DFB-Team

Vom Weltmeister zum „Panikorchester“: Ist Löw noch der Richtige?

Bundestrainer Joachim Löw erlebt mit der deutschen Nationalmannschaft seit 2018 eine Talfahrt. Ist er überhaupt noch der Richtige? Ein Pro und Contra.

  • Joachim Löw hat das Halbfinale als Minimalziel für die EM 2021 ausgegeben.
  • Bis zum Turnier muss sich das DFB-Team allerdings noch gehörig steigern.
  • Ist der Bundestrainer noch in der Lage, seinem Team die nötigen Impulse zu geben?

Kassel - Spätestens nach den Spielen gegen die Türkei (3:3), Ukraine (2:1) und die Schweiz (3:3) ist die deutsche Nationalmannschaft wieder in den Fokus gerückt. Mit ihr natürlich auch Bundestrainer Joachim Löw, der trotz des WM-Debakels von 2018 immer noch das Zepter in den Händen hält. Seit damals ist zumindest statistisch gesehen keine Besserung eingetreten. Deshalb stellt sich die Frage, ob Löw noch der Richtige für den Job als Bundestrainer ist.

Pro: Joachim Löw ist noch der Richtige für den Job als Bundestrainer beim DFB-Team

Um es kurz zu machen: ja. Um es doch nicht so kurz zu machen: Dass der Schweizer „Blick“ am Dienstag in der deutschen Nationalmannschaft ein „Panikorchester“ ausgemacht hatte, ist nur allzu verständlich. Die defensiven Fehler waren eklatant, die Stabilität nahezu nicht vorhanden. Und dennoch sollte die fußballerische Fachwelt den Ball im wahrsten Sinne des Wortes flach halten.

Seit 2006 zieht Löw in voller Verantwortung die Strippen beim DFB-Team. Wer seither genau hingeschaut hat, sieht eine stete Entwicklung, die im WM-Triumph 2014 im brasilianischen Maracana-Stadion gipfelte. Mit Ausnahme der WM 2018 in Russland schaffte die deutsche Nationalmannschaft unter Löws Ägide bei großen Turnieren stets mindestens den Sprung ins Halbfinale. Das hat Gründe.

Das DFB-Team hat sich seit 2008 unter Löw stets weiterentwickelt - bis auf eine Ausnahme

2008 noch als Überraschung im EM-Finale gegen Spanien gestanden, schaffte es Löw hin zur WM 2010, eine zweifelsfrei hoch talentierte deutsche Generation über Thomas Müller und Manuel Neuer bis hin zu Mesut Özil zu einem Geheimfavoriten zu formen. Gegen das schnelle Umschaltspiel wussten am Ende (mal wieder) nur die Spanier eine Antwort. Zwei Jahre später, 2012, vercoachte sich Löw im Halbfinale gegen Italien - zugegeben. Doch der Bundestrainer zog die richtigen Schlüsse aus der Partie, ließ in der Folge sein Team früher pressen und implementierte eine gesunde Balance von Umschalt- und Ballbesitzspiel. Die Folge: der WM-Titel in Brasilien.

Dass es wieder zwei Jahre später in Frankreich nicht zum EM-Titel langte, lag mehr an mangelnder Kälte vor dem Kasten und natürlich an der Hand von Bastian Schweinsteiger, denn an Löw selbst. Womit wir beim Debakel von 2018 wären. Logisch, das Vorrunden-Aus muss sich Löw ankreiden lassen. Er hat es verpasst, das Spiel und die Mannschaft selbst weiterzuentwickeln. Doch seither ist viel passiert: die Ausbootung von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng, zahlreiche Rücktritte und einige Debütanten (14 an der Zahl). Der Umbruch ist in vollem Gange. Man sollte Löw die Zeit dafür lassen. Bisher wusste er auf Rückschläge immer die passende Antwort. Ob sie auch dieses Mal passt, wird sich ohnehin erst beim nächsten großen Turnier zeigen. Denn erst ab da gilt‘s. (Von Nico Scheck)

Contra: Joachim Löw ist nicht mehr der Richtige, doch es gibt einen großen Haken

Fast zweieinhalb Jahre ist es schon her, dass die Nationalmannschaft bei der WM 2018 sang- und klanglos in der Vorrunde ausgeschieden ist. Und auch aktuell ist die Mannschaft noch weit von ihren Bestleistungen der vergangenen Dekade entfernt. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass der Umbruch, den Joachim Löw angekündigt hat, zwar bereits vollzogen wurde, aber noch keinen Erfolg gebracht hat.

Denn der Bundestrainer selbst trägt Verantwortung dafür, dass die Leistungen, wie bei dem 3:3 gegen die Schweiz, nicht stimmen. Auch knapp zweieinhalb Jahre nach dem Desaster von Russland ist der Bundestrainer nicht in der Lage, ein funktionierendes System zu entwickeln. Das liegt unter anderem daran, dass Löw zu viele Experimente wagt. Kleine Rechnung gefällig? In 21 Spielen nach der WM setzte Löw ganze 41 Spieler ein, darunter 14 Debütanten.

Das DFB-Team steht in der Defensive nicht ansatzweise sicher

Elfmal hat das Team seitdem mit einer Dreierkette gespielt – zehnmal ist es mit einer Viererkette aufgelaufen und steht in der Defensive nicht ansatzweise sicher. Die Schweiz hat’s gezeigt. Stetiger Unsicherheitsfaktor ist Antonio Rüdiger, der bei Chelsea aussortiert wurde, bei Löw aber weiterhin gesetzt ist. Jérôme Boateng und Mats Hummels zeigen bei ihren Vereinen hingegen sehr gute Leistungen und werden seit ihrer unrühmlichen Ausbootung durch den Bundestrainer dennoch nicht berücksichtigt.

Bundestrainer Joachim Löw beim Spiel des DFB-Teams gegen die Schweiz.

Ebenso wie Thomas Müller, dem das ewige Talent Julian Draxler vorgezogen wird. Übrigens: Auch Draxler ist bei PSG Reservist. „Für Julian wäre es wichtig, auch in dem Alter, vielleicht einen Schritt zu machen, wo er regelmäßig spielt“, sagt selbst der Bundestrainer über seinen Mittelfeldspieler. Dennoch wird Draxler fleißig nominiert. Leistungsprinzip? Fehlanzeige.

Wer könnte Joachim Löw überhaupt ersetzen?

Schließlich bleibt die alles entscheidende Frage: Ist Löw überhaupt noch der Richtige? Spätestens seit der WM 2018 ist er das nicht mehr. Bereits damals hätte der Bundestrainer nach der größten Blamage in der deutschen WM-Geschichte zurücktreten müssen. Sein großes Glück ist aktuell, dass keine aussichtsreichen Kandidaten zur Verfügung stehen. Jürgen Klopp? Steht bei Liverpool unter Vertrag. Thomas Tuchel? Trainiert Paris Saint-Germain und hat auf Vereinsebene noch zu viel vor, um alle paar Monate mit der Nationalmannschaft zusammenzukommen. Jupp Heynckes? In Rente. Christoph Daum? Wäre vor 20 Jahren mal spannend gewesen, ist aber auch Schnee von gestern. Tatsächlich wäre Ralf Rangnick der einzige Trainer, der aktuell infrage käme. Ob er sich den Rummel um die Nationalmannschaft antun möchte, ist leider nicht bekannt. (Von Moritz Serif)

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa

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