Interview mit Magdalena Neuner

„Ich habe echt Glück in meinem Leben“

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Freut sich nach Olympia auf ihr eigenes Bett in Wallgau: Magdalena Neuner.

Whistler - Magdalena Neuner hat zwei turbulente Wochen hinter sich. Mit zwei Gold- und einer Silbermedaille ist die Biathletin zur deutschen Olympia-Heldin, zur Gold-Lena geworden.

Wir unterhielten uns mit der blonden Wallgauerin über ihr glorreiches Abenteuer und auch darüber, dass es nicht so einfach ist, ein Star zu sein.

Magdalena Neuner, fast alles was sie in ihrem jungen Sportlerleben bisher angepackt haben, ist zu Gold geworden. Bei Weltmeisterschaften, nun als Debütantin bei Olympia. Fühlen Sie sich als Glückskind?

Ja, sicher. Ich habe erst dieser Tage zu meinem Eltern gesagt: „Ich habe echt Glück in meinem Leben.“ Auch wenn's im Sport zwischendurch Rückschläge gegeben hat. Aber alle großen Dinge sind mir gelungen. Das ist ein verdammt schönes Gefühl. Und ich hoffe nur, dass mir das Glück nicht irgendwann ausgeht.

Sie haben als Kind schon Ihrer Lehrerin gesagt, Sie wollen ein Biathlon-Star werden. Haben Sie sich damals das alles so ausgemalt, wie Sie es jetzt erleben?

Als Kind denkt man darüber ganz anders. Ich habe das immer im Fernsehen mitverfolgt und wollte dann auch so ein Biathlon-Star sein: So ein Auto fahren wie die, so tolle Bogner-Klamotten, einen Deutschland-Sportanzug tragen. Und ich habe mir auch vorgestellt, dass ich mit Jubelgeste durchs Ziel laufe. Aber wenn das alles dann wirklich passiert, ist es trotzdem unglaublich. Man hat aber gerade auch bei Olympia den Eindruck, dass es nicht so leicht ist, ein Star zu sein.

Nach dem Rennen geht es ja erst richtig los mit Pressekonferenzen, TV-Auftritten, Präsentationen. Ist das nicht auch eine Tortur?

Das stimmt schon. Das schlaucht unheimlich. Und das nervt auch. Das gebe ich ehrlich zu. Es gibt Sportler, wie die Kati Wilhelm, denen macht das wenig aus. Die findet das auch schön. Ich bin eher ein andere Typ. Ich freue mich total, wenn ich nach der Siegerehrung mit der Medaille in der Hand auf mein Zimmer gehen und mir sagen kann: Schön war's heut. Ich brauche jetzt nicht unbedingt das Blitzlichtgewitter. Aber man kann sich auch daran gewöhnen, und wenn man eine Goldmedaille hat, ist es ohnehin relativ leicht zu ertragen.

In Wallgau, ihrem Heimatort, herrscht angeblich der Ausnahmezustand ...

Das habe ich auch schon gehört. Die Häuser sollen sogar beflaggt sein. Es ist wirklich schön zu wissen, dass sich alle freuen und sie es mir von Herzen gönnen.

Sogar eine Lena-Neuner-Loipe gibt es in Wallgau schon. Was hat es damit auf sich?

Ich kenne die Loipe. Das ist eine relativ flache Strecke. So eine kleine Runde. Auf der hat für mich alles angefangen. Dort hatte ich die ersten Langlaufkurse. Man hat da jetzt eine Kunstschnee-Loipe gemacht, auf der man auch fahren kann, wenn wenig Schnee liegt. Eine schöne Idee, es hat mich auch total geehrt.

In Deutschland wird der Rummel um Sie erst richtig los gehen, wenn Sie zurück kommen. Was glauben Sie wird da auf Sie zukommen?

So einen Ansturm habe ich schon erlebt, als ich 2007 drei WM-Goldmedaillen gewonnen habe. Und ich muss zugeben: Ich habe ein bisschen Angst davor. Ich befürchte schon, dass die Klingel und das Telefon nicht mehr still stehen werden. Und viele was von mir wollen. Mein Glück ist, dass ich mein Elternhaus habe, wo ich gut geschützt bin. Und inzwischen bin ich so gefestigt, dass ich auch mal mit Stress zurechtkomme.

Sie haben in diesem Winter Ihr Management gewechselt. Was waren die Gründe?

Ich war mit dem alten Management unzufrieden. Auch weil ich in ein Image gepresst wurde, in dem ich mich nicht wohl fühlte.

Sie meinen die Strickliesel aus den Bergen, die Harfe spielt?

Ja, genau.

Sie werden künftig von der Agentur Trizeps betreut, die dem Deutschen Ski-Verband angegliedert ist. Um Ihre Belange wird sich vor allem der DSV-Pressesprecher Stefan Schwarzbach kümmern. Wo liegen die Vorteile?

Den Stefan kenne ich schon seit Jahren, und mit ihm ist auch ein totales Vertrauensverhältnis da. Er weiß, was speziell ein Sportler braucht, was er für einen Trainingsaufwand hat. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass ein Manager nicht nur die Kohle und die Vermarktung sieht. Es kommt dabei auch darauf an, die Balance zu finden und zu merken: Wann reicht es der Lena und wann nicht?

Für großes Aufsehen bei Olympia sorgten Sie auch mit dem Verzicht auf den Staffelstart. Hat Sie das schrille Echo überrascht?

Mir war da schon bewusst, dass da viele Reaktionen kommen und dass sie unterschiedlich ausfallen werden. Ich bereue meine Entscheidung aber sicher nicht. Ich finde es schön, dass jetzt alle eine Medaille haben. Für mich hätte sich auch mit einer vierten Medaillen nichts mehr geändert. Ich habe zweimal Gold und einmal Silber gewonnen. Perfekter hätte es nicht laufen können.

Man hatte bei der Diskussion um Ihren Verzicht bisweilen den Eindruck, dass der vielbeschworene olympische Geist nicht mehr gefragt ist, sobald Medaillen auf dem Spiel zu stehen scheinen ...

Ja. Ich finde es überhaupt schade, dass immer nur die Medaille gesehen wird. Wenn man ehrlich ist, ist es doch so: Es zählt nur Gold, vielleicht noch Silber, aber Bronze fast schon nichts mehr. Wir Sportler sehen das anders. Das hat man auch bei unseren Mädels nach dem Staffelrennen gesehen. Die haben sich gefreut über Bronze, haben geweint und waren total glücklich. In der Presse aber stand nur: Enttäuschendes Bronze.

Wie steht es denn mit Ihren sportlichen Plänen. Noch vor den Winterspielen haben Sie erklärt, Sie würden sich sicher schon vor dem 30. Lebensjahr vom Leistungssport verabschieden. Bleiben Sie bei dieser Prognose?

Ich mache es, so lange ich das Gefühl habe, Biathlon ist das Richtige für mich. Man darf dabei nicht vergessen: Ich bin das ganze Jahr über extrem viel unterwegs, und ich habe im Sport auch schon sehr viel erlebt. Sagen wir es so: Uralt werde ich als Leistungssportlerin mit Sicherheit nicht. Ein genaues Alterslimit will ich mir aber nicht setzen. Ich schaue einfach von Jahr zu Jahr.

Wissen Sie schon, was nach der Sportkarriere kommen könnte?

Ich möchte natürlich eines Tages eine Familie gründen, da liegt bei mir die Priorität schon sehr hoch. Aber ich werde ja auch noch bei meinem Karriereende jung sein und schauen, dass ich noch was arbeiten kann. Sicher ist, dass ich noch eine Berufsausbildung mache. Nur muss ich noch herausfinden, was mir gefällt. Ich möchte auf jeden Fall etwas machen, bei dem ich mit Menschen zu tun habe. Vielleicht mit Kindern. In den nächsten ein, zwei Jahren wird mir da schon was einfallen.

Die Olympischen Winterspiele sind für Sie noch nicht ganz vorbei. Ein offenes Geheimnis ist, dass Sie die deutsche Mannschaft als Fahnenträgerin anführen sollen ...

Wenn ich das wirklich machen dürfte, dann wäre das ein unglaubliches Erlebnis für mich. Dann hätte ich bei Olympia wirklich alles erlebt. Der Andre Lange hat mir erzählt, er sei als Bobfahrer einiges gewohnt und bekomme nicht oft weiche Knie. Aber bei der Eröffnungsfeier habe er als Fahnenträger welche bekommen. Das sei ein unheimlich tolles Gefühl.

Ab Dienstag werden Sie für einige Tage in Wallgau sein. Worauf freuen Sie sich besonders?

Auf mein eigenes Bett, meine eigene Bettwäsche. Das ist bei mir immer so, wenn ich wieder heim komme. Natürlich freue ich mich unheimlich auf meinen Freund. Den habe ich ganz schön vermisst. Und ich freue mich auch darauf, dass ich wieder Normalität erleben kann, dass ich die Tür hinter mir zu mache und den Sport für ein paar Tage draußen lasse.

Interview: Armin Gibis

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