„Eishockey bleibt mein Leben“

Stéphane Richer über das Aus in der DEL, Hamburg und die Huskies

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Plant die Zukunft in einem Übergangsjahr: Stéphane Richer, ehemaliger Cheftrainer der Huskies und langjähriger Manager der Hamburg Freezers.

Kassel. Als Cheftrainer feierte er mit den Kassel Huskies 2008 den DEL-Aufstieg. Als im Mai die Hamburg Freezers keine neue DEL-Lizenz beantragten, verlor er schlagartig seine Arbeit als Sportdirektor.

Im Interview spricht Stéphane Richer über einen turbulenten Sommer, sein Engagement beim Oberligisten Crocodiles Hamburg und Kassel.

Herr Richer, wäre alles gelaufen wie bis Mitte Mai geplant, hätten Sie jetzt kaum Zeit für ein Gespräch, oder? 

Stephane Richer: Für ein Gespräch mit Kassel habe ich immer Zeit. Aber klar, jetzt habe ich ein wenig mehr Freizeit, bin zwar beschäftigt, aber würde lieber noch meine Aufgabe bei den Freezers erfüllen.

Wie verbringt ein Ex-DEL-Sportchef ein Wochenende, wenn die Eishockeysaison läuft? 

Richer: Bei einem Heimspiel wäre ich gegen 8 Uhr zum Training gegangen, hätte mit dem Coach einen Kaffee getrunken, mittags Büroarbeit erledigt. Abends wäre ich zum Spiel gegangen. Nun ist so ein Freitag relativ frei. Gestern Abend war ich bei den Crocodiles, am Sonntag werde ich ein Spiel in Deutschland anschauen, aber ich weiß noch nicht welches.

Sie könnten ja nach Kassel kommen.

Richer: Ich weiß, die Huskies spielen gegen Kaufbeuren. Sie haben einige gute junge Spieler. Ich scoute für die L.A. Kings in Europa und habe Talente zwischen 18 und 20 im Blick. Kaufbeuren hat auch ein paar gute Jungs. Vielleicht aber muss ich auch nach Dänemark.

Nach so viel Freizeit klingt das nun aber auch nicht, auch wenn Ihr Tagesablauf ein anderer ist. 

Richer: Scouting ist einerseits neu, aber andererseits auch wieder nicht, weil du als Sportdirektor ohnehin immer Spieler für dein Team im Blick behältst. Jetzt ist die Suche mehr auf die Zukunft ausgerichtet. Es macht Spaß, Eishockey ist viel entspannter, wenn du emotional nicht involviert bist. Ich war vor kurzem in Berlin. Neben mir saßen Peter Lee und Stefan Ustorf. Sie waren ganz nervös, weil ihre Mannschaft spielte, ich ganz locker, weil ich nur Spieler beobachtet habe.

Haben Sie diese ruhigere Zeit gebraucht? 

Richer: Der Sommer war sehr emotional. Am Tag, als das Aus kam, habe ich gelernt, dass du im Eishockey nur von Tag zu Tag planen kannst. Ich hatte schon früh in der Saison einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Jetzt habe ich mir die Zeit gegeben zu sagen, dieses Jahr wird ein Übergangsjahr. Ich habe das Glück, dass ich für die Kings scouten und den Crocodiles im Nachwuchs helfen kann. Denn es ist wichtig, dass diese Basis erhalten bleibt. Und mir ist wichtig, dass ich so den Kontakt zum Sport nicht verliere. Denn Eishockey ist mein Leben, meine Leidenschaft und meine Zukunft.

Blicken wir noch einmal kurz zurück auf den 24. Mai. Wie haben Sie diesen Tag erlebt? 

Richer: Es war ein schwieriger Tag. Wenn du Trainer oder Sportdirektor bist, hast du Einfluss darauf, welcher Spieler kommen wird. Aber an dem Tag hattest du keinen Einfluss. Als Anschutz entschieden hat, keine DEL-Lizenz zu beantragen, waren meine ersten Gedanken bei den Mitarbeitern, den Spielern, den Fans. Ich war persönlich sehr enttäuscht, auch meine Familie. Wir sind seit sechs Jahren hier. Es hat ein paar Wochen gedauert, das zu verarbeiten.

Was waren die schwersten Momente? 

Richer: Ich habe fast bis zum letzten Tag vor der Entscheidung die nächste Saison geplant: Einen neuen Co-Trainer, neue Nachwuchstrainer, neue Spieler angerufen, berichtet, wie schön Hamburg ist, wie professionell wir arbeiten. Dann musste ich ein paar Wochen später anrufen und sagen: Die Freezers gibt es nicht mehr. Ich habe jedem die Entscheidung persönlich mitgeteilt. Zu Hause waren alle geschockt, besonders meine 14-jährige Tochter.

Bekommen Sie noch Geld von der Anschutz-Gruppe? 

Richer: Nein. Ich habe bis Ende August alles zu Ende gebracht. Wir waren zuletzt noch zu dritt. Die Aufgaben waren nicht einfach: Ich musste zum Beispiel 28 Wohnungen mit Möbeln zurückgeben. Besonders traurig war der letzte Tag: Die Halle zu verlassen, die Geschäftsstelle, die Kabine, der Kraftraum, alles war leer. Wichtig aber ist, dass alle einen neuen Job gefunden haben, die Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die Spieler, die Trainer. In Hamburg geht das Eishockey und die Nachwuchsarbeit mit den Crocodiles weiter. Ich vergleiche es mit Kassel.

Verfolgen Sie die Huskies? 

Richer: Natürlich. Ich habe mich über die DEL-2-Meisterschaft gefreut. Ich kenne die Trainer gut. Hugo war mein Kapitän beim Aufstieg 2008. Manuel Klinge hat den Sprung zu einem Nationalspieler mit uns gemacht. Für Hamburg kann Kassel ein Vorbild sein. Zu sehen, wie man nach einem Neustart Schritt für Schritt wieder etwas aufbauen kann. Denn auch in Hamburg gibt es eine Eishockey-Euphorie ähnlich wie die in Kassel.

Kommen Sie vielleicht mal als Zweitliga-Manager mit den Crocodiles nach Kassel? 

Richer: Das ist noch zu früh zu sagen. Es ist ein Übergangsjahr. Im Januar, Februar weiß ich genauer, in welche Richtung ich gehen möchte. Meine Zukunft aber sehen meine Familie und ich in Deutschland.

Zur Person 

Stéphane Richer (50) kam nach 27 NHL-Spielen 1995 nach Mannheim, wurde viermal DEL-Meister mit den Adlern und Vizemeister als Trainer. Im Januar 2006 ersetzte der Kanadier Bernhard Englbrecht als Trainer (und später Sportdirektor) bei den Kassel Huskies. Mit dem Team stieg er aus der DEL ab, schaffte aber 2008 den Wiederaufstieg. 2010 ging er als Sportlicher Leiter nach Hamburg. Seit dem DEL-Aus der Freezers im Mai arbeitet Richer als Scout für das NHL-Team der L.A. Kings und engagiert sich beim Oberligisten Hamburg Crocodiles. Mit Ehefrau Josee und der jüngsten der drei Töchter lebt der zweifache Großvater in Hamburg.

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