Weltweit einzigartig: Kabarett auf dem Laufband

Sportlegende Dieter Baumann: "Jetzt laufe ich endlich in Kassel"

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Trabt in seinem neuen Bühnenprogramm 80 Minuten auf dem Laufband - wenn er nicht mal kurz anhält: Läufer und Kabarettist Dieter Baumann.

Als 5000-Meter-Olympiasieger hat Dieter Baumann 1992 Sportgeschichte geschrieben. Nun kehrt er als Kabarettist nach Kassel zurück, wo seine Bühnenkarriere begann. Und er läuft sogar.

Als Laufkabarettist kehren Sie nun dahin zurück, wo alles angefangen hat. Über Ihren allerersten Bühnenauftritt 2007 in Kassel haben Sie später gesagt: "Das war anfängerhaft." War es wirklich so schlimm?

Dieter Baumann: Puh, in der Nachbetrachtung war es sogar noch viel schlimmer. Ich glaube schon, dass ich mich seither sehr gut entwickelt habe. Was ich damals gemacht habe, ist einerseits anfängerhaft, auf der anderen Seite aber auch sehr mutig. Ich habe einfach sieben Geschichten aneinandergereiht. Ich will nicht sagen, dass das ohne Sinn und Verstand war, aber von Dramaturgie war der Abend nicht geprägt. So etwas würde mir heute nicht mehr passieren.

Wie kam es zur Premiere ausgerechnet im Varieté Star-Club?

Baumann: Das lag an Winfried Aufenanger. Er hat mich fast mein ganzes Leben begleitet, ob als Marathon-Bundestrainer oder als sehr guter Freund. Damals rief er mich an, um mich für einen Vortrag zum Kassel-Marathon zu holen. Ich aber sagte: "Ich mache keine Vorträge mehr, ich mache Bühnenshows." Er antwortete: "Das nehme ich auch." Winfried ist eine Institution im deutschen Laufsport und hat sich für Kassel unglaublich verdient gemacht. Darum freue ich mich besonders, nun nach Kassel zurückzukehren.

In "Dieter Baumann läuft halt - weil singen kann er nicht" traben Sie am 10. September im Kasseler Palais Hopp 80 Minuten auf dem Laufband und erzählen dabei aus dem Leben eines Sportlers. Zwischendurch tanzen Sie sogar. Wie oft sind Sie bei den Proben hingefallen?

Baumann: Stolperer gibt es hier und da, ernsthaft lag ich aber nur zweimal. Einmal habe ich mir das Knie aufgeschürft, weil das Band bei 20 km/h weiterlief. Da erschrickt man schon. Das Tempo ist unterschiedlich schnell. Einmal ist auch die Sicherung ausgefallen. Dann stehen wir im Dunkeln. So ist das im Leben.

Wie sind Sie auf die Idee mit dem Laufband gekommen?

Baumann: Das habe ich schon lange mit mir rumgetragen. Im Stuttgarter Theater habe ich mit einer Laufshow experimentiert. Ich habe Gäste interviewt, die mit mir auf dem Band laufen mussten. Zudem habe ich mir gedacht: Ich erzähle immer nur vom Laufen. Eigentlich müssten die Zuschauer mal sehen, dass ich laufe. Dann kamen andere Sachen hinzu wie das Tanzen.

Sind Sie ein talentierter Tänzer? Sehen wir Sie bald bei "Let's Dance" auf RTL?

Baumann: Nein, das eher nicht. Ich hatte auf Youtube ein Video eines Amerikaners gesehen, der auf einem Laufband getanzt ist. Ich dachte: Das kann ich auch. Singen kann ich dagegen gar nicht, das beweise ich auf der Bühne. Durch solche technischen und dramaturgischen Tricks wird die Show spannend und kurzlebig. Würde ich nur laufen und ins Publikum schauen, wäre das langweilig.

Am Kasseler Staatstheater gab es einmal ein Tanzstück, bei dem ein Läufer 60 Minuten auf dem Laufband lief. Dummerweise fiel bei einer Aufführung das Gerät aus, so dass er auf der Stelle laufen musste.

Baumann: Das kann auch passieren. In München wurden einmal Schillers "Räuber" mit Laufbändern inszeniert. Die Schauspieler mussten aber nur gehen. Ich weiß nicht, ob das weltweit einzigartig ist, was ich mache. Aber viele Unterhalter gibt es nicht, die auf der Bühne laufen.

Andere Spitzensportler werden nach der Karriere Trainer oder Funktionär. Wie kommt man auf die Idee, Komiker zu werden?

Baumann: Irgendwann habe ich festgestellt, dass mir Unterhaltung liegt. Ich führe weiterhin ein schönes Leben, das mir unheimlich Spaß macht. Ich komme herum wie als Athlet auch. Im Grunde hat sich für mich nichts geändert. Es ist, als hätte ich einen Wettkampf im Auestadion. Nur bin ich jetzt nervöser als damals vor deutschen Meisterschaften. Zumindest im Moment. Das neue Programm habe ich erst sechsmal gespielt.

Selbst über die Zahnpasta und die positive Doping-Probe, die Ihre Karriere vorzeitig beendete, machen Sie Späße.

Baumann: Die Zahnpasta lasse ich mir nicht entgehen. Das ist mein Weg, dieses Thema zu verarbeiten. Diesmal gehe ich es sehr ernsthaft an mit einem wunderschönen Zaubertrick.

Zuletzt hat das halbe Land am Schicksal des ehemaligen Radsportlers Jan Ullrich teilgenommen. Wie sehr hat es sie erschüttert, den ehemaligen Tour-de-France-Sieger mit Drogen vollgepumpt zu erleben?

Baumann: Persönlich nimmt mich das nicht mit. Dafür ist er zu weit weg, wir kennen uns nicht. Trotzdem tut es mir um Jan Ullrich sehr leid. Ich hoffe, dass er Freunde hat, die ihm helfen, aus dieser Krise rauszukommen

Wieso tun sich auch andere Sporthelden von einst wie Boris Becker so schwer mit dem Leben nach der aktiven Karriere?

Baumann: Ich glaube, so viele gibt es gar nicht, die sich schwertun. Schauen wir ins normale Leben. Wenn ein Band-Arbeiter bei Mercedes, der nicht bekannt ist und nicht Wimbledon gewonnen hat, Probleme hat, fällt der anders als Boris Becker nicht weiter auf. Über die Schicksale Prominenter wird ja nur berichtet, weil sie berühmt sind. Zugleich gibt es sehr viel mehr Sportler, die nach ihrer aktiven Karriere ein tolles Leben leben. Diese Debatte ist vor allem eine Mediengeschichte.

Der ehemalige Radrennfahrer Jörg Jaksche hat gesagt: "Wenn ich ein Kind hätte - würde ich das heute in den Leistungssport schicken? Eher nicht. Das Spitzensport-System spuckt nach der Karriere völlig ausgemergelte Menschen aus, körperlich und mental." Haben Sie Angst, dass Ihre Kinder, die beide Leistungssportler sind, einmal ähnliche Erfahrungen machen?

Baumann: Ich fühle mich nicht ausgemergelt - weder mental noch körperlich. Im Gegenteil: Ich bin richtig fit. Meine Kinder haben sich den Leistungssport selbst ausgesucht. Das ist ihre Sache. Ich berate sie nur. Den Sport sehe ich nicht als Übel. Es gibt schlimmere Schicksale, als sich einige Jahre sportlich zu betätigen. Man kann sich dort sehr wohl fühlen. So weit ich das beurteilen kann, trifft das auch bei meinen Kindern zu. Ich selbst würde mein Leben noch einmal genau so leben, wie ich es gelebt habe. Ich hatte unglaublich Spaß. Und den habe ich heute auch.

Trotzdem gilt vor allem der Ausdauersport als dopingbelastet. Kann man als Zuschauer noch ohne schlechtes Gewissen mitjubeln, wenn der nächste Wunderläufer siegt?

Baumann: Ich kann mich an vielen Leistungen erfreuen. Natürlich mache ich mir auch meine Gedanken, aber die Faszination Sport lasse ich mir nicht nehmen. Journalisten vergessen oft, dass nicht nur der Ausdauersport gefährdet ist. Zum Beispiel der große Fußball. Es ist problematisch, wenn sich eine Sportart selbst kontrolliert und sich weigert, bei der WM von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) Kontrollen durchführen zu lassen. So stellt sich der Sport infrage.

Auch die Kleinsten geben beim KKH-Lauf richtig Gas! #KKHLaufSchwerin

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In Ihrer Kolumne in der Zeitschrift "Runner's World" haben Sie geklagt, dass Läufer, die 5 oder 10 Kilometer oder Halbmarathon laufen, keine Lobby haben. Warum ist alles immer auf den Marathon fixiert, obwohl der Halbmarathon der klassischen Langstrecke nach Anmeldezahlen längst den Rang abgelaufen hat?

Baumann: Kassel ist ein wunderbares Beispiel für diesen Trend. Sie haben in Kassel beim Marathon sehr viel weniger Teilnehmer als beim Halbmarathon. Der Ex-Läufer Herbert Steffny hat einmal gesagt: "Der Marathon ist der Mount Everest des kleinen Mannes." Da hat er Recht. Der Marathon ist ein Mythos, alles andere ist halt Laufen. Darum dreht sich meine Kolumne: "Bei mir hat es nicht gereicht zum Marathon, ich bin halt nur ein Läufer."

Wo sehen Sie die Zukunft für Veranstaltungen wie den Kassel-Marathon? Es gibt Stimmen, die fragen: Warum verzichtet ihr nicht auf die lange Strecke und konzentriert euch auf den Halbmarathon und den Kinderlauf?

Baumann: Es kommt darauf an, wie eine Veranstaltung gewachsen ist. Kassel ist der Kassel-Marathon. Stuttgart dagegen hat einen anderen Weg genommen und war von Anfang an ein Halbmarathon. Ich glaube, dass es Kassel nicht gut tun würde, wenn man auf die 42 Kilometer lange Strecke verzichten würde. Das würde für einen Dämpfer sorgen. Es würden sich sehr viel weniger Leute anmelden. Man müsste sich neu erfinden. Bislang wird der Kassel-Marathon aber als Marathon gesehen. Dann wäre die Veranstaltung ein neues Produkt.

2013 haben Sie versprochen: "Irgendwann laufe ich in Kassel." Wann wird es so weit sein?

Baumann: Ich bin in Kassel gelaufen, den Berglauf. Den habe ich sogar gewonnen.

Das stimmt, der Satz bezog sich aber auf den Marathon.

Baumann: Zum Marathon komme ich, wenn ich irgendwann nicht mehr Theater spiele. Im Moment habe ich einfach zu viele Auftritte. Immerhin kann ich vor meinem neuen Stück sagen: Ich trete nicht nur in Kassel auf, ich laufe auch in Kassel - auf dem Laufband.

Zuletzt hat die Kasseler Marathonläuferin Laura Hottenrott Schlagzeilen gemacht. Mit tollen Zeiten, aber auch mit Ihrem geringen Gewicht. Was denken Sie, wenn Sie die 26-Jährige laufen sehen?

Baumann: Ich denke erst einmal gar nichts, sondern sehe eine junge Dame laufen, die sehr gut ist. Im Langstreckenbereich trifft man immer wieder auf dieses Phänomen - wie auch in anderen Sportarten, wo ein geringes Gewicht eine Rolle spielt. Wenn man wie Laura über mehrere Jahre Leistung bringt, ist das ein Zeichen dafür, dass alles in Ordnung ist. Erst wenn die Form nicht stabil genug gehalten werden kann, muss man fragen: Was stimmt da nicht? Laura hat das hingegen ganz gut im Griff, denke ich.

Sie bezeichnen sich als Lebensläufer. Was ist, wenn Sie irgendwann nicht mehr Laufen können?

Baumann: Ich hoffe, dass das nie passiert. Natürlich kann es sein, dass man gesundheitliche Probleme bekommt oder einfach keinen Bock mehr hat, aber im Moment denke ich gar nicht daran. Wahrscheinlich würde ich dann Rennrad fahren. Wichtiger als das tägliche Laufen ist mir die tägliche Bewegung - ob ich nun walke oder an einer Hantelbank oder auf einem Rudergerät trainiere. Die Hauptsache ist: Ich will spüren, dass mein Puls schneller geht und dass ich schwitze.

Dieter Baumann läuft halt - weil singen kann er nicht: Montag, 10. September (20 Uhr), im Kasseler Palais Hopp, Goethestraße 29-31. Karten für 15/18 Euro unter 0561 / 766 77 444.

Zur Person

Geboren: am 9. Februar 1965 in Blaustein

Ausbildung: zum Fotolaborant

Beruf: Läufer und Kabarettist

Größte Erfolge: Olympia-Gold 1992 sowie -Silber 1988 über 5000 m.

Skandal: 1999 wurde Baumann positiv auf Nandrolon getestet. Das anabole Steroid sei ihm in die Zahnpastatube gespritzt worden, sagte er. Längst sehen es Doping-Experten als erwiesen an, dass der Schwabe Opfer eines Anschlags wurde.

Privates: Baumann, der von seiner Frau Isabelle trainiert wurde, lebt in Tübingen. Tochter Jackie (22) ist 400-Meter-Hürdenläuferin, Sohn Robert (19) 3000-Meter-Hindernisläufer.

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