"Mein Ziel ist es, nie mehr stehen zu bleiben"

Bestsellerautor Ronald Reng: "Laufen ist der menschlichste Sport"

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Manchmal kann man es beim Laufen einfach rollen lassen: Wie hier bei einem Crosslauf im winterlichen Diemelstadt-Wirmighausen.

Ronald Reng schreibt die packendsten Sportbücher. Nun hat der ehemalige Mittelstreckler das Laufen wiederentdeckt. Hier erklärt er, wieso der einst verpönte Sport glücklich und sogar schlau macht.

Früher war Ronald Reng einer der besten hessischen Mittelstreckler. Dann wurde das Lauftalent aus dem Taunus Journalist und ein preisgekrönter Autor, für Laufen war keine Zeit mehr. Nun hat der 47-Jährige seine alte Leidenschaft wiederentdeckt. In seinem neuen Buch erzählt er davon. Zugleich ist "Warum wir laufen" eine kleine Kulturgeschichte des Laufens geworden. Ein Muss - nicht nur für Läufer. Wir sprachen mit dem Autor.

Es ist 9 Uhr, sind Sie heute schon gelaufen?

Ronald Reng: Nein, ich hasse es, in der Früh zu laufen. Laufen Sie gern morgens?

Ja, dann geht man mit einem guten Gefühl in den Tag. Wenn man abends trainiert, verschläft man den Endorphinrausch.

Reng: Das ist der Vorteil, wenn man morgens trainiert. Aber meine Knochen kommen vor 11 Uhr nicht in Gang. Als wir früher einmal im Jahr in Italien im Trainingslager waren, haben wir zweimal am Tag trainiert. Die Morgenläufe habe ich nur im Halbschlaf absolviert. Gestern bin ich um halb zehn abends gelaufen, ein einstündiges Fahrtspiel mit unterschiedlichen Tempi. Das entspricht eher meinem Biorhythmus.

Wie konnte aus einem ganz normalen Sport eine Art Religion werden, mit der sich angeblich fast alle Probleme der Welt lösen lassen?

Reng: Laufen ist der menschlichste Sport, weil wir es schon immer gemacht haben. Der Körper lässt sich viel besser trainieren als mit jedem anderen Sport. Man spürt sehr schnell einen Effekt. Zudem ist es ein Sport, den man ganz einfach betreiben kann. Laufen kann man überall. Man braucht nicht einmal einen Partner. Wegen all dem ist Laufen zu einer modernen Glückssuche geworden: Es macht alles schöner und uns schlauer sowie gesünder.

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Ronald Reng

Wieso war das früher anders? Im Buch erzählen Sie von einem älteren Mann aus Ihrem Heimatort Fischbach, den Sie auf Ihren Trainingsrunden im Taunus laufend in Alltagsklamotten trafen. Immer wenn er Sie sah, ging er statt zu laufen, weil der Sport damals noch verpönt war.

Reng: Früher haben noch viel mehr Menschen körperlich gearbeitet. So entstand das Bild, es sei Luxus, sich nicht anstrengen zu müssen. Mediziner predigten, es sei gut für den Menschen sich auszuruhen. Für viele Industriearbeiter war das vielleicht auch so. Die Frau sollte schon gar nicht laufen. Sie könnte sich ja was an der Gebärmutter holen und vermännlicht werden. Es galt auch nicht als ästhetisch, in schlechter Sportkleidung im Wald rumzurennen. Damals war Laufen ein Sport wie jeder andere und den Athleten vorbehalten, die ultraehrgeizig eine Leistung bringen wollten. Gemütlich spazieren gehen, das war das höchste der Gefühle. Die Wende kam erst in den 60er-Jahren.

Sie sind aus anderen Gründen zum Laufen gekommen als die meisten Sportler heute. Wie wurde aus dem Fußball-Torwart der Mittelstreckler Ronald Reng?

Reng: Zum einen habe ich irgendwann in der Kreisauswahl gemerkt, dass ich doch nicht der allerbeste Fußballtorwart bin. Zum anderen sind alle in meiner Familie gelaufen. Meine Eltern gehörten zur ersten Laufbewegung, mein Vater war zunächst Geher, meine Mutter lief Marathon, und meine Schwester war im Leichtathletikverein. Mit denen bin ich öfters zu Laufwettkämpfen. Erstaunlicherweise war ich da gar nicht so schlecht - obwohl man als Fußballer damals nicht lief und ich mich als als Torwart bei den Waldläufen immer versteckt hatte. Da der Leichtathletikverein meiner Schwester Eintracht Frankfurt war, fand ich das cool, auch wenn es kein Fußball war.

Im Kasseler Auestadion haben Sie einmal bei einem 1500-Meter-Rennen den Endspurt viel zu früh angesetzt. Wievielter sind Sie damals geworden?

Reng: Das war ein saulangsames Rennen bei den hessischen Junioren-Meisterschaften 1990. 500 Meter vor dem Ziel dachte ich, gleich müsste jemand anziehen. Ich habe also das Tempo verschärft, aber niemand ging mit. 300 Meter vor dem Ziel sind der Kasseler Oliver Grund und die anderen wie Raketen an mir vorbeigezogen. Ich bin bis auf Rang sechs durchgereicht worden. Bei einem anderen Wettkampf im Auestadion bin ich sogar ausgestiegen. Das war das einzige Mal in meinem Leben. Nachher habe ich mich total geärgert.

Sie haben sich immer als Läufer definiert. Warum haben Sie trotzdem irgendwann aufgehört mit dem Sport?

Reng: Das ist mir einfach so entglitten. Wir haben Kinder bekommen. Ich habe relativ viel gearbeitet und mit Besessenheit meine Bücher geschrieben. Und wenn man einmal aufgehört hat, ist eine Sperre da, wiederanzufangen, denn der Einstieg tut weh. Ohne Sport bin ich auch nicht wahnsinnig dick geworden. Das Laufen hat mir nie so richtig gefehlt. Das Wichtigste in meinem Leben war das Schreiben. Nun, da ich wieder laufe, kann ich das gar nicht verstehen.

Auch Ihr alter Rivale Jens Harzer, der heute einer der bekanntesten Theaterschauspieler ist und zum Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters gehört, läuft nicht mehr.

Reng: Jens ist ein noch krasseres Beispiel als ich. Ihm reicht eine Leidenschaft, die ihn völlig ausfüllt. Ich bin aus dem Laufen eher langsam rausgeschlichen. Als Jens mit 20 an die Schauspielschule nach München ging, hat er sich gesagt: Das Theater muss mein ein und alles sein. Seine kompletten Laufsachen hat er weggeschmissen. Er hat sich ganz bewusst für eine andere Liebe entschieden. So radikal wie er gelaufen ist und dem sein ganzes Leben untergeordnet hat, so hat er es auch mit dem Theater gemacht. Aber die meisten meiner alten Vereinskollegen von damals laufen immer noch - als vernünftige Hobbysportler.

Inwieweit war der Neuanfang ein Kulturschock für Sie? Als Sie früher gelaufen sind, trug man noch Baumwollklamotten. Heute ist man von Kopf bis Fuß wie ein Profi gekleidet, macht Lauf-Selfies und misst jeden Schritt mit GPS-Uhren.

Reng: Laufen ist etwas ganz anderes geworden. Früher war es ein Sport, den ein paar Verrückte gemacht haben. Heute ist es eine Massenbewegung. In dieser neuen Zeit bin ich noch nicht angekommen. Mit meiner alten Rennläuferarroganz denke ich: Wenn man nur die besten Klamotten hat und Apps wie Runtastic nutzt, muss man das doch als ambitionierter Wettkampfläufer machen. Das muss man natürlich gar nicht. Für das Buch habe ich auch die Ultraläuferin Anne-Marie Flammersfeld getroffen. Das fand ich superspannend, aber warum man tagelang laufen muss, erschließt sich mir nicht. Die meisten fühlen sich doch nach 45 Minuten total gut. Vor manchem aus dieser neuen Zeit stehe ich total sprachlos.

Nach vielen Jahren in London und Barcelona leben Sie nun in Bozen. Ist das Leben in einer großen Stadt für einen Läufer im Vergleich zu Südtirol nicht arg trostlos?

Reng: Nein, denn es gibt in allen Städten große Parks. In London zu laufen, war super. Da ist so viel grün - ob Hyde Park, Regent's Park oder an der Themse. In Barcelona gibt es eine tolle 20-km-Runde, von der man die Stadt und das Meer unter sich sieht. Sicher gibt es in Städten weniger Routen, aber ich brauche keine große Abwechslung. Ich laufe sehr gern immer dieselbe Runde. Da weiß ich, wo der Berg kommt. Monotonie hat etwas sehr Verlässliches und ist gut zum Abschalten. Andererseits ist der Wald wie beispielsweise im Taunus, wo ich groß geworden bin, der eigentliche Sehnsuchtsort eines Läufers. Dort kann man anders als in der Stadt eins sein mit der Natur.

Sie haben ganze Bücher beim Laufen im Kopf geschrieben. Aber man kann genauso gut einfach mal an nichts denken, oder?

Reng: Na klar, die Leute suchen oft das Gegensätzliche. Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger will beim Laufen nur abschalten. Ihm geht es einfach darum, die Bewegung zu genießen. Ich dagegen fühle mich am wohlsten, wenn die Gedanken rauschen und ich ins Träumen komme. Das funktioniert meistens gut, manchmal kommen mir aber auch blöde Gedanken. Es kann sein, dass ich im Kopf Trainer von Eintracht Frankfurt bin. Dann denke ich zehn Kilometer lang daran, wie wir Wolfsburg 6:1 schlagen und was ich danach sagen würde. Das ist ein sinnloses Träumen. Mein Ziel ist aber, dass die Gedanken fließen.

Für Läufer kann eine kleine Verletzung schlimmer sein als der Weltuntergang. Wie wird man nicht verrückt, wenn man pausieren muss?

Reng: Man wird verrückt, es geht leider nicht anders. Als ich im Sommer wegen einer Achillessehnenreizung nicht laufen konnte, bin ich Rad gefahren. Aber das hasse ich. Ich habe nicht die Technik dafür und finde es unglaublich monoton. Es ist kein wirklicher Ausgleich. Wenn man verletzt ist, ist es Zeit, verrückt zu werden.

Vor einigen Jahren wollten alle barfuß oder zumindest auf dem Vorfuß laufen. Heute gibt es den Trend, sich Dübel aus dem Baumarkt in den Ellenbogen zu klemmen, um zwischen Oberarm und Unterarm einen Winkel von 50 Grad zu trainieren. Was wird der nächste Trend?

Reng: Das weiß ich nicht, aber Läufer sind anfällig für jede Art von Trend. Sie tragen merkwürdige Socken über die Waden, die für eine bessere Durchblutung sorgen sollen. Sie kleben sich nicht sehr schöne Pflaster auf die Nase. Vielleicht gibt es bald Nadeln, die man sich während des Laufs in die Ohren steckt, um durch die Akupunktur schneller zu sein. Der nächste Trend kommt mit Sicherheit, und er wird genauso unsinnig sein wie die zuvor. Läufer werden trotzdem daran glauben, dass diese Kleinigkeit den Unterschied macht.

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Sie werden dagegen weiter in Baumwollhosen laufen und auch keine Trainings-Apps wie Strava oder Runtastic nutzen?

Reng: Mehr oder weniger. Immerhin habe ich mittlerweile einen schicken Laufkapuzenpulli, ganz in schwarz und von keiner Marke. Im Vergleich zu den alten Baumwollpullovern ist das trotzdem ein deutlicher Schritt hin in Richtung stylisher Läufer. Der neue Pulli zeigt meine Selbstsicherheit: Ich fühle mich jetzt wieder mehr als Läufer.

Abschließend: Ist Laufen wirklich besser als Sex, Drogen und Alkohol, wie der "Spiegel" schon 1974 schrieb?

Reng: Im Moment ist es für mich besser als Alkohol. Mit 20 hätte ich das sicher anders gesehen. Sex ist auch ganz schön. Was ich definitiv sagen kann: Ich laufe lieber, als Drogen zu nehmen. Wenn es körperlich geht, werde ich immer weiter laufen. Das ist eines meiner ganz wenigen Lebensziele: Ich will immer laufen und das Gefühl der Anstrengungslosigkeit behalten.

Zur Person

  • Name: Ronald Reng
  • Alter: 47
  • Beruf: Sportjournalist und Autor
  • Karriere: Der gebürtige Frankfurter, der im Kelkheimer Stadtteil Fischbach aufwuchs, berichtete für deutsche Tageszeitungen aus London und Barcelona. Seine Bücher (etwa "Der Traumhüter" über den deutschen Fußballtorwart Lars Leese und "Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben" mit Teresa Enke) wurden mehrfach ausgezeichnet. 2007 las Reng beim renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. 
  • Privates: Lebt als freier Sachbuchautor mit seiner Familie (zwei Kinder) in Bozen (Südtirol)
  • Bestzeit über 1500 Meter: 4:04 Minuten (mit 19 Jahren) 
  • Das Buch: "Warum wir laufen" (304 Seiten, 20 Euro) ist beim Piper-Verlag erschienen.

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