Interview: "Marathon ist das Flüchtlingsboot"

Kassel-Marathon: Dreharbeiten für Film über das Geschäft mit den Athleten

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Kassel. Beim Kassel Marathon am 4. Mai wird auch ein Filmteam dabei sein, das für das ZDF einen Fim über kenianische Athleten dreht, die bei europäischen Marathon-Veranstaltungen ihr Geld verdienen.

Wir sprachen mit Regisseur Daniel Sager (28) über das Geschäft mit den Athleten und seine Tücken. Der Diplomfilm Sagers mit dem Titel "Runner's High" soll 2016 ausgestrahlt werden.

Wie sind Sie auf die Idee für den Film gekommen?

Daniel Sager: Ich bin in den letzten Jahren viel gereist - auch nach Afrika. Als ich zurückkam, hatte ich eine andere Sicht auf Deutschland. So entstand die Idee, einen Film darüber zu machen, wie die außereuropäische Sicht auf Deutschland und die Konsumgesellschaft ist. Daraus hat sich das Thema entwickelt.

Wie sind Sie an die kenianischen Läufer gekommen, die Sie mit der Kamera begleiten?

Sager: Ich habe den deutschen Athletenmanager Volker Wagner getroffen. Er ist seit 27 Jahren im Geschäft und betreut etwa 30 Läufer - hauptsächlich Kenianer. Mit ihm bin ich nach Kenia geflogen. Dort habe ich unter Wagners Athleten zwei Protagonisten für meinen Film ausgewählt: Die 28-jährige Eunice (28) und den 26-jährigen Felix. Beide waren bis zum Drehbeginn noch nie in Deutschland. Der Name Felix kommt dadurch zustande, dass sich viele Kenianer im jugendlichen Alter europäische Namen geben.

Wie viele Läufe machen die Afrikaner in Europa pro Jahr?

Sager: Das hängt davon ab, wie viele Läufe sie gewinnen. Die Preisgelder liegen zwischen 100 Euro und 150.000 Euro. Ein Läufer macht pro Jahr etwa zwei Marathonläufe und fünf Kurzstreckenläufe. Mehr geht nicht, weil das Visum immer nur für drei Monate gilt.

Profitieren von dem Geschäft nur die Läufer?

Sager: Nein, der Manager bekommt 15 Prozent vom Gewinn. Aber er geht auch in Vorleistung für Flug, Visum und Unterbringung. Ein Läufer muss also mindestens 2000 Euro verdienen, damit er seine Schulden beim Manager begleichen kann. Erst dann bleibt auch bei ihm etwas hängen.

Daniel Sager (28) ist Filmstudent der Filmakademie Bad Württemberg. Er wohnt in Berlin und ist ledig. „Runner’s High“ ist sein Diplomfilm.

Das heißt, viele Afrikaner verdienen daran kaum etwas?

Sager: In Kenia sind schon 1000 Euro viel Geld. Der Marathonsport ist für die ostafrikanische Jugend das, was für die Nordafrikaner das Flüchtlingsschiff ist. Über das Laufgeschäft versucht die Jugend nach Europa zu kommen. Eunice und Felix kommen aus Blechhüten, ohne Wasser und Strom. Sie versuchen der Armut zu entfliehen. Die laufen im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben.

Wie viele Läufer fliegen mit einem Gewinn zurück?

Sager: Das ist nicht so einfach, weil die Konkurrenz immer größer wird. Inzwischen werden europäische Marathonveranstaltungen von Afrikaner überlaufen. Wir haben letzte Woche bei einem Lauf in Paderborn gedreht. Dort sind 20 Kenianer um Preisgelder von wenigen Hundert Euro gelaufen. Felix wurde Fünfter, für ihn gab es 100 Euro. Wenn die Läufer die Auslagen des Managers nicht begleichen können, erhalten sie nicht noch einmal die Chance nach Europa zu kommen.

Lohnt sich das Geschäft für die Manager?

Sager: Auch für sie wird es schwieriger. Alle möglichen Leute gehen in Kenia auf Volker Wagner zu und behaupten, sie seien so und so schnell. Die versprechen oft das Blaue vom Himmel. Wagner ist verschuldet weil er häufiger mal auf die falschen Läufer setzt. Seit Februar gibt es zudem eine neue Verfügung. Nach dieser müssen die Manager für jeden Afrikaner 3000 Euro Kaution hinterlegen, falls dieser abhaut. Doch die meisten, die hier her kommen, wollen wieder zurück. Den ganzen Tag vier Wände um sich herum, das kühle Wetter und die Verschlossenheit der Deutschen sind sie nicht gewohnt.

Eunice tritt in Kassel an. Was sind ihre Hoffnungen?

Sager: Sie steht ziemlich unter Druck, weil sie ihr Geld wieder zurückzahlen will und dafür ist sie auf eine gute Platzierung angewiesen.

Dreharbeiten bis September

Daniel Sager

Die Dreharbeiten für „Runner’s High“ laufen noch bis September, dann folgt die Postproduktion. Im Jahr 2016 soll der Film im ZDF („Das kleine Fernsehspiel“) ausgestrahlt werden. Zuvor soll der Film auf Filmfestivals eingereicht werden.

Das Filmteam sucht für die Dreharbeiten beim Kassel Marathon am 4. Mai noch Unterstützung von Studenten. Gesucht werden Aufnahmeleitung, Focus Puller/Kameraassistenten und Settonassistent.

Kontakt per E-Mail: simon.riedl@filmakademie.de

Zur Person

Daniel Sager (28) ist Filmstudent der Filmakademie Baden-Württemberg. Er wohnt in Berlin und ist ledig. "Runner's High" ist sein Diplomfilm, den er mit der ZDF-Redaktion "Das kleine Fernsehspiel" koproduziert.

Von Bastian Ludwig

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