Interview

Huskies-Trainer Tim Kehler: „Nehme mich nicht von Kritik aus“

Tim Kehler
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Huskies-Trainer Tim Kehler nach der Niederlage am Samstag (22.05.2021).

Nach dem fünften Finalspiel gegen die Bietigheim Steelers ist die Enttäuschung bei den Kassel Huskies groß. Trainer Tim Kehler gibt im Interview Einblick.

Kassel – Kurz nachdem der Traum von Meisterschaft und Aufstieg geplatzt war, stand Tim Kehler allein und gedankenversunken auf dem Eis. Fast so wie Franz Beckenbauer 1990 nach dem WM-Titel der Fußball-Nationalmannschaft allein auf dem Rasen des Stadions ins Rom. Doch die Gefühlslage beim Cheftrainer der Kassel Huskies war natürlich eine andere. Die Enttäuschung ist auch drei Tage nach dem Scheitern spürbar, wie im Interview schnell deutlich wird.

Wie geht es Ihnen?
Wir sind alle sehr enttäuscht. Bietigheim ist ein würdiger Champion, die Steelers haben sehr gut gespielt. Aber nach der Saison und unseren eigenen Erwartungen gab es nur ein Ergebnis, mit dem wir zufrieden gewesen wären.
Wie lange wird es dauern, diese Enttäuschung zu verarbeiten?
Wahrscheinlich bis zum Start der nächsten Saison. Bietigheim hatte ein sehr gutes Team, eine sehr gute Saison – sie haben uns auch in der Hauptrunde in zwei von drei Spielen geschlagen. Trotzdem hatten wir erwartet zu gewinnen. Es braucht eine lange Zeit, bis wir das verarbeitet haben. Aber so ist der Sport nun mal.
Gab es kurz Gelegenheit, einmal durchzuatmen?
Nein, wir alle möchten nach Hause. Es war eine lange Saison ohne die Familie. Deshalb hatten wir am Montag bereits alle Abschlussgespräche, das war ein langer Tag. Einige Spieler sind schon auf dem Weg in die Heimat.
Phil Cornet zum Beispiel?
Ja, Phil ist abgereist und hat wieder bei Hämeenlinna in Finnland unterschrieben. Er hat all das eingebracht, was wir von ihm erwartet haben. Dass er nun wieder bei einem großen Klub unterschrieben hat, zeigt den Respekt der Eishockey-Welt vor den Huskies und der DEL2. Troy Rutkowski und seine Familie fliegen am Mittwoch, mein Co-Trainer Casey Fratkin und ich werden Ende der Woche abreisen.
Wird Rutkowski nach Kassel zurückkommen?
Da müssen Sie sich noch ein wenig gedulden. Wir werden Mitteilungen herausgeben.
Wie waren die Gespräche?
Emotional, professionell. Das kann man nicht unterteilen. Jeder hier war ein Teil des Ganzen. Es gibt Leute außerhalb der Eishalle, die denken, dass Siege oder Niederlagen ihnen mehr bedeuten als uns. Aber wir vertrauen diesem Sport und den Kassel Huskies unser Leben an. Die Spieler waren am Boden zerstört, das Team drumherum ebenso. Die Konsequenzen dieser Niederlage wirken eben schwerer, weil es nicht nur um einen Titel, sondern auch um den Aufstieg ging. Der große Druck hat unsere Spieler beeinflusst, sodass nicht alle ihr höchstes Level erreichen konnten, so wir uns das eigentlich von ihnen erhofft hatten.
Warum wurde das Level der Hauptrunde nicht in den Playoffs erreicht?
Das Level der Hauptrunde ist nicht zu vergleichen mit dem, das in den Playoffs erforderlich ist. Jedes Team hat sein Level erheblich gesteigert, wir auch. Bietigheim hat sein bestes Eishockey zur kritischsten Zeit gespielt. Einige Spieler hatten eine durchschnittliche Saison, aber unglaubliche Playoffs. Das ist oft ein Rezept für Erfolg, ist aber nicht vorhersehbar. Der Weg der Steelers ins Finale, die Serie gegen uns, das hat sie stark gemacht.
Aber für die Huskies war der Titel zum Greifen nah.
Klar, wenn du in einer Serie mit 2:0 führst, erwartest du den dritten Sieg. In den Spielen drei, vier und fünf hatten wir immer Führungen vor dem letzten Drittel, konnten aber keinen Weg finden, sie nach Hause zu bringen. Die Bietigheimer haben in diesen Momenten mit Selbstvertrauen und Entschlossenheit gespielt. Ihr Glaube war unfassbar. Dass unser Team nicht sein bestes Level erreicht hat, lag daran, wie gut Bietigheim gespielt hat.
Warum hat die Defensive auf einmal gewackelt?
Das war ja schon gegen Heilbronn im Viertelfinale so, diese Spiele waren lange offen. Man vergisst gerne, dass wir zuvor drei Wochen kein Spiel gemacht haben. Da hat man schon einige defensive Defizite gesehen. Wir haben aber immer auch Wege gefunden, Tore zu schießen. Wir waren ja nicht nur die beste Defensive, sondern auch die beste Offensive. Das hat uns gegen Heilbronn und Ravensburg geholfen. Auch gegen Bietigheim haben wir genug Tore geschossen, um zu gewinnen. Aber die schnelle und kreative Offensive der Steelers hat uns vor Schwierigkeiten gestellt.
Hat der Playoff-Rhythmus gefehlt?
Wir haben bestimmt etwas von unserem Rhythmus verloren. Wir haben zwar die letzten neun Hauptrundenspiele und die ersten vier Playoffspiele gewonnen, hatten aber immer wieder lange Pausen. So sind wir nicht in einen Spielrhythmus gekommen wie die Steelers, die in ihren jeweiligen Serien über fünf Spiele Selbstvertrauen sammeln konnten.
Haben Sie persönlich Fehler gemacht?
Ich nehme mich nicht von Kritik aus. Ich werde mir dafür aber viel Zeit nehmen. Als Trainer wertet man sich selbst ständig aus, vor allem wenn man nicht erfolgreich war. Unsere Spieler waren das ganze Jahr sehr gut vorbereitet, das war das Erfolgsrezept. Ich halte nichts davon, vor den Playoffs viel zu ändern. Aber es gibt sicher ein paar Dinge, die ich mir genau anschauen muss und bei denen ich zu mir selbst ehrlich sein muss, ob es besser geht. Die Analyse beginnt für mich mit ein wenig Abstand.
Blicken wir voraus: Am 1. Oktober startet die neue DEL2-Saison.
Das ist ein gutes Datum, besonders wegen der Länge der abgelaufenen Saison, der kurzen Pause und vor allem der unsicheren Situation, dass die Vereine wieder Zuschauer benötigen. Mit dem Termin ist die Hoffnung verbunden, unseren Fans ein sicheres Stadionerlebnis anbieten.
Sie sagen „unseren Fans“. Sie bleiben also Trainer?
Das ist meine Absicht, auch wenn noch einige Dinge zu klären sind. Ich genieße die Zeit hier und die Möglichkeiten, die mir Joe Gibbs (Huskies-Geschäftsführer, Anm. d. Red.) gibt, an der Kaderplanung beteiligt zu sein. Es gibt viele positive Dinge, die mit den Huskies passieren, und ich bin stolz, ein Teil davon zu sein.
Es gab Gerüchte um Angebote aus der DEL.
Wenn man eine gute Saison spielt, gibt es immer Möglichkeiten. Aber das Gras ist anderswo nicht immer grüner. Wir haben hier die Chance, etwas Spezielles aufzubauen, und ich sehe es als meine Mission an, dieses Team in die DEL zu führen.
Bleibt das Team zusammen?
Es gibt Spieler, die durch diese Saison anderswo Chancen erhalten werden. Aus meiner Perspektive ist mit diesem Team aber vieles richtig gelaufen. Wir werden sicher versuchen, den Kern der Mannschaft beisammenzuhalten.
Also auch die Kasseler Jungs?
Ja, dazu werde ich aber nichts sagen. Die Spieler brauchen jetzt ein paar Tage Ruhe, es steht auch noch ein Mannschaftstrip an. Wir hatten über das ganze Jahr nichts außer Eishockey und Coronatests. Die Spieler haben sich etwas Ruhe verdient, erst dann werden wir etwas vermelden.
Worauf freuen Sie sich jetzt am meisten?
Auf meine Frau Sandy, die mich sehr unterstützt hat in dieser anstrengenden Zeit. Ansonsten freue ich mich auf das Golfspielen, gutes Wetter und ein bisschen Zeit woanders.
Enttäuscht stand Huskies-Trainer Tim Kehler nach der 2:5-Pleite im entscheidenden Finalspiel gegen die Bietigheim Steelers auf dem Eis.

Zur Person

Tim Kehler (49) ist seit November 2018 in Kassel. Er stammt aus Victoria, Hauptstadt der Provinz British Columbia, und lebt in Vancouver. Der Kanadier hat Bankkaufmann gelernt, als Broker an der Börse gearbeitet, Politik studiert und arbeitet seit 2002 als Eishockeytrainer. So war er unter anderem in Frankfurt und Salzburg tätig. Lebensgefährtin Sandy hat eine Tochter (Alexandra). In seiner Freizeit spielt er gern Golf.

(Björn Friedrichs Und Michaela Streuff)

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