Moritz Müller ist der Anführer

Der Kapitän der Eishockey-Nationalmannschaft im Interview: „Es wird eine Reifeprüfung“

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Der Kapitän und der Hoffnungsträger: Moritz Müller (links) und Leon Draisaitl. 

Kassel – Er ist ein Olympiaheld, hat Kasseler Wurzeln und führt nun als neuer Kapitän die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft an: Verteidiger Moritz Müller spricht im Interview über die WM in der Slowakei.

Wie oft schauen Sie Ihre Silbermedaille noch an?

Mittlerweile nicht mehr so häufig. Eine Zeit lang war sie sehr gefragt, ein dreiviertel Jahr nach den Olympischen Spielen hatte ich sie permanent dabei. Aber nun liegt sie nur noch in der Schublade. Zeitweise habe ich zuhause immer wieder neue Verstecke gesucht. Denn gerade diese Medaille sollte ein Einbrecher nicht finden. Manchmal habe ich sie so gut versteckt, dass ich selbst nicht mehr wusste, wo sie ist.

Werden Sie gern noch als Olympiaheld angesprochen, oder ist das abgehakt?

Beides. Das eine bleibt für immer und macht meine Karriere vielleicht am Ende aus. Es war das Schönste, das ich erreichen konnte. Aber nun stehen neue Ziele an.

Wie viel vom Silber-Team steckt in der aktuellen Nationalmannschaft?

Jede Mannschaft muss einen eigenen Geist entwickeln. Was wir in Pyeongchang aufgebaut haben, ist über Jahre entstanden. Der Kreis der Nationalmannschaft besteht aus 50 bis 70 Spielern. Wir haben uns über die Jahre kennengelernt. Wir hatten vor Pyeongchang mit dem Qualifikationsturnier eine abenteuerliche Reise, sie allein hat uns zusammengeschweißt. Das gipfelte im Silbererfolg. Der Geist von 2018 ist im deutschen Eishockey geblieben, die Brust ist breiter.

Das Schlagwort vor der WM ist Umbruch. Wie schätzen Sie das aktuelle Nationalteam ein?

Es ist eine stark verjüngte Mannschaft. Viele der Erfahrenen haben ihre Karriere nach Olympia beendet. So war der Umbruch zum Teil erzwungen. Aber er war einfacher, als im Vorfeld angenommen. Im Sturm sind wir so gut besetzt, dass es schwer ist, einen Platz zu ergattern. Das spricht für die Tiefe an Talent.

Leon Draisaitl und der junge Moritz Seider stehen vorab im Fokus – wer wird diese Mannschaft prägen?

Eine deutsche Mannschaft kann nur über das Team kommen. Natürlich haben einige Jungs, die aus der NHL kommen, besondere Strahlkraft. Aber das ist auch sehr gut für das deutsche Eishockey. Sie geben besonderen Anlass, über unseren Sport zu berichten. Leon ist ein so guter Eishockeyspieler, der wird überall seinen Stempel aufdrücken. Moritz wird seinen Weg gehen. Ich würde ungern einen aus dem starken Angriff herausheben.

Wie erleben Sie Toni Söderholm im Vergleich zu Vorgänger Marco Sturm?

Es sind unterschiedliche Typen, in ihrer Art beide sehr angenehm. Toni ist ein typischer Skandinavier. Intelligent, analytisch denkend, mit dem Mut, den Weg weiterzugehen, den Marco Sturm eingeschlagen hat. Er hat den Grundstein gelegt und dem deutschen Eishockey neues Selbstbewusstsein eingehaucht. Toni möchte Deutschland spielerisch weiterentwickeln.

Sie haben gesagt: „Es gilt jetzt wieder für die Jungs, eine eigene Geschichte zu schreiben.“ Wie soll diese Geschichte aussehen?

So ein Turnier hat eine eigene Dynamik. Ich habe das schon oft erlebt. Selbst wenn es mal schlecht läuft, kann es schnell auch wieder in die andere Richtung gehen. Wichtig ist, dass wir als Mannschaft achtsam sind, wie wir miteinander umgehen. Ich traue dieser Generation, gerade dem 95er-Jahrgang, der fast komplett den Weg in die Nationalmannschaft gefunden hat, Großes zu.

Am Ende wird es auch eine Reifeprüfung werden. Es gilt, mit der Aufgabe zu wachsen. Man muss den Jungs Zeit geben, sich in den Rollen zu entwickeln und sie müssen lernen, was es heißt, eine Mannschaft zu führen. Insgesamt schaue ich erfreut auf die Zukunft des deutschen Eishockeys. Das Viertelfinale haben wir in den letzten drei Jahren zweimal erreicht, das ist unser Ziel. Wir spielen zunächst gegen die Gegner, die vermeintlich auf Augenhöhe sind. Da müssen wir die Basisarbeit machen. Und wenn die Topstars auflaufen, werden wir sehen, wie unangenehm wir sein können.

Sie spielen Ihre achte WM, wird so ein Turnier langsam zur Routine?

Eine WM oder Olympia wird nie zur Routine. Das ist immer etwas Besonderes. Ich gehe mit dem Vorteil in die WM, zu wissen, wie lang so ein Turnier ist. Dass man nach dem ersten Spiel nicht den Kopf in den Sand stecken muss. Dass nach den ersten Spielen aber auch noch nichts gewonnen ist. Vielleicht kann ich davon etwas an die Jungs abgeben.

2018 gab es Silber. Welches Erinnerungsstück würden Sie gern aus der Slowakei mitnehmen?

Gegen Hartmetall hab ich nie etwas. Aber um so einen Erfolg zu feiern, da muss es sein wie bei einer Uhr: Es muss jedes Zahnrädchen perfekt funktionieren. Wir sind auf einem guten Weg. Aber wir sind gut beraten mit Demut und Bescheidenheit. Die ersten vier Spiele sind enorm wichtig. Dann trauen wir uns auch zu, den Großen ein Bein zu stellen. Wie weit das am Ende reicht, das vermag ich nicht vorherzusehen. Deshalb nehme ich als Erstes aus der Slowakei hoffentlich eine schöne Erinnerung mit.

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