Ein Schubser mit dramatischen Folgen

Landgericht verurteilt Bad Nauheimer Eishockey-Spieler

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Herbst 2012: Patrick Strauch im Trikot des ECN.

Bad Nauheim. Die immer gleichen Bilder schießen durch den Kopf. Morgens beim Aufwachen, abends beim Einschlafen. Eingebrannt im Gedächtnis; wohl für immer.

Ein Klopfen auf die Schulter, ein Zupfen am Trikot, ein unüberlegter Schubser, ein folgenschwerer Sturz – Sekunden, die Leben verändert haben; nicht nur sein eigenes.

So lautet das Urteil

Er mache sich Vorwürfe, sagt Patrick Strauch (35) heute und spricht von „einer sehr belastenden Zeit“. Sie währte drei lange Jahre für den Eishockey-Stürmer des EC Bad Nauheim, der mit dem Team in der DEL 2 auf dem Sprung in die Playoffs steht. Nun erst hat das Landgericht Düsseldorf den Fall vom 30. November 2012 strafrechtlich abgeschlossen. Im Berufungsverfahren wurde Strauch wegen fahrlässiger Körperverletzung zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Zahlung von 20.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt.

Ein Schöffengericht hatte ihn zunächst zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung plus 18.000-Euro-Zahlung an das Opfer verurteilt, wegen schwerer Körperverletzung. Dass der 35-Jährige „die Gesamtsituation zum Zeitpunkt des Handeln erfasste und billigend in Kauf nahm“, sei aber nicht mit der für eine „Verurteilung erforderlichen Überzeugung“ festgestellt worden, entschied nun die zweite und letzte Instanz. Aber: „Es hätte nur eines Augenblicks mehr an Aufmerksamkeit (Strauchs) bedurft, um zu erkennen, dass es sich offensichtlich nicht um einen aggressiven Fan handelt.“

Das war Geschehen

Am Ende eines Nauheimer Oberliga-Gastspiels in Ratingen waren beim Stand von 0:18 nach einem Frustfoul der Gastgeber die Emotionen hochgekocht. Die Spieler gingen ohne Händedruck mit dem Gegner vom Eis. Vor der Kabine, wo die Gastgeber für die Sicherheit aller Spieler verantwortlich sind, sprach Strauch mit seinem Vater. Ein Fan der Ice Aliens näherte sich von hinten, wollte den Kapitän ansprechen, klopfte ihm auf die Schulter. Strauch drehte sich um, stieß den Rentner vor die Brust. Der prallte mit dem Kopf gegen eine Mauer - folgenschwer. Der heute 70-Jährige, der zwei Jahre zuvor einen Schlaganfall hatte, erlitt eine Hirnblutung. Krankenhaus-Aufenthalt und lange Reha folgten. Wegen Lähmungen und Sprachstörungen ist der Rentner bis heute auf ständige Betreuung angewiesen.

So reagiert Strauch

„Die Situation tut mir unendlich leid. Sie ist nicht gutzumachen; auch durch kein Geld der Welt. Eine halbe Sekunde hat alles auf den Kopf gestellt“, wird Strauch in der Wetterauer Zeitung zitiert. Aber das Urteil hat den Vater eines dreijährigen Sohnes erleichtert. Denn: Der Vorwurf der schweren Körperverletzung ist ausgeräumt. Das war ihm wichtig; auch für die berufliche Zukunft. Er fühle sich nun „vom Kopf her besser“, berichtet Strauch.

Das sind die Folgen

40.000 Euro hat Strauch, der bei den Roten Teufeln als Trainer in die Jugendarbeit eingebunden ist, bislang an Anwalts- und Gerichtskosten bezahlt. Im Zivilprozess könnten nun weitere fünfstellige Forderungen auf ihn zukommen, wenn die Familie des Opfers und dessen Krankenkasse Ansprüche geltend machen. Unklar ist, ob Versicherungeneinspringen. So verweist die private Haftpflicht auf den Arbeitgeber Strauchs, doch die damalige Nauheimer Spielbetriebs-GmbH hat 2013 Insolvenz angemeldet. Auch die Verantwortung der Ratinger, die Spieler von Zuschauern in diesem Bereich hätten abschirmen müssen, ist Thema. Ein komplexes Konstrukt also. Offen bleiben viele Fragen und ebenso viele Rechnungen.

„Eine solche Situation darf erst gar nicht passieren. Patrick ist in eine Lage geraten, für die er nichts kann und wurde zu Unrecht öffentlich als Schläger dargestellt", sagt Andreas Ortwein. Der aktuelle Nauheimer Geschäftsführer unterstützt seinen Angestellten ebenso wie Trainer Petri Kujala, der Strauch als Führungspersönlichkeit schätzt. Ein Fanclub hatte sogar zu einer Spendenaktion aufgerufen für Strauch, der in 17 Profijahren nur 0,79 Strafminuten im Schnitt pro Spiel kassiert hat. Ein Stoß im Affekt aber hat Leben verändert. (red)

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