Als Läufer bekommt man andere Eindrücke von der Welt

Marathon-Autor Politycki: "Laufen schult die soziale Intelligenz"

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Liest am 22. Juni in Kassel in der Kirche Rothenditmold: Autor und Läufer Matthias Politycki.

Schriftsteller Matthias Politycki ist nicht nur Marathonläufer, durch den Sport hat er auch viel übers Schreiben gelernt. Vor seiner Lesung in Kassel erzählt er hier, wieso Läufer intelligent sind.

In seinem Buch "42,195" erklärt Schriftsteller Matthias Politycki, "warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken". Am 22. Juni liest der 63-Jährige auf Einladung des Kassel-Marathon in der Kirche Rothenditmold. Wir haben vorab mit ihm telefoniert.

Sind Sie heute schon gelaufen, Herr Politycki?

Matthias Politycki: Nein, das bin ich gestern. Heute war ich schwimmen.

Das war sicher nicht einfach. Im Hallenbad trifft man oft Triathleten. Und gegen die haben Sie was.

Politycki: Das stimmt. Viele von ihnen führen sich auf wie Alphatierchen, auch die Frauen. Bei der Wende am Beckenrand schneiden sie gern alle anderen, dabei schwimmen wir auch auf Tempo. Läufer sind da anders, sie nehmen Rücksicht aufeinander. Ich finde, der Bessere sollte der Höflichere sein.

Sie sind schon als Jugendlicher gelaufen, als kaum jemand durch den Wald getrabt ist, sondern Laufen verpönt war. Wie konnte Laufen zum Volkssport werden?

Politycki: Je mehr wir uns in eine Wohlstandsgesellschaft verwandelt haben, desto größer wurde das Bedürfnis nach echten Herausforderungen und der Wunsch, seine Grenzen auszutesten. Laufen ist für alle, die den ganzen Tag am Computer sitzen, der perfekte Ausgleich. Es ist ja auch praktisch: Wenn man seine Schuhe dabei hat, kann man überall loslegen.

Der Inhalt dieses Videos stammt nicht von hna.de, sondern von der Video-Plattform Glomex

Für Sie ist es besonders praktisch: Sie gelten als Weltreisender unter den deutschen Schriftstellern.

Politycki: Wenn ich unterwegs bin, betreibe ich das Laufen gern als Stadtbesichtigung. Als Spaziergänger kommt man nicht weit genug aus dem Zentrum heraus, an den Rändern werden Städte aber noch mal ganz anders, und man gewinnt entsprechend andere Eindrücke. Nicht erst in Shanghai oder Oslo, sondern auch schon in Kassel.

Wie war es in Kassel für Sie?

Politycki: Teilweise ein bisschen bergig. Daran muss man sich gewöhnen, wenn man aus Hamburg kommt. Damals bin ich durch den Bergpark gelaufen. Aber ich brauche nicht immer Natur, auch ein altes Industriegelände kann spannend sein oder ein stillgelegter Hafen. Auch als Fußgänger möchte ich die vermeintlich hässlichen Seiten einer Stadt kennenlernen, sie gehören ebenfalls zu unserer Welt. In Indien beispielsweise gehe ich nie nur zu den Sehenswürdigkeiten, sondern auch in die Slums.

Insofern ist Kassel ideal für Sie: Hier gibt es das Schöne und das Hässliche. Welches war die schönste Strecke, die Sie auf all Ihren Reisen gelaufen sind?

Politycki: Da gibt es viele. Am schönsten war es aber in London. Als ich dort Writer in Residence war, bin ich oft an irgendeinen Stadtrand gefahren und von dort durch die unterschiedlichsten Viertel heimgelaufen. Als Fußgänger wäre ich an der schieren Ausdehnung von London gescheitert, als U-Bahnfahrer hätte ich nur immer einzelne Teile kennengelert. Als Läufer konnte ich mir die Stadt Lauf für Lauf erarbeiten, so wuchsen die verschiedenen Eindrücke, die London bietet, am Ende tatsächlich für mich zusammen. Als ich mal im Flugzeug über der Stadt kreiste, sah ich unter mir nicht nur ein unendliches Häusermeer, sondern erkannte überall irgendetwas wieder. Ein großes Glückserlebnis.

Ihr Laufbuch heißt nicht einfach "Laufen", sondern "42,195". Warum muss es unbedingt der Marathon sein? Man kann doch auch glücklich werden, wenn man eine Stunde rennt.

Politycki: Es muss gar nicht immer Marathon sein. Über weite Strecken meines Läuferdaseins war ich nur Jogger, und das war vollkommen okay. Aber irgendwann war Marathon eine Herausforderung, der ich mich zum Glück gestellt habe. Auch als Schriftsteller hat es mir viel gebracht, mich einem Trainingsplan unterzuordnen und monatelang auf ein Ziel hinzuarbeiten. Einen Marathon denkt man von hinten, alles ist auf das Ziel ausgerichtet. Plötzlich begriff ich, dass es auch beim Schreiben eines Romans so sein sollte, wenn man sich nicht gleich am Anfang verausgaben will.

Der Marathon hat Sie als Schriftsteller also verändert?

Politycki: Er hat mir geholfen, auf der literarischen Langstrecke meine Kräfte besser einzuteilen. An meinem Roman „Samarkand Samarkand“ habe ich 25 Jahre lang vergeblich gearbeitet. Irgendwann bin ich immer gescheitert, weil ich ihn nur von vorn nach hinten gedacht hatte. Und weil ich also mit viel zu hohem Erzähltempo losgelegt hatte, das konnte ich nicht durchhalten. Erst durch den Marathon denke ich auch Texte von der letzten Seite zurück – und kann sie im richtigen Erzähltempo angehen. Der Marathon hat mir gezeigt: Das Wichtigste auch beim Schreiben ist es, sein maximales Erzähltempo zu finden – und zu halten.

Manche konzipieren während eines Dauerlaufs Romane, andere wie der japanische Autor Haruki Murakami denken einfach nur an nichts. Wie ist es bei Ihnen?

Politycki: An nichts zu denken, gelingt mir nur selten. Meistens denke ich, allerdings völlig ungeordnet. Ich bin aber auch beim Laufen am liebsten Mannschaftssportler und trainiere mit Freunden. Läufer sind oft kluge Begleiter. Von ihnen kann man etwas lernen, das man am Schreibtisch nicht lernt.

Voriges Jahr hat der Kassel-Marathon Schlagzeilen gemacht, weil die Spitzengruppe falsch geleitet wurde und aus dem Rennen genommen werden musste. Haben Sie darüber auch gelacht?

Politycki: Nein, so etwas ist bitter für die Läufer – auch wenn es afrikanische Import-Athleten waren, die heute hier und morgen dort antreten, die können sowas gewiss besser wegstecken als ein ambitionierter Hobbyläufer, der gerade auf dem Weg zu einer persönlichen Bestzeit war. Ehrlich gesagt, mit all den „Normalos“ fiebere ich mehr mit, schließlich bin ich selber einer.

Heute sind schon Anfänger mit GPS-Uhren und Kompressionsstrümpfen ausgestattet wie Profis. Müssen Sie da schmunzeln?

Politycki: Nein, ich bin dankbar über jeden, der läuft. Im Stadtbild sieht man so viele Menschen, denen man ein ordentliches Lauftraining empfehlen würde. Als ich eine Zeit lang in Osaka war, sind mir die Japaner aufgefallen, die nur fünf Kilometer lange „Wanderungen“ machen und dafür stets hochgerüstet sind. Sie haben halt ihre Freude daran. Egal in welcher Leistungsklasse, es sollten sich viel mehr Menschen bewegen. Laufen schult das räumliche Sehen und die soziale Intelligenz.

Laufen macht intelligent?

Politycki: In sozialer Hinsicht, ja. Als Läufer muss man sein eigenes Tempo und die Bewegungsmuster seiner Mitmenschen abschätzen können. Wenn Sie sonntags an der Hamburger Alster laufen, kann es eng werden, da spielen sich böse Szenen ab. Echte Läufer sind rücksichtsvoll – sie haben ja längere Strecken und also viel mehr Zeit zum Ausweichen als Jogger.

Am besten gehen bald alle Laufen. Das soll ja besser sein "als Sex, Drogen und Alkohol", wie "Der Spiegel" schon 1974 schrieb.

Politycki: Über meinem Interview mit "Spiegel Online" stand die Schlagzeile: "Sex macht jedenfalls nicht schneller." Es ist natürlich reine Polemik, beides gegeneinander auszuspielen. Alles zu seiner Zeit! Ich genieße es, drei Monate nach Trainingsplan zu leben, also ziemlich diszipliniert und gesund. Danach genieße ich es aber auch, wieder über die Stränge zu schlagen. Zum Leben gehört beides.

Lesung am 22. Juni, 19.30 Uhr, Kirche Kassel-Rothenditmold, Maybachstraße 1. Karten für acht Euro unter 0561/933 1666. Mehr Infos hier

Zur Person

Geboren: am 20. Mai 1955 in Karlsruhe

Aufgewachsen: in München

Ausbildung: Studium der Neueren deutschen Literatur, Philosophie, Theater- und Kommunikationswissenschaft in München und Wien

Karriere: Politycki arbeitete als Lektor, ehe er freier Schriftsteller wurde. 

Wichtigste Bücher: "Freischwimmer. Drei Erzählungen" (2011), "Samarkand Samarkand" (2013), "42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken" (2015), "Sämtliche Gedichte 2017-1987" (2018). 

Privates: Lebt mit seiner Frau in Hamburg und München.

Marathon-Bestzeit: 3:49 Stunden. Die stellte er erst mit 60 Jahren auf.

Webseite: www.matthias-politycki.de

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