„Ich bin dankbar, dass ich lebe"

Interview nach Sturz vom Dach mit Läuferin Simret Restle-Apel

+
Bild aus glücklichen Tagen: Simret Restle-Apel nach dem Gewinn des Eon Kassel Marathons im Mai 2015.

Kassel/Heidelberg. Selbstmitleid ist für sie kein Thema. Im Februar stürzte die Kasseler Langstrecklerin Simret Restle-Apel aus rund 15 Metern vom Dach eines Hauses in die Tiefe.

Zahllose Brüche und schwerste innere Verletzungen waren die Folge. Inzwischen steht fest, dass die gebürtige Eritreerin nicht mehr in den Wettkampfsport zurückkehren wird. Mit uns sprach die 32-Jährige über ihre aktuelle Situation und ihre Zukunft.

Die Frage klingt banal, aber in Ihrem Fall ist es die wichtigste: Wie geht es Ihnen? 

Restle-Apel: Tag für Tag mache ich gute Fortschritte, und dafür bin ich dankbar. Seit mehr als drei Wochen bin ich jetzt in einer Reha-Klinik in Heidelberg. Es geht langsam aufwärts.

Was können Sie heute über den Sturz aus 15 Metern Höhe sagen? 

Restle-Apel: Nichts. Ich kann mich nicht erinnern. Als ich aus dem Koma erwacht bin, war ich überrascht, im Krankenhaus zu sein.

Rund vier Monate Krankenhausaufenthalt in Wiesbaden und Reha in Heidelberg sind wahnsinnig viel. Wie hält man so etwas durch? 

Restle-Apel: Ich versuche, nicht an die Vergangenheit zu denken. Ich stehe auf und konzentriere mich auf eine positive Lebenseinstellung. Hier in der Heidelberger Reha-Klinik für Querschnittsgelähmte bin ich in einem Dreibettzimmer untergebracht. Das ist nicht immer leicht, aber ich bin dankbar, dass ich lebe.

Wie ist der Zustand mit der Lähmung? 

Restle-Apel: Mein rechtes Bein unterhalb des Knies ist gelähmt, aber ich spüre noch etwas. Ich trage einen Fixator, kann mich aber mit Krücken oder einem Rollator selbstständig bewegen. Es gibt also Hoffnung.

Aber Sie werden voraussichtlich nicht mehr in den Wettkampfsport zurückkehren können, oder? 

Restle-Apel: Das stimmt. Aber meine Stärke ist die afrikanische Mentalität, nicht mit dem Schicksal zu hadern, sondern es zu akzeptieren. Die Leichtathletik verfolge ich jetzt als Zuschauerin und freue mich über ein paar Schritte mit dem Rollator.

Das klingt sehr traurig? 

Restle-Apel: Natürlich bin ich traurig. Es ist ein hartes Schicksal, aber ich kann es nur annehmen, nicht ändern.

In wenigen Tagen findet in Kassel die Deutsche Leichtathletik-Meisterschaft statt. Können Sie das ausblenden? 

Restle-Apel: Natürlich war das eines meiner Ziele für dieses Jahr. Ich denke immer noch gern an das Jahr 2011 zurück, als ich über 5000 Meter bei der Deutschen Meisterschaft im Auestadion vor Kasseler Publikum gelaufen bin. Die Bilder werde ich immer in Erinnerung behalten, aber sie sind jetzt eben Bestandteil meiner Vergangenheit.

Wenn Sie zurückblicken: Was war der schönste Moment in Ihrer Karriere als Leistungssportlerin? 

Restle-Apel: Jedes Training und jeder Wettkampf waren für mich eine Freude. Dafür habe ich gelebt.

Zuletzt gab es die schreckliche Geschichte von Ihrem im Sudan entführten Bruder. Wissen Sie etwas von ihm? 

Restle-Apel: Ich versuche, sein Schicksal von mir fernzuhalten, weil meine Kräfte nichts anderes zulassen. Ich bin einfach im Moment nicht in der Lage, etwas zu ändern. Aber ich bin ein gläubiger Mensch und werde die Hoffnung nicht aufgeben.

Verbindet Sie jetzt noch etwas mit Kassel? 

Restle-Apel: Zu meinem Geburtstag habe ich aus Kassel Blumen bekommen, und mein früherer Trainer, Winfried Aufenanger, hat mich besucht. Mein Herz schlägt noch immer für Kassel, und beim Marathon im September will ich als Zuschauerin dabei sein.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften. Was wäre das? 

Restle-Apel: Dass ich wieder richtig gehen kann.

Zur Person

Simret Restle-Apel (32) stammt aus Abi Bidel in Eritrea. 2002 setzte sie sich von der Nationalmannschaft ab und lebt seitdem in Deutschland. Restle-Apel ist seit Oktober 2011 in zweiter Ehe mit dem Orthopäden Rainer Apel verheiratet und lebt in Wiesbaden. 2010 wechselte sie von der LG Eintracht Frankfurt zum PSV Grün-Weiß Kassel. Im Mai 2012 war sie wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt worden.

2015 gewann Restle-Apel den Kasseler Marathon in 2:37:48 Stunden. Ihre Halbmarathon-Bestzeit liegt bei 1:12:56 Stunden (2010 in Köln).

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.