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Pauline Heßler: Hoffe, dass ich in Willingen ins Fliegen komme

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Skispringerin in der Luft
Deutschlands Nummer zwei in der Luft: Pauline Heßler beim Weltcup in Ljubno/Slowenien Ende vergangenen Jahres. © imago

Sie ist die Nummer zwei im Team der deutschen Skispringerinnen und hatte mit ihrer Olympia-Nominierung eher nicht gerechnet: Pauline Heßler aus Lauscha. Ihre Karriere schien zwischendurch sogar beendet. Warum, sagt sie im Interview.

Willingen – Pauline Heßler ist ein wenig später dran als vereinbart. Die Skispringerin hat an diesem Vormittag mehr als einen telefonischen Interview-Termin. Es sei ein bisschen hin und her gegangen, entschuldigt sich die 23 Jahre alte Thüringerin und ist dann gleich präsent: freundlich, zugewandt und professionell.

Frau Heßler, Sie sind eine der vier deutschen Springerinnen, die für Olympia in Peking nominiert sind. Dabei hatten Sie mit dem Skispringen schon aufgehört. Warum?

Ich habe eine Zeit lang am Skiinternat in Oberstdorf trainiert und bin dort auch zur Schule gegangen. Irgendwann ging es mir dort mental nicht mehr so gut. Ich habe meine Familie sehr vermisst, hatte den Spaß am Skispringen verloren und wollte einfach raus. Ich bin zurück nach Hause gegangen und bekam Abstand zum Skispringen. Erst mein jetziger Trainer Ralph Gebstedt (Trainer am Stützpunkt Oberhof, Anm. der Redaktion) hat es mir wieder schmackhaft gemacht.

Sie sind derzeit die Nummer zwei im deutschen Frauen-Sprungteam. Alle reden von der Nummer eins Katharina Althaus. Stört Sie das?

Nein (lacht). Ich bin eine, die gern ein bisschen aus dem Hintergrund agiert. Grundsätzlich bin ich froh, dass nicht so der Hype ausgebrochen ist, da ich auch gar nicht damit gerechnet hatte, überhaupt bei Olympia zu starten.

Die Nominierung hat Sie überrascht?

Ich wusste, dass ich gut trainiert war und dass ich es kann. Aber dass ich mir gleich beim ersten Weltcup des Winters die Norm holen und die anderen Wettkämpfe so gut bestreiten würde, das hatte ich nicht erwartet.

Tut es gut, eine Topspringerin wie Katharina Althaus im Team zu wissen, etwa mit Blick auf das Mixed bei Olympia?

Ich bin froh, eine Topspringerin wie sie im Team zu haben. Man kann sich an ihr orientieren und weiß, wenn alles passt, dann kann man vorn reinspringen. Sie möchte auch, dass was nachkommt und unterstützt uns.

Zur Person

Pauline Heßler (23) wuchs in Lauscha/Thüringen auf, für den WSV ihres Heimatorts startet sie bis heute. Sie begann im Alter von fünf Jahren mit Skispringen, große Erfolge erzielte sie als Juniorin mit zweimal WM-Gold im Team. 2013 wechselte sie das Skiinternat und ging von Oberhof nach Oberstdorf, wo sie aber auf Dauer nicht glücklich wurde und Heimweh bekam. Ihre Laufbahn schien beendet, als sie im Februar 2017 dem Springen den Rücken kehrte. Bestärkt durch die Familie und ihren Oberhofer Trainer Ralph Gebstedt kam sie zurück und schaffte es im Sommer-Grand-Prix 2018 wieder in den Weltcup-Kader. Ihre besten Platzierungen in dieser Saison erzielte sie am Anfang des Winters als Rangzehnte und -elfte in Nizhny Tagil, damit erfüllte sie auf Anhieb die Olympianorm. Pauline Heßler ist Sportsoldatin. (mn)

Wie finden Sie es, dass Sie im Gegensatz zu den Männern in Peking weder im Team noch von der Großschanze um Medaillen springen können?

Sehr schade. Ich bin aber schon mal froh, dass wir Frauen mit dem Mixed einen Wettkampf mehr haben als vor vier Jahren. Vielleicht tut sich in den nächsten vier Jahren noch was, damit wir zusätzlich von einem Wettbewerb auf der Großschanze und im Team für Frauen reden können.

Pauline Heßler: Warum war bei uns nicht möglich, was bei den Männern gelang?

Wie weit sehen Sie die Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung im Skispringen?

Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Man nimmt wahr, dass wir genau so viel trainieren und den gleichen Ehrgeiz in unseren Sport stecken wie die Männer. Wir haben in den letzten Jahren um die Gleichstellung viel gekämpft, das macht sich langsam bezahlt. Das sieht man zum Beispiel daran, dass wir bei der letzten WM nicht nur von der Normalschanze und im Mixed, sondern auch auf der Großschanze und im Team um Medaillen gesprungen sind.

Was sagen Sie dann zur Durststrecke von fast einem Monat? Zwischen Ljubno am 1. Januar und jetzt Willingen hat kein Weltcup für Frauen stattgefunden, weil es keinen Ersatz für das abgesagte Springen in Sapporo gab. Bei den Männern war das anders.

Das war ein Rückschritt. Ich frage mich schon, wenn es bei den Männern möglich war, warum nicht auch bei uns. Wir haben die Zeit zwar zum Training genutzt, aber so kurz vor den Olympischen Spielen wäre es schöner gewesen, im Wettkampf-Rhythmus zu bleiben und sich noch mal zu zeigen.

Es hieß, es habe keine Fernsehzeiten mehr gegeben.

Das habe ich auch gehört. Dagegen sind wir dann leider machtlos. Es ist ja so, dass wir nicht ganz so viel Fernsehzeit bekommen wie die Männer.

Skispringerin bei der Siegerehrung
Nummer eins im deutschen Team der Springerinnen: Katharina Althaus © opokupix via www.imago-images.de

Freuen Sie sich vor diesem Hintergrund besonders auf Willingen?

Ich freue mich sehr auf Willingen, ich war dort noch nie und bin sehr gespannt auf die Schanze. Ich hoffe, dass ich ein bisschen ins Fliegen komme.

Die Frauen springen am Mühlenkopf erstmals gemeinsam mit den Männern: Sehen Sie sich als Anhängsel oder völlig selbstständig?

Als selbstständig und unabhängig von den Männern. Als Anhängsel würde ich uns sicher nicht betrachten.

Pauline Heßler findet Tournee gemeinsam mit den Männern besser als Soloserie

Es gibt die Debatte um die Vierschanzentournee für die Frauen. Auf der anderen Seite hatte in Ljubno eine eigene Serie für Skispringerinnen Premiere, das Silvester-Tournement. Was finden Sie besser: Auf eigenen Beinen zu stehen oder mit den Männern auf Tournee zu gehen?

Grundsätzlich fände ich eine Tournee gemeinsam mit den Männern besser. Gerade die Vierschanzentournee hat einen anderen Reiz und einen größeren Stellenwert. Auch da würde ich uns nicht als Anhängsel oder Vorprogramm sehen. Wir könnten profitieren, wenn wir durch das Fernsehen mehr Unterstützung bekommen. Man muss zeigen, dass Frauen-Skispringen selbstverständlich ist. Beim Biathlon sind Frauen und Männer ja auch gleichberechtigt. Ich würde es deshalb schön finden, wenn man schon für das nächste Mal eine Lösung findet, dass auch wir bei der Vierschanzentournee starten können.

Der Ski-Club Willingen zahlt der Qualifikationssiegerin eine Prämie. Wie finden Sie das?

Oh, das wusste ich noch nicht und es gab es bei uns noch nie. Das ist ein Schritt voran und ein zusätzlicher Anreiz.

„Maske ist gerade mein bester Freund“

Fänden Sie es respektlos, wenn ich Sie nach Ihrem Respekt vor der Willinger Großschanze fragen würde, was ich zum Beispiel bei Constantin Schmid nicht tun würde?

Nein. Ich glaube, egal ob Männlein oder Weiblein, jeder hat gewissen Respekt. Muss man auch haben, zumal wenn man auf einer Schanze zum ersten Mal springt. Mit Angst hat das nichts zu tun.

Machen Sie sich Sorgen, dass Sie sich direkt vor Olympia noch mit dem Coronavirus infizieren könnten?

Besorgt ist man immer. Auf der anderen Seite besteht die Corona-Situation schon seit fast zwei Jahren. Da hat man ein gewisses Gefühl dafür bekommen, was geht und was nicht. Klar, vor Olympia bin ich noch mal mehr auf Abstand gegangen. Ich treffe mich eigentlich zuhause nur noch mit meinem Trainer, meiner Lehrgangsgruppe und meinem Freund. Sonst habe ich allen schon tschüss gesagt und: Wir sehen uns nach Olympia wieder. Die Maske ist gerade mein bester Freund.

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