Triumph mit breiter Brust und Traumtor: Deutschland kämpft um Eishockey-Gold

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Jubel ohne Grenzen: Frank Mauer (links) und Yannic Seidenberg sind kaum zu bändigen in ihrer Begeisterung.

Um 15.32 Uhr fliegen Schläger und Handschuhe in die Luft, auf der Bank gibt es kein Halten mehr. 28 Jahre zuvor musste noch der Rechenschieber her, diesmal gibt es keine Zweifel.

Die deutschen Eishockeycracks haben das Wunder von Innsbruck mit der Sensation von Pyeongchang getoppt. 1976 gab es Bronze dank des besseren Torquotienten, diesmal gibt es Silber. Mindestens. Denn, es ist nicht zu fassen, das DEB-Team hat im olympischen Halbfinale auch Kanada besiegt und spielt nach dem dramatischen 4:3 (1:0, 3:1, 0:2) nun sogar um Gold - am Sonntag um 5.10 Uhr gegen Russland, zu sehen im ZDF und bei Eurosport. Die Sbornaja hat die Tschechen 3:0 bezwungen.

In der Sternstunde am deutschen Nachmittag drehten die Nordischen Dominierer um Eric Frenzel auf der Tribüne ihre Videos von den freudetrunkenen Puckjägern, die später allesamt um Worte rangen. „Es hat geklappt, es hat geklappt“, stammelte Kapitän Marcel Goc und widmete den größten Erfolg der deutschen Eishockey-Geschichte seinem Sohn Jonas daheim zum Geburtstag. Torwart Danny aus den Birken, der große Rückhalt im kanadischen Sturmlauf des Schlussdrittels, gestand: „Uns ist das alles noch nicht so klar hier“ und lobte den „wahnsinnigen Kampfgeist“ seiner Vorderleute: „Unglaublich, wie sie sich in die Schüsse geworfen haben. Sie haben die Pucks gefressen.“

Trainer Marco Sturm, der als Spieler in 15 NHL-Jahren so viel erlebt hat, konnte das Glück kaum fassen. „Das ist eine verrückte Welt, unglaublich, ganz unglaublich“, sagte der Bundestrainer und versprach: „Jetzt gebe ich ein paar Bier aus.“

Okay, das wird im Deutschen Haus nicht nötig sein, da zahlen die Sponsoren. Und sie werden gern zahlen für ein Team, das als Mannschaft, als verschworener Haufen erst Weltmeister Schweden entzaubert hat und dann dem Titelverteidiger Kanada den Traum vom olympischen Gold-Triple zerstört hat. Das den Trägern des Ahorn-Blatts auf dem Trikot gezeigt hat, „wie eine deutsche Eiche“ wächst“ – so beschrieb es ARD-Kommentator Tom Scheunemann.

Gehalten: Danny aus den Birken wehrt diesen Schuss von Derek Roy (rechts) ab. Foto: dpa

Mit Kampf bis zum Umfallen, breiter Brust, aber auch mit guter Organisation, Spielkultur und Können. Wo früher über viele Jahre die Devise lautete „Hinten dicht, vorn hilft der liebe Gott“, da spielte diese Truppe in goldgelben Trikot couragiert auf – auch nach vorn. Entsprang das 1:0 nach einer Viertelstunde durch den im kanadischen Winnipeg geborenen Brooks Macek noch einem 5:3-Überzahlspiel, dem Matthias Plachta das 2:0 folgen ließ (24.), so hatte das 3:0 (27.) gar das Zeug zum Tor des Jahres: Nach feinem Konter über Goc zauberte Frank Mauer den Puck ins Tor – mit dem Schläger zwischen den Beinen.

Die Kanadier waren sichtlich geschockt vom kessen, starken Auftreten der deutschen Außenseiter. Dem war spielerisch nicht beizukommen – allein das ist eine Sensation und adelt auch die oft gescholtene Deutsche Eishockey-Liga. Also setzte der Favorit nun auf Härte und individuelle Klasse. Brulé erzielte prompt in Überzahl das 1:3 (29.), flog aber schon kurz darauf nach rüdem Check gegen Wolf vom Eis.

Das bremste die Kanadier. Auch wenn die Deutschen aus insgesamt sieben Minuten Überzahl nur einmal Kapital schlagen konnten beim 4:1 durch Patrick Hager, der Plachtas Schuss abfälschte (33.). Kaum wieder vollzählig aber machte der Favorit gehörig Dampf. Feuerte im Schlussdrittel 18 Torschüsse ab. Doch mehr als Robinsons 2:4 nach schnellem Konter (43.) und Roys 3:4 (50.) in Überzahl, als Krupps Kufe den Puck ins eigene Netz lenkte, ließen sie mit bedingungslosem Kampf nicht mehr zu – Danny aus den Birken und die anderen neuen deutschen Eishockey-Helden.

Unseren Ticker zum Spiel finden Sie zum Nachlesen hier. Was Ex-Husky Tobi Abstreiter zum Sieg über Kanada sagt, lesen Sie hier.

Hier stellen wir die Mannschaft vor, die es ins Olympia-Finale gegen Russland geschafft hat.

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