„Insellösungen sind notwendig“: Interview mit Sportwissenschaftler Kuno Hottenrott

Tränen der Freude: Siebenkämpferin Carolin Schäfer jubelt nach WM-Silber mit Trainer Jürgen Sammert. Foto:  dpa

Kassel. Die silberne Medaille von Siebenkämpferin Carolin Schäfer war zur Halbzeit der Leichtathletik-WM das einzige Edelmetall, das deutsche Sportler in London errungen hatten. Wir sprachen mit dem Kasseler Sportwissenschaftler Prof. Dr. Kuno Hottenrott in einer Zwischenbilanz über die Leistungen der deutschen Athleten.

Herr Hottenrott, sind Sie vom Abschneiden der deutschen Athleten überrascht?

Kuno Hottenrott: Ja, schon ein wenig. Der Präsident des Deutschen Leichtathletik Verbands, Clemens Prokop, hatte im Vorfeld ja gesagt, dass die WM eine Wiedergutmachung für die magere Medaillenausbeute der Leichtathleten bei den Olympischen Spielen werden sollte. Auch wenn Carolin Schäfers Silbermedaille erfreulich und sie ein Aushängeschild der Leichtathletik ist, hatte ich zur Halbzeit von den anderen Sportlern etwas mehr erhofft.

Welche Gründe hat das schwache Abschneiden aus Ihrer Sicht?

Hottenrott: Das ist schwer zu sagen. Bei einer Meisterschaft hängt viel von der Tagesform ab, hinzu kommt die Drucksituation. Etwas irritiert bin ich aber, weil Deutschland vor sechs Wochen Team-Europameister wurde. Dieselben Athleten konnten nun bei der WM vielfach ihr Leistungsvermögen nicht abrufen. Die Gründe müssen im Einzelfall analysiert werden.

Was muss sich ändern, damit es in der deutschen Leichtathletik mehr Nachwuchssportler wie Gina Lückenkemper gibt?

Hottenrott: Man muss zunächst einmal feststellen, dass Deutschland in den Laufdisziplinen bei den Frauen deutlich stärker ist als in den vergangenen Jahren. Das ist positiv. Allerdings brauchen wir mehr Vorbilder wie Gina Lückenkemper, die den Nachwuchs motivieren. Dazu müssen wir die Persönlichkeit der Athleten in Deutschland individueller herausstellen, die Athleten bekannt machen. Das stärkt die Sportart. Es ist momentan eben so, dass die Leichtathletik in der öffentlichen Darstellung meist eine Randerscheinung ist.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem schwachen Abschneiden und der geringen Sportförderung?

Hottenrott: Darauf, dass das Fördersystem überarbeitet werden muss, weise ich schon seit Jahren hin. Das ist ja jetzt auch in der Spitzensportreform angedacht: Der Athlet soll mehr im Fokus stehen. Doch die Ergebnisse zeigen, dass die Maßnahmen, die bislang ergriffen wurden, nicht wirklich zu einer besseren Förderung der Athleten geführt haben. Durch die Deutsche Sporthilfe werden im Durchschnitt etwa 300 Euro an die Bundeskaderathleten gezahlt, in Ländern wie Kanada sind das 1200 kanadische Dollar (etwa 800 Euro). Die Individualität der Förderung fehlt meines Erachtens nach wie vor in Deutschland. Viele Sportler müssen parallel zum Sport Geld verdienen und können so nicht optimal trainieren.

Wie wichtig ist es, dass sich Athleten, wie zuletzt Hürdenläufer Matthias Bühler, öffentlich äußern und die Missstände in der Förderung anprangern?

Hottenrott: Das ist absolut notwendig. Der Athlet hat es nicht einfach, sich in der Öffentlichkeit zu diesen Themen zu äußern. Da gibt es nur wenige, die den Mut aufbringen. Deshalb ist es wichtig, dass wir aus wissenschaftlicher Sicht mal die Meinung der Athleten erfassen und anschließend Lösungen bereitstellen. Ich plane dahingehend eine große Athletenbefragung im Rahmen eines Forschungsprojektes. Der Spitzensport in Deutschland steht vor vielen Herausforderungen und auch die Leichtathletik befindet sich im Umbruch.

Wie kann man die Deutsche Leichtathletik in den Disziplinen breiter aufstellen?

Hottenrott: Die Breite benötigen wir verstärkt im Nachwuchsbereich. Die Vereine und die Zusammenarbeit mit Schulen müssen gefördert werden. Leichtathletik ist eine Aushängedisziplin.

Wesentlich finde ich auch, dass man Trainer-Athleten-Tandems, wie bei Carolin Schäfer und ihrem Trainer Jürgen Sammert, verstärkt fördern muss. Solche Insellösungen müssen auch bei einer zunehmenden Zentralisierung möglich sein. Die Zentralisierung wird dann problematisch, wenn Athleten dann ihre Heimat verlassen und alle an einem Standort trainieren müssen. Das liegt nicht jedem. Ich denke, man muss deshalb mehrgleisig verfahren und individuelle Wege suchen. Dass Insellösungen auch zum Erfolg führen, sehen wir im Fall von Carolin Schäfer.

Zur Person

Kuno Hottenrott (58) ist Sportwissenschaftler. Er ist Leiter des Arbeitsbereichs Trainingswissenschaft und Sportmedizin an der MartinLuther-Universität Halle-Wittenberg und Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Hottenrott ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Kassel.

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