Corona-Krise und ihre Folgen für junge Sportler

Sportwissenschaftler Alexander Koke über die Situation der Talente: Ein tolles Erlebnis geht verloren

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Das war vor Beginn der Corona-Krise: MT-Talent David Kuntscher (MItte) setzt sich in einem Spiel der A-Jugend-Bundesliga gegen die Dutenhofener Fynn Steinmüller (links) und Mats Lennart Müller durch. 

Kassel – Wie schwer wiegt die Zwangspause für die deutschen Sport-Talente? Wir haben zu dieser Problematik mit dem promovierten Sportwissenschaftler Alexander Koke gesprochen.

Der 41-Jährige muss sich auch insofern mit diesem Thema beschäftigen, als er zurzeit nicht mit den Handballern der Jugend-Nationalmannschaft arbeiten kann. Der frühere Melsunger und Kasseler Profi ist Co-Trainer des deutschen Nachwuchsteams.

Kein Mannschaftstraining, keine Spiele – wie gefährdet ist die Entwicklung der großen Sport-Talente in Corona-Zeiten?

Über einen überschaubaren Zeitraum von wenigen Wochen dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten. Wenn eine Zwangspause aber mehrere Monate dauert, wird die Entwicklung gehemmt. Es ist allerdings schwer, dabei einen Zeitraum zu bestimmen. Auch wenn der Vergleich nicht absolut passend ist, sieht man ja bei Spielern, die sich nach einer mehrmonatigen Verletzungspause wieder herankämpfen müssen, wie schwer es ist, den Wiedereinstieg zu schaffen.

Jetzt wären viele Sportler in der heißen Phase der Saison. Wie lassen sich solche Zwangspausen am besten überbrücken?

Ich denke, es gibt zwei mögliche Strategien: Resignation und Bedauern der Situation oder das Beste aus der Situation, die nicht zu ändern ist, zu machen und diese Phase als Chance begreifen. Diejenigen, die sich für den zweiten Weg entscheiden, werden gestärkt daraus hervorgehen.

Wodurch?

Durch ein körperlich anspruchvolles Konditionstraining und die Auseinandersetzung mit sportpsychologischen Themen. Es bietet sich jetzt an, sich sportpsychologischen Themen zu widmen und im mentalen Bereich zu arbeiten. Das geht es um Visualisierung Fokussierung, Entspannung, und so weiter. Spiele werden im Kopf entschieden. Und mir ist bewusst, dass die wenigsten Athleten sportpsychologische Betreuung haben. Also: Autodidaktisch tätig werden.

Zum Saisonende stehen in vielen Ligen Titelentscheidungen an. Was bedeutet es, wenn Talente jetzt um diese besonderen Erfahrungen gebracht werden?

Nehmen wir den Handball. Jetzt wurde die Saison der Jugend-Bundesliga abgebrochen. Wenn bei A- und B-Jugend keine Meister ermittelt werden, dann fehlen den Spielern dieser Altersklassen die Wettkämpfe auf höchstem Niveau. Gerade bei solchen Ereignissen hätten sie Leistungen auf Top-Niveau abrufen und sich mit den besten Spielern ihrer Jahrgänge messen dürfen. Wenn Sportler in engen Partien Verantwortung in wichtigen Situationen übernehmen müssen, wird eine positive individuelle Entwicklung provoziert. Das ist weniger der Fall bei Siegen mit 15 Toren. Das gilt natürlich auch für andere Sportarten.

Sie sind selbst mit 19 Jahren ins Bundesliga-Team des TBV Lemgo aufgerückt. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Alexander Koke

Für meine Entwicklung war besonders wichtig, dass ich jeden Tag mit herausragenden Bundesliga-Akteuren trainieren durfte. Als junger Spieler wollte ich mich in jedem Training beweisen und zeigen, dass ich es verdient habe, ein Teil der Mannschaft zu sein. Dass ich, beginnend mit 16 Jahren regelmäßig Trainingseinheiten im Bundesligateam absolvieren durfte, glaube ich, brachte meine Entwicklung maßgeblich voran.

Arg betroffen sind nicht zuletzt Jugend-Nationalspieler, die im Sommer oft zu wichtigen internationalen Wettkämpfen reisen. Inwiefern werden sich mögliche Absagen solcher Großereignisse auf die Karriere auswirken?

Wie sich Absagen auswirken, vermag ich nicht zu sagen.

Aber es geht ein tolles Erlebnis verloren. Ein Beispiel: Eine Jugend-EM oder -WM, wo sie für Deutschland spielen dürfen und regelmäßig die Nationalhymne erklingt, ist für die Spieler eine riesige Erfahrung. Die Spieler bewegen sich 14 Tage in einem eigenen Mikrokosmos. Die Gedanken sind fast ausschließlich beim Handball und der nächsten Aufgabe. Spielvorbereitung, lockeres Training am Spieltag, Ruhephase, Wettkampf und anschließend Regeneration. Totale Fokussierung auf das Team und die eigenen Aufgaben. Das kann enorme Entwicklungen freisetzen, insbesondere wenn es erfolgreich verläuft und die Spieler mit großem Selbstvertrauen zurückkehren.

Und wenn es nicht erfolgreich war?

Dann hilft es, daran zu wachsen. Ich habe einen schönen Spruch gelesen: No loosing, you win or you learn. Das bedeutet frei übersetzt: Du verlierst nicht, du kannst nur gewinnen oder dazu lernen. Zudem ist der Aspekt Persönlichkeitsentwicklung nicht zu vernachlässigen: Umgang mit anderen Kulturen und unterschiedlichsten Nationalitäten.

Zur Person

Alexander Koke (41) ist gebürtiger Detmolder. Er war zunächst Bundesliga-Handballer in Lemgo. Weitere Stationen waren unter anderen: MT Melsungen, Bayer Dormagen, SVH Kassel, TG Münden und TuS Ferndorf. Nun ist er als Co-Trainer der deutschen Jugend- und der Frauen-Nationalmannschaft tätig. Koke, der in Erfurt lebt, lehrt als promovierter Sportwissenschaftler an der Uni Halle-Wittenberg. Er ist liiert und hat einen Sohn. 

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