Ein Spiel fürs Geschichtsbuch:

Das Drama um die Kassel Huskies aus verschiedenen Blickwinkeln

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Kassel. Es hätte auch alles ganz anders kommen können: Drei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit führten die Kassel Huskies gegen Landshut mit 2:1.

Sie hatten den zweiten Sieg in der Playoff-Serie vor Augen, wären am Mittwoch zum nächsten Duell nach Landshut gefahren. Sie überstanden eine Unterzahl – und kassierten doch noch den Ausgleich durch Ty Morris. Statt Triumph war nun Verlängerung angesagt – und es wurde ein Wahnsinnsspiel für die Eishockey-Geschichtsbücher. Erst in der dritten Verlängerung fiel der für die Gastgeber so bittere entscheidende Treffer. Wieder traf Morris. Es war 21.24 Uhr, es lief die 103. Minute. Damit endete das längste Spiel der Huskies-Geschichte – und das sechstlängste im deutschen Eishockey.So haben es Spieler und Fans erlebt:

Schiri Jens Steinecke:

103 Minuten im Einsatz: Schiedsrichter Jens Steinecke.

Es war klar, dass es in der Playoff-Serie Huskies gegen Landshut zu einem Verlängerungs-Krimi kommen würde. Nur dass der 103 Minuten dauert, hat keiner erwartet. Klar schlaucht ein so langes Spiel körperlich, aber das muss man ausblenden, sich konzentrieren und sicher pfeifen. Dazu gehörte auch, dass man in den Pausen nicht rumsitzt und in sich geht, sondern den jeweiligen Spielabschnitt noch mal bespricht. Das ist wichtig, um gemeinsam den Charakter des Spiels richtig zu bewerten und diesen im nächsten Abschnitt bei der Spielleitung zu beachten. Da das Siegtor aber unter anderem eine klare Sache war, sind wir Schiris mit Lob von beiden Seiten aus dem Rekordzeit-Spiel gegangen. Dann weiß man, dass es sich gelohnt hat, die ganze Partie hellwach gewesen zu sein und durchgehalten zu haben, bis der sprichwörtliche Drops gelutscht war. Allerdings war es insgesamt ein sehr faires Spiel, trotz der Querelen um Videobeweis und Torwartfrage im Vorfeld.

Huskies Spieler Jeff Frazee:

Hielt seine Mannschaft mit tollen Paraden lange im Spiel: Torhüter Jeff Frazee.

Für das Lob der Trainer kann ich mir nichts kaufen. Wir alle wollten ein anderes Ergebnis. Wir hatten Chancen, die Landshuter hatten Chancen. Es wäre alles möglich gewesen. Ich bin schon mal in eine lange zweite Overtime gegangen, aber noch nie in eine dritte Verlängerung. Es kommt dieser Punkt nach der zweiten Overtime, ab dem du einfach nur noch lächelst. Du hast Spaß. Der Druck geht weg. Da gilt irgendwann nur noch die Devise: Was passieren soll, wird passieren. Du bist zu müde, um nervös zu sein. Du bist zu müde, um gestresst zu sein. Dann kommt dieser Moment, in dem der Puck hinter dir einschlägt. Als Torhüter denkst du als Erstes: Du hast das Team hängen lassen. Das ist das Einzige, woran du in diesem Moment denkst. Es war mein Fehler, der Puck ist an mir vorbeigeflogen. Ich habe ihn passieren lassen. Was bleibt, ist jetzt erstmal die Enttäuschung. Wir haben so lange gespielt. Wir hatten so viele Chancen. Ich selbst grübele darüber, was wäre gewesen, wenn ich den Treffer verhindert hätte. Ein Spiel auf diese Art zu Hause zu verlieren, ist eins der schlimmsten Dinge, die passieren können. Aber wir haben eine tolle Mannschaft, ein tolles Umfeld, das uns unterstützt, Das hilft, all das jetzt zu verarbeiten. Dass mich die Trainer loben – das ist schön, aber darüber kann ich mich gerade nicht freuen. Vielleicht in einigen Tagen kann ich mich zurücklehnen, sagen, hey, du hast gut gespielt. Aber gerade dominiert der Frust.

Landshuter Kyle Doyle:

Erfolgreich an alter Wirkungsstätte: Kyle Doyle.

Als ehemaliger Husky war es für mich natürlich etwas Besonderes, in Kassel zu gewinnen. Es war ein unglaubliches Spiel, quasi zwei Eishockey-Partien an einem Abend. Da bist du als Spieler irgendwann nur froh, wenn es vorbei ist. Wir dachten, es ist ein Spiel, das niemals enden wird. Die Atmosphäre war unglaublich, es war für beide Mannschaften alles drin. Ty Morris war richtig heiß. Nach seinen ersten beiden Treffern haben wir in der Kabine gesagt, bringt den Puck zu Ty. Vor seinem dritten Tor passe ich zu Forster, der weiter zu ihm – und Ty macht tatsächlich den Siegtreffer. Unglaublich. Wir haben viele erfahrene Spieler in unseren Reihen. Die haben immer wieder betont, es ist erst vorbei, wenn es tatsächlich vorbei ist. Ich bin immer noch mit vielen Huskies befreundet. Es war natürlich nicht schön zu sehen, dass sie verloren haben. Beim Händeschütteln nach dem Ende habe ich ihnen das auch gesagt.

Spielvater Herbert Heinrich:

Herbert Heinrich

Ich habe schon viele denkwürdige Momente mit den Kassel Huskies erlebt – aber so einen Abend wie am Sonntag noch nie. Es war das erste Mal, dass ich bei solch einem Krimi live dabei war. Aber ich kann nur sagen: Hut ab vor diesen Jungs. Ich bin lange davon ausgegangen, dass die Huskies die Partie noch für sich entscheiden. Dieser Lattentreffer von Jens Meilleur in der 53. Minute – das hätte die Entscheidung zugunsten der Huskies sein können. Dann geht’s in die Verlängerung. Die Chancen, sie waren da. Ich habe mich jedes Mal kurz vom Eis weggedreht, wenn es wieder mal nicht geklappt hat. Mein Sohn Alex war richtig gut drauf. Er hatte dieses Kassel-Gen in sich. Niemals aufgeben. Die Jungs wollten alle, das gibt in solch einer langen Verlängerung nochmal Adrenalin. Auch wenn ich aus eigener Erfahrung weiß: Wenn Spiele so lange dauern, sind die Beine irgendwann zu. Dann kommt dieser Penalty. Mike Collins scheitert. Das war der Knackpunkt. Danach habe ich gedacht, jetzt geht’s wahrscheinlich in die andere Richtung. Es war ein wenig wie dieses entscheidende Playoff-Finalspiel um den Aufstieg 2013 gegen Bad Nauheim. Der entscheidende Schuss ging ja ins gleiche Tor. Aber unterm Strich bleibt: Wir können stolz auf diese Mannschaft sein.

Ansager Sven Breiter:

vor dem entscheidenden Spiel um den Aufstieg im vergangenen Jahr habe ich Bachblütentropfen zur Beruhigung genommen. Ganz anders dieses Jahr: Ich war vor der Partie locker. Dann diese Verlängerung. Dass es eine solche Geschichte wird, hätte ich nie erwartet. Overtime ist ja eine Glückssache. Es fühlte sich an wie in diesem entscheidenden Spiel 2008. Ich bin während der Pausen und bei jedem Landshuter Powerplay rausgegangen zum Rauchen. Ich konnte es mir nicht anschauen.

Ende der Playoffs: Huskies verlieren gegen Landshut

Klar wäre ich gern noch einmal nach Landshut gefahren. Aber: Es war eine grandiose Saison. Die Enttäuschung hält sich deshalb in Grenzen. Und den Playoff-Bart habe ich am Sonntagabend noch abrasiert.

Reporter Frank Ziemke:

Wenn alles, was ich an diesem Abend geschrieben habe, erschienen wäre, der Spielbericht hätte eine halbe Seite gefüllt. So ein aktuelles Spiel ist für uns ja ein Wettlauf gegen die Zeit. Jede Minute zählt. Also schreiben wir parallel zum Spiel, um schnell in Druck gehen zu können und auf der Homepage im Internet zu stehen. Drei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit stand der Titel: „2:1 – die Huskies leben noch.“ Was kam, kennen Sie. Neuschreiben. Umschreiben. Weiterschreiben. Und immer wieder: wegstreichen, was da vorher gestanden hatte. Das bittere Ende: Mit den Huskies stürzte auch mein Laptop ab. Ich habe dann auch noch vieles doppelt geschrieben.

Video vom Spiel:

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- Reportage: So erlebten Fans und Maskottchen das Huskiesspiel

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