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Dinger, Klinge und Christ vor ihrem Abschiedsspiel: „Wir haben alles richtig gemacht“

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Von: Frank Ziemke, Björn Friedrichs, Pascal Spindler

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Nehmen Abschied von den Fans: (von links) Derek Dinger, Manuel Klinge und Michi Christ hängen die Profi-Eishockeykarriere endgültig an den Nagel. In Zukunft werden sie aber weiterhin für die EJ Kassel 89ers in der Hessenliga aufs Eis gehen.
Nehmen Abschied von den Fans: (von links) Derek Dinger, Manuel Klinge und Michi Christ hängen die Profi-Eishockeykarriere endgültig an den Nagel. In Zukunft werden sie aber weiterhin für die EJ Kassel 89ers in der Hessenliga aufs Eis gehen. © Andreas Fischer

Am Samstag ist es soweit: Das Abschiedsspiel von Derek Dinger, Manuel Klinge und Michi Christ steht an. Wir haben mit den drei Ikonen des Kasseler Eishockeys gesprochen.

Der eine ist Deutscher Meister geworden, der andere war mit der Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen, der Dritte ist der Spieler mit den meisten Einsätzen für die Kassel Huskies des vergangenen Jahrzehnts. Derek Dinger, Manuel Klinge und Michi Christ nehmen heute Abschied von Fans und Wegbegleitern. Grund genug, mit ihnen zu sprechen.

Abschiedsspiel live auf HNA.de

Wer es nicht in die Halle schafft, kann die Partie am Samstag ab 14.30 Uhr bei uns live im Radio und im Ticker verfolgen.

Wer ist denn jetzt eigentlich die größte Legende?

Klinge: So vermessen sind wir alle nicht, uns als Legenden zu bezeichnen. Wir wollen diesen Anlass jetzt nutzen, uns gebührend von den Leuten zu verabschieden, die uns all diese Erinnerungen ermöglicht haben.

Christ: Wenn wir alle eine Million verdient hätten und jetzt am Strand liegen würden, dann würde ich uns als Legenden bezeichnen.

Dinger: Du bist mehr die Partylegende.

Christ: Klar stehen wir hier in der Öffentlichkeit und werden in der Stadt auch mal angesprochen, weil wir hier lange gespielt haben. Da gibt es aber Personen, die in anderen Dimensionen unterwegs sind. Wir sind ganz normale Leute.

Dinger: Über sich selbst spricht man ja nicht so gerne, aber wenn ich mir Manu und Michi angucke, was die hier geleistet haben, das ist schon beachtlich. So viele wirst du in unseren Gefilden nicht finden, die sowas erreicht haben.

Gleich die nächste provokante Frage: Kennen Sie in Sachen letztes Profispiel Ihre Gemeinsamkeit?

Dinger: Dass wir nicht mehr zusammen im Karton sitzen müssen und durch Deutschland reisen?

Fast. Wissen Sie noch, wie Ihr letztes Spiel ausging?

Klinge: Das war eine Niederlage und ich habe im Moment meiner Knieverletzung ein Eigentor geschossen. Ich wurde angeschossen, hatte mich verkantet und der Puck ist vom Fuß ins Tor gerutscht, während sich mein Knie verdreht hat. Ich falle, drehe mich um und will mich beim Schiri beschweren, weil ich dachte, mir hätte einer in die Kniekehle gehauen. Da war aber keiner.

Christ: Haben wir alle unser letztes Spiel verloren?

Genau. Klinge gegen Bad Nauheim, Dinger das Playoff-Finale 2021 gegen Bietigheim, Christ nach der Rückkehr gegen Heilbronn.

Klinge: Michi, wir müssen gewinnen am Samstag. (lacht) Die Ausrüstung von Dereks Mannschaft hängt schon seit Freitag in der Kabine. Ich habe da schon ein paar Leute beauftragt, sich zu kümmern.

Wissen Sie, wie viele Saisons Sie zusammengespielt haben?

Dinger: Ich habe mit Manu eine DEL-Saison gespielt, da sind wir 2010 pleite gegangen.

Christ: Da war ich auch dabei. Mit Manu habe ich zehn Jahre zusammengespielt, mit Derek vier, aber wir zu dritt dann nur in dem einen Jahr.

Dinger: Mit Manu hab ich nur das eine Jahr gespielt, ansonsten bin ich durch Deutschland getingelt. Geplant war es anders, ich wollte eigentlich zurückkommen und bleiben. Aber dann kam die Pleite.

Blicken wir auf das Abschiedsspiel: Wie kam es zu den vielen Zusagen?

Klinge: Wir haben die Leute früh kontaktiert, es war keine Absage dabei, weil jemand keine Lust hatte.

Christ: Die Leute waren immer sehr zufrieden hier, mit dem Klub, mit der Stadt. Wir als Kasseler Jungs hatten ein gutes Standing im Team. Dadurch hatten wir einen guten Kontakt zu den anderen, deswegen haben wir auch einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Viele kommen gerne zurück nach Kassel, einige bleiben sogar.

Christ: Einige Spieler haben hier ihre Frauen gefunden und dadurch einen Ankerpunkt mit ihrer Familie.

Klinge: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich der Großteil der Spieler hier wohlgefühlt hat. Es gab immer einen großen Zusammenhalt in der Truppe, die Jungs haben sich gut aufgehoben gefühlt.

Dinger: Die Leute waren immer gerne hier – auch bei anderen Angeboten. Diesen Weg wollen wir zukünftig als Klub weitergehen. Wenn sich Spieler und auch ihre Familien wohlfühlen, ist das sicher ein Vorteil.

Wie schwer ist es denn, Freundschaften im Eishockey zu pflegen?

Christ: Schwierig. Erst recht, weil ich nicht so ein Telefon-Mensch bin. Was ich immer geschätzt habe: Wenn man sich wiedersieht, ist alles beim Alten. Man muss nicht jeden Tag Kontakt haben.

Klinge: Das sieht man ja auch bei den Zusagen. Es ist ja nicht so, dass wir mit den Jungs regelmäßig Kontakt haben. Dann kommt die Anfrage und sie sind sofort dabei. Das zeigt, dass Freundschaft dahintersteckt.

Blicken wir zurück: Was hat den Profisportler Derek Dinger ausgemacht?

Christ: Der Wille zum Sieg, maximaler Erfolg, Disziplin – und er konnte trotzdem Spaß haben. Derek war in der Jugend extrem angesehen. Der 87er-Jahrgang, da hieß es immer: Das ist der beste Jahrgang, den Deutschland jemals hatte.

Dinger: Bis der nächste Jahrgang kam. (lacht)

Christ: Wenn mehr auf deutsche Spieler gesetzt worden wäre, hätte er dem deutschen Eishockey noch mehr den Stempel aufdrücken können. Das ist meine Überzeugung.

Und den Eishockeyprofi Manuel Klinge?

Dinger: Ob er das hören will oder nicht, für mich ist Manu eine Legende. Er ist immer mit Arbeit, Disziplin und Führungsstärke vorangegangen. Er hat seinen Weg gemacht. Mehr als in Mannheim und bei Olympia zu spielen, geht fast nicht.

Und Christ?

Klinge: Ähm ja, Michael Christ. (lacht) Er war genauso Kapitän wie ich damals, hat in Bereichen Unterstützungsarbeit geleistet, in denen ich nicht meine Stärken habe. Er hat vorgelebt, was wir uns vorgenommen haben. Er ist ein absoluter Teamplayer, ein absolutes Kampfschwein.

Was waren die größten Schwächen?

Klinge: Bei uns allen wahrscheinlich: Wir sind gesellig und trinken auch gerne mal was zusammen. (Alle lachen) Wir wollen das auch nicht zu schönreden, aber vieles ist in der Kabine als Gruppe mit einem Bierchen in der Hand passiert. Da wächst man zusammen. Da bin ich etwas von der alten Schule und finde, das gehört zum Profitum dazu. Im Fußball werden Mannschaften zusammengekauft, da ist keine Leidenschaft mehr füreinander, für den Verein da. Um das abzuschließen: Wir sind gesellige Typen.

Derek: Über Michi würden einige sagen, er ist etwas lauter, ist gelegentlich über das Ziel hinausgeschossen. Ich schätze ihn aber dafür. Nicht verlieren zu können, emotional zu sein – das kann Schwäche und Stärke sein. Ich ziehe den Hut davor, wie er ist.

Christ: Puh, was ist Manus Schwäche? Er ist schwer am Telefon zu erreichen. (lacht)

Klinge: Aber nicht mehr so schwer wie früher als Spieler!

Was war der beste, was der schlimmste Moment mit den Huskies?

Christ: Der prägendste Moment für mich war die Abschlussfahrt nach Barcelona nach der Meisterschaft 2016.

Dinger: Womit wir wieder bei der Geselligkeit wären. (lacht)

Christ: Der Pokal ist First Class geflogen und wir Economy. Das war ein Erlebnis, das ich nicht vergessen werde. Der Aufstieg 2008, als Drew Bannister das Tor schießt – klar, auch beeindruckend. Aber da hatte ich nicht so eine Anteilnahme.

Klinge: Erzähl nicht so viel, ich muss auch noch was nennen können. (lacht)

Christ: Na gut. Die Abschlussfahrt 2016 war legendär. Das schlimmste Erlebnis war wohl das verlorene Finale 2021. Auch weil feststand, dass es wohl für Derek und mich das letzte Spiel sein würde. Ich habe in der gesamten Partie keinen einzigen Wechsel bekommen. Wie da mit mir umgegangen wurde, das war das schlimmste.

Klinge: Emotional war der schönste und zugleich der schlimmste Moment 2014 dieses Spiel gegen Duisburg. Da stand alles auf der Kante.

Christ: Der hat das alles gar nicht richtig mitbekommen.

Klinge: Ich saß auf der Bank, war mental platt, hatte keine Energie mehr. Es waren noch zwei, drei Minuten zu spielen, als der Sveni (Sven Valenti, Anm. d. Red.) den Ausgleich schießt. Alle freuen sich, nur ich dachte: Nein, wir brauchen noch ein Tor. Da kam Betreuer Ulli Böhm und sagte: „Manu, bist du bescheuert? Der Ausgleich reicht, wir müssen das über die Zeit bringen.“ Die Emotionen waren extrem.

Dinger: Der schlimmste Moment war, das letzte Spiel in einem Finale zu verlieren. Schön war, dass ich im Oktober 2009 mein erstes DEL-Tor hier gegen Frankfurt geschossen habe und mein Vater damals noch in der Halle war.

Und was gibt es heute? Gänsehaut, Tränen – oder viel Geselligkeit?

Dinger: Für uns ist das ein großes Privileg. Es gibt Spieler, die sind siebenmal Meister geworden und haben kein Abschiedsspiel bekommen. Wenn die Familie im Stadion ist, wird das sicher ein emotionaler und großer Tag.

Christ: Das unschöne Karriereende ist vergessen. Anfangs dachte ich schon, ich hätte mehr erreichen können. Aber jetzt kann ich mich nicht glücklicher schätzen. Ich bereue gar nichts. Irgendwann habe ich erkannt: Es macht keinen Sinn, für 500 Euro mehr irgendwohin zu wechseln. Ich dachte immer, ich baue mir hier etwas auf und schaue, wofür es gut ist. Wir haben alles richtig gemacht.

Klinge: Das können wir als Fazit wohl so stehen lassen. Solange das jetzt nicht so klingt, als würde ich das alles total emotionslos hinnehmen. (lacht)

Christ: Es wird viel zu trinken geben und es wird sicher emotionale Momente geben, wo man auch mal eine Träne verdrücken muss.

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