

In Kassel wurden Sie 2016 Deutsche Meisterin über 200 Meter. Im Juli kehren Sie als Europameisterin und Deutsche Meisterin über 100 Meter ins Auestadion zurück. Was haben Sie für Erinnerungen an Kassel?

Vor allem erinnere ich mich an mein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Lisa Mayer – das war unglaublich intensiv. Das Ergebnis ist ja bekannt, daher freue ich mich auf Kassel.

Zur Person

Gina Lückenkemper (26), geboren in Hamm, aufgewachsen in Soest. Mit dem Laufen begann sie im Alter von sieben Jahren. 2011 wechselte sie auf die 100-Meter-Strecke. Ihre bislang größten sportlichen Erfolge erzielte sie 2022 mit Gold im 100-Meter-Lauf und der 4x100-Meter-Staffel bei der EM und Staffel-Bronze bei der WM. Ihre Bestzeit über 100 Meter liegt bei 10,95 Sekunden.

Sie startet für den SCC Berlin. In Deutschland lebt Lückenkemper mit ihrem Freund in Bamberg. Ihr Studium der Wirtschaftspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum hat sie im Moment ausgesetzt. 

Von Martin Scholz

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