Am 10. November 1938 wurden auch Kasseler Vereine von den Nazis verboten – Schikanen schon vorher

Als jüdische Klubs verschwanden

Waren auch in Kassel zu Gast: Die Spieler von Bar Kochba Hannover trafen auf Bar Kochba Kassel. Ein Foto der Kasseler Mannschaft lag uns leider nicht vor. Fotos: nh

Kassel. Nach der Machtergreifung durch die Nazis wurden im März 1933 jüdische Sportler und Sportfunktionäre aus ihren Vereinen geworfen, meistens nicht auf Anweisung von lokalen NS-Funktionären, sondern durch offen antisemitische Klubführungen. Juden durften seitdem nur noch in eigenen Vereinen aktiv sein.

Mitte der dreißiger Jahre gab es knapp 200 jüdische Vereine mit 60 000 Mitgliedern. Sie waren in zwei Verbänden organisiert und spielten meistens getrennte Meisterschaften aus. Makkabi propagierte den Aufbau des Staates Israel, Schild betonte dagegen seinen deutschen Patriotismus und stand dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten nahe. Spiele gegen nicht-jüdische Klubs waren kaum noch möglich.

Bar Kochba Kassel weihte 1934 seinen Sportplatz mit einem 12:1-Sieg gegen Makkabi Brakel ein. Zudem gab es beispielsweise Freundschaftsspiele gegen Bar Kochba Frankfurt, Bar Kochba Hannover und Schild Felsberg. In der Saison 1934/1935 spielte BK Kassel in der Makkabi-Gruppe Hessen I um Punkte – am Ende wurde man unter sieben Mannschaften Zweiter.

In den Folgejahren wurden nur noch Freundschaftsspiele ausgetragen, nicht zuletzt, weil zahlreiche Spieler ausgewandert waren. Das letzte dokumentierte Spiel von BK Kassel Ende 1936 bei Schild Heilbronn war von historischer Bedeutung. Je zur Hälfte bestand die Gästemannschaft aus Spielern von Bar Kochba Kassel und Schild Meiningen. Wegen der unterschiedlichen politischen Positionen und Querelen zwischen Funktionären der beiden jüdischen Sportverbände Makkabi und Schild hatte es so eine Spielgemeinschaft vorher noch nie gegeben.

Mit Schild Kassel gab es einen zweiten jüdischen Verein in der Stadt. Der trug vermutlich nur wenige Freundschaftsspiele aus, beispielsweise gegen VTH Hannover, Schild Felsberg und Schild Schenklengsfeld.

Im Jahre 2000, als die WM 2006 vergeben wurde, entschloss sich der DFB zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit im Dritten Reich. Seit 2006 wird die Wanderausstellung „Kicker-Kämpfer-Legenden. Juden im deutschen Fußball“ gezeigt, derzeit (bis 10. Januar) in der Synagoge Celle.

Heute gibt es wieder jüdische Sportvereine in Deutschland. Im Verband Makkabi sind 37 Ortsvereine organisiert. In Wiesbaden werden Fitness, Schach, Tischtennis und Turnen angeboten, in Frankfurt gehört zu den neun Sparten auch eine Fußballabteilung mit Herren- und Juniorenmannschaften.

Von Joachim Göres

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