Auftakt für die Kassel Huskies ohne Fans

Saisonstart in der DEL2: Wenn dem Spiel der Spiegel fehlt

Die Türen der Eishalle am Ratsweg in Frankfurt
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Der Blick ins Innere: Die Türen der Eishalle am Ratsweg in Frankfurt sind verschlossen. Das Derby gegen Kassel hätten in normalen Zeiten rund 6000 Zuschauer gesehen.

Erstes Wochenende in der DEL2, die ersten Spiele in der neuen Eishockey-Saison. Sie mussten ohne Zuschauer stattfinden. Wir haben uns umgesehen wie es war in Hallen in Frankfurt und Kassel.

Freitagabend, Frankfurt, Eishalle am Ratsweg. Miese Zeiten müssen auch für etwas gut sein. Eine Parkplatzsuche in Frankfurt ist jetzt ein Kinderspiel. Alles leer auf dem Messeplatz. Keine Kirmesbude versperrt den Weg zur Eishalle. Die – immerhin ein Stück Normalität – leuchtet wie stets im Dunkel an diesem November-abend. Das war es aber auch. Keine Menschenmassen, die sich vor den Türen drängeln, wie das sonst der Fall wäre bei diesem Derby. Zwei, drei Passanten stehen an den Scheiben und blicken in die Halle, wo die Eisfläche noch so leer ist wie die Zuschauerplätze. Saisonauftakt in der DEL 2. Löwen Frankfurt gegen die Kassel Huskies.

Und nichts los! Wobei nichts nicht ganz stimmt. Es sind dann doch etwas mehr Besucher in der Halle, als erwartet. 90,100 vielleicht. Die Crew von Magenta-TV. Pressevertreter. Vereinsangehörige. Aber auch einige, die Bänder tragen mit der Bezeichnung „Staff“, also Mitarbeiter. Die auch Fans sind. Sie haben Banner verteilt in der Halle. Plakate aufgehängt mit Schriftzügen wie: „Wir für euch, ihr für uns.“ Oder: „Auch in schweren Zeiten bist du nie allein.“

Rüdiger Storch ist auch da. Natürlich. Der Hallensprecher, der am Main Kult ist, an der Fulda, na ja, nicht ganz so gemocht wird. Wie auch immer: Storch lebt und liebt das Eishockey. Wie schwer die Zeiten für ihn sind? „Ganz bitter“, sagt er, „besonders heute. Bei diesem Derby wabert es ja sonst schon zwei Stunden vorher durch die Halle. Eishockey bietet so viel Raum für Emotionen. Ohne Fans geht das verloren. Es ist dann wie auch beim Fußball ein anderes Spiel.“ Und wie ist es mit dem nicht allein sein? „Wir haben 1800 Dauerkarten verkauft. Da sind so viele Leute, die uns unterstützen. Das macht mir Hoffnung.“ Und immerhin, Gewinner gäbe es ja auch bei diesem Spiel ohne Zuschauer. Gewinner? „Die Schiedsrichter“, antwortet Storch und lacht, „heute fliegen in Frankfurt keine Gummihühner.“ Ob er denn keine werfen wolle? „Nein, das ist doch verboten.“ Und dann muss Storch noch einmal lachen.

Bevor es losgeht, ist in Frankfurt einiges dann doch wie immer. Trommler stehen auf dem Eis, Fahnenschwenker ebenso.

Eine Fahne, drei Trommeln: Aber dahinter eine leere Halle.

Und Storch, der wird auch jetzt im Auto eingefahren. Seine Ansprache bleibt diesmal nüchtern. Sie richtet sich an ein Publikum vor TV-Geräten. In der Halle beobachtet Liga-Leiter Rene Rudorisch das Geschehen. „Die anderen Sportarten haben das ja schon durch. Jetzt müssen wir uns daran gewöhnen“, sagt er. In diesen Sätzen schwingt das unausgesprochene „leider“ regelrecht mit. Als dieses erste Derby der Saison ohne Zuschauer losgeht, dürfte Kasseler Fans einiges bekannt vorkommen, auch wenn sie nicht dabei sein können. Es ist wie so oft: Die Gastgeber machen Druck, sie gehen bald in Führung, die Trommler trommeln, aus den Boxen kommt das Lied vom Leben des Brian. Always look on the bright sight of life. Immer auf die sonnige Seite des Lebens gucken. Das könnte das Motto sein für diese Zeiten. Für unser Leben. Das Eishockey. Und irgendwie passt dazu auch die Antwort, die Rüdiger Storch am Ende auf die Frage gibt, ob er noch einige Worte an die Fans in Kassel richten wolle. Spaßig war die gedacht. Doch die Antwort ist ernst: „In diesen besonderen Zeiten müssen wir alle die Rivalität etwas zurückstellen. Auch den Fans in Kassel und Bad Nauheim sage ich: Kommt gut durch die Zeit.“

Das erste Heimspiel der Huskies: Kratzen der Kufen und Sondertische für ein Trio

Sonntag, Eissporthalle am Auestadion, Kassel. Endlich Heimspiel. Das erste seit dem 1. März. Doch was heißt in diesen Tagen schon Heimspiel? „Das ist alles sehr seltsam. Es ist nachvollziehbar. Aber die Emotionen bleiben draußen“, sagt Tim Lattemann vom Statistik-Team der Huskies. Er ist einer der wenigen, die drin sind in Kassels Eishalle bei diesem Spiel gegen Freiburg.

In Nordhessen machen sie es etwas anders als am Freitag in Frankfurt. Am Einlass wartet das Fieberthermometer. Wer rein will, darf keine erhöhte Temperatur haben. Logisch. Dass es in der Halle dann deutlich weniger Menschen sind als beim Derby, das liegt aber nicht an abgewiesenen Besuchern mit Fieber. Die kleine Delegation der Huskies am Ratsweg hatte mit leichter Verwunderung die Gäste-Zahl bei den Löwen registriert. In Kassel sind es deutlich weniger Menschen. Auf den Zuschauerplätzen. Und auch auf dem Eis bei der Vorstellung der Mannschaften vor dem ersten Bully.

Die drei von der Statistik-Abteilung: Tim Lattemann, Fabrice Kozlik und Justin Stern (von links) sammeln die Zahlen des Spiels.

Einer, der da immer steht, ist Sven Breiter. Das ist auch heute so geplant. Es kommt aber anders. Als der Hallensprecher mit dem Mikro in der Hand Richtung Eisfläche geht, da überlegt er noch, was er den Fans sagen soll. Denen, die fehlen. Die hier so vermisst werden. Er will diese Sätze in Richtung der Kamera sagen, die das Spiel bei Sprade-TV übertragt. Doch als Breiter sein Mikrofon anschaltet, da schallt ein ohrenbetäubendes Kreischen durch die Halle. Einen kurzen Moment lang ist man fast froh, dass kaum Sitze besetzt sind. Das hätte für den einen oder anderen Hörsturz sorgen können.

Die Spieler ruft Breiter schließlich am Zeitnehmertisch auf das Eis. Die sonst so stimmungsvolle Zeremonie fällt nüchtern aus. Kein Licht, das gedimmt wird. Keine Nachnamen, die skandiert werden. Den einzigen Hauch Normalität verbreitet das Maskottchen auf dem Eis. Für Tim Lattemann und seine Nebenleute Fabrice Kozlik und Justin Stern sieht das etwas anders aus. Sie tun das, was sie immer tun, wenn die Huskies spielen. Zählen. Strichlisten führen. Stoppuhren drücken. Die Aufgaben sind verteilt. Torschüsse zählen. Gewonnene Bullys und verlorene. Die Eiszeit der einzelnen Reihen bestimmen. Alles wie immer. Bis auf den Sitzplatz.

Das Trio thront jetzt an drei Einzeltischen, die im Eingang auf der Haupttribüne stehen. Dort, wo sonst Gäste aus VIP-Raum und Champions Bar in die Halle zu ihren Plätzen strömen. Bilder, die Kai Knierim gern schon am Sonntag wieder gesehen hätte. Der 40-jährige ist bei den Huskies für die Erstellung des Hygienekonzeptes zuständig. 55 Seiten ist es dick. Zehn Wochen Arbeit stecken darin. Doch mit dem November-Lockdown war das erst mal für die Katz. Wie sehr das ärgert? „Es ist frustrierend für alle rund um das Eishockey“, sagt Knierim, „aber Ärger? Nein. Wir wollen ja nicht irgendwann hier stehen und ein Hotspot sein.“

Also sind die Plätze leer geblieben. Und das Spiel, es fühlt sich anders an. Es hört sich anders an. Ohne das Brodeln auf dem Heuboden. Ohne ein „Steht auf, wenn ihr Huskies seid“. Jetzt kratzen die Kufen auf dem Eis. Jeder Schlag an den Puck schallt durch die Halle, jedes Krachen eines Spielers in die Bande, jedes Rufen der Schiedsrichter. Es ist Eishockey. Aber es ist jetzt ein Spiel, dem der Spiegel fehlt. Weil es nicht nachzulesen ist in den Reaktionen der Fans. Auf dem Heuboden, wo sonst die Gesänge entstehen, hängt ein einzelnes Banner: „In schweren Zeiten alles für den Aufstieg.“ Mehr können sie ihrer Mannschaft derzeit nicht geben. (Frank Ziemke)

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