Superlative um deutsches Team

Eishockey-Zwerg Deutschland holt Silber: „Wir lassen uns 42 Jahre feiern“

Der Anfang vom bitteren Ende: 55,5 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit trifft Nikita Gusew (oben links) aus spitzem Winkel zum 3:3 gegen Danny aus den Birken (oben). Dominik Kahun, Yannic Seidenberg, Moritz Müller und David Wolf (v. l.) sind ausgespielt. Foto:  dpa

Kassel. Nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen: Nach dem größten Erfolg der deutschen Eishockey-Geschichte ist die Resonanz riesig – und viele Beobachter schwärmen in den höchsten Tönen.

Im Team aber dauerte es eine Weile, bis Freude und Stolz den Frust verdrängten. „Wir waren drei Minuten Olympiasieger“, sagte zunächst traurig Verteidiger Moritz Müller, der aus Frankfurt stammt und als Jugendlicher in Kassel gespielt hat.

„Hat Ihnen schon mal jemand ins Herz gestochen? So fühlt sich das an“, erklärte Danny aus den Birken, „aber jetzt kann ganz Deutschland stolz sein auf uns“. Mit Blick auf den Bronzegewinn 1976 in Innsbruck sagte er: „Wir lassen uns jetzt auch 42 Jahre lang feiern. Vielleicht hat ja Hollywood Lust einen Film über uns zu machen. Ich möchte nur, das Brad Pitt mich dann spielt“, witzelte der zum besten Torwart des Turniers gewählte Münchner.

Den hatte Erfolgstrainer Marco Sturm mit einer langen Ansprache ans Team aus der mentalen Leere geholt. „Marco hat gesehen, dass jeder nur enttäuscht war und hat uns dann klargemacht, dass wir eine Medaille haben. Silber – das gab es noch nie, und wir sollen stolz sein“, sagte Kapitän Marcel Goc.

Selbst Patrick Reimer, der den K.o. einsam und tief traurig auf der Strafbank erlebt hatte, konnte sich schließlich bei der Ehrung freuen: „Yannic Seidenberg stand neben mir und hat gesagt: ‘Das ist ein Bild, auf das schauen wir ein Leben lang zurück’. Da will ich nicht mit irgendeiner Grimasse dastehen, sondern mit lachendem Gesicht“, sagte der 35-Jährige und versprach: „Jetzt werden wir mal richtig die Sau rauslassen.“

Weitere Reaktionen zur Silbermedaille

Erich Kühnhackl (67): „Jedes Superlativ kann man hernehmen, es ist berechtigt. Unglaublich“, sagte Deutschlands Jahrhundertspieler – nach einem beruhigenden Spaziergang. „Ich musste mich erst einmal sammeln, das hat mich mitgenommen. Ich bin vor Nervosität hin und hergelaufen.“

Hans Zach (68): „Wahnsinn, Sensation, fantastisch, überragend.“ Ungewohnt euphorisch äußert sich der stark erkältete Ex-Bundestrainer vom Krankenlager in Bad Tölz. „Wir haben gute Leute, ein gutes Klima, einen guten Trainer, eine gut zusammengestellte Mannschaft, in der jeder hart und ganz diszipliniert für das Team arbeitet.“ Die DEB-Auswahl sei über Jahre stetig stärker geworden, „jetzt wird es interessant, wie es weitergeht“.

Stefan Metz (66): „Gott sei Dank gibt es endlich neue Helden im deutschen Eishockey“, erklärte der frühere Kasseler Manager lachend. „42 Jahre nach unserem Bronze in Innsbruck war es höchste Zeit für einen g’scheiten Auftritt. Schade, dass wir die Führung beim 3:2 und Strafe gegen Russland nicht durchgebracht haben. Aber viel geiler, ja überirdisch ist doch, dass wir nach den Schweden und Kanadiern auch die Russen zur Verzweiflung gebracht haben.“ Möglich wurde der Silbererfolg, „wenn du wie wir 1976 einen tollen Lauf hast, alle auf dem Eis und im Umfeld daran glauben“. Für Metz, der als Spielerberater arbeitet, ist klar: „Wir haben in Deutschland gute junge Leute. Wir müssen sie nur spielen lassen.“ Metz sagt aber auch: „Das ist nur eine Momentaufnahme jetzt. 1976 wären wir zwei Monate nach Olympia bei der WM um ein Haar abgestiegen.“

Peter Draisaitl (52): „Es ist fast perfekt gelaufen, herausragend“, sagte der Trainer der Kölner Haie, bei dessen Penaltyschuss im Viertelfinal-Drama 1992 gegen Kanada der Puck auf der Torlinie liegen blieb.

Tobi Abstreiter (47): „Die Russen mussten alles riskieren, um alles zu gewinnen“, erklärte der Düsseldorfer Coach, der bis Januar noch Assistent Marco Sturms war. „Wir hatten die Hand schon an der Medaille, an der Goldmedaille. Umso bitterer ist es nun. Bei der WM haben uns alle nun auf der Rechnung, aber das Team ist stetig besser geworden seit 2015 und hat jetzt so viel Selbstvertrauen gesammelt.“ (mit sid/dpa)

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