Aufarbeitung hat begonnen - 7403 Läufer kamen ins Ziel

Nach Marathon-Panne in Kassel: Eine blaue Linie soll den Weg weisen

+
Eine blaue Linie, die die kürzeste Route beim Marathon markiert, ist in Berlin auf ein Stück Strecke vor dem Brandenburger Tor gesprüht. Über so eine Linie wird auch für Kassel nachgedacht.

Kassel. Der elfte Kassel-Marathon ist zwar vorbei. Die Aufarbeitung der Vorkommnisse rund um das Chaos und den Ausstieg der Führungsgruppe beginnt aber erst.

Das fünfköpfige Spitzenquintett war am Sonntag während des Marathonrennens erst fehlgeleitet und dann aus dem Rennen genommen worden.

„Ich habe zwei Straßenlauf-Länderkämpfe in Kassel organisiert, 32 Cityläufe und zuvor zehn Marathon-Veranstaltungen. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Cheforganisator Winfried Aufenanger. „Ich nehme das klar auf meine Kappe. Die Läufer sind umgehend entschädigt worden. Wir können nicht alles absichern. Aber wir werden das aufarbeiten.“ Um bei der zwölften Auflage vom 14. bis 16. September 2018 zu verhindern, dass die Läufer einen falschen Weg nehmen, könnte beispielsweise eine blaue Linie den kompletten Streckenverlauf ausweisen.

„Das wäre eine Möglichkeit. Solch eine durchgehende Markierung wird bei vielen großen Marathons gezogen“, erklärte der 70-Jährige. „Allerdings benötigen wir dafür die Erlaubnis der Stadt Kassel.“ Bislang ist der Streckenverlauf nicht durchgehend markiert. „An den entsprechenden Stellen sind mit roter Sprühfarbe Pfeile auf dem Boden aufgetragen“, erklärte Aufenanger.

Posten werden ungeachtet des Vorfalls neu besetzt

Im kommenden Jahr werde auch der Posten des Fahrzeugkoordinators neu besetzt. Ungeachtet der Vorfälle am Sonntag scheide der bisherige Verantwortliche aus gesundheitlichen Gründen aus, erklärte Aufenanger.

Der Moment des Abbruchs beim Kassel Marathon 2017.

Nie zuvor allerdings hat der Kassel-Marathon bundesweit so viel Aufmerksamkeit am Sonntag und Montag auf sich gezogen wie in diesem Jahr. Die Portale vieler großer Medien von Spiegel Online bis Sport 1 griffen den Vorfall auf und berichteten darüber. „Damit kann ich leben“, sagte Aufenanger. (Weitere Pressestimmen gibt es weiter unten).

„Allerdings sollten wir nicht den Blick nur auf das Negative richten, sondern das gesamte Ereignis im Blick behalten. Es waren drei wunderbare Tage.“

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Warum Häme fehl am Platz ist.

Marathon im Fokus: 7403 Läufer kamen ins Ziel

Der elfte Marathon hat die Region in Bewegung versetzt. Diese Punkte standen am Tag danach im Fokus.

Finisher: Offziell hatten 9132 Teilnehmer für die verschiedenen Wettkämpfe des Marathon-Wochenendes gemeldet. Nicht alle aber traten an, manche stiegen aus. Deshalb liegt die Zahl der sogenannten Finisher, also jener Läufer, die auch ins Ziel kamen, meist darunter. Im Jahr 2017 sehen die Zahlen nach Angaben von Marathon-Chef Winfried Aufenanger so aus: Insgesamt 7403 Finisher. 

Marathon: Gemeldet 496, Finisher 369, 24 angetreten, aber nicht ins Ziel gekommen. Halbmarathon: Gemeldet 2361, Finisher 2018, 17 angetreten, aber nicht ins Ziel gekommen. Minimarathon: Gemeldet 3665, 3012 Finisher, 33 nicht ins Ziel gekommen. „Insgesamt lag unsere Teilnehmerzahl knapp 1000 unter der des Vorjahres. Ein Grund war sicherlich das ungünstige Datum, das aufgrund des Feiertages die Option eines langen Wochenendes mit sich bringt sowie die zeitliche Überschneidung mit den Marathons in Köln und Bremen“, sagte Aufenanger.

Kritische Situation bei Kilometer 30: Ralf Salzmann (links) und Winfried Aufenanger.

Die Sache mit der Bake: Es hätte durchaus passieren können, dass Läufer nicht nur an der Weserspitze, sondern auch ein zweites Mal an späterer Stelle hätten fehlgeleitet werden können. „Bei Kilometer 30, Ecke Henkelstraße/Holländische Straße, war eine Straßenbake verstellt. Die Läufer wären nach rechts in Richtung Vellmar abgebogen, die Strecke lief aber nach links. Ralf Salzmann und ich waren eine knappe Minute vor der neuen Spitzengruppe vor Ort und konnten die Bake umstellen“, berichtete Aufenanger.

Prämie auch für Ybekal Daniel Berye: Schon am Sonntag bestätigte Aufenanger, dass die vier kenianischen Läufer aus dem gestoppten Spitzenquintett Prämien in Höhe von je 1500 Euro erhalten. Auch der Fünfte im Bunde, Ybekal Daniel Berye vom PSV Grün-Weiß Kassel, steht nicht mit leeren Händen da. „Wir hatten im Vorfeld eine Prämie vereinbart, für den Fall, dass er unter 2:25 Stunden läuft.“ Die bekommt er nun als quasi Ausfallprämie.

Zwöfte Auflage 2018: Gut möglich, dass im kommenden Jahr die Hessischen Meisterschaften im Marathon und auch Halbmarathon in Kassel ausgetragen werden. „Der Fokus darf nicht immer nur auf Südhessen liegen“, erklärte Aufenanger und verwies auf positive Signale von Verbandsseite.

Reaktion des Titelsponsors: „Es war eine klasse Veranstaltung. Ich kann mich an kein Marathon-Wochenende erinnern, das so viele Gänsehaut-Momente bei mir hervorgerufen hat wie dieses. Wenn man sieht, dass eine Veranstaltung, die man unterstützt, so viel Freude auslöst, dann macht das Spaß“, sagte Rene Schneider, Leiter der Kommunikation bei Hauptsponsor EAM. Er blickte auch auf das Führungschaos: „Die Organisationsleitung um Winfried Aufenanger hat direkt und umgehend reagiert. Das war fair gegenüber den Athleten.“

Dopingkontrollen: Kontrolleure der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada nahmen in Kassel die Marathonläufer unter die Lupe. Sie erscheinen stets unangemeldet. „Sie haben die besten drei Frauen und Männer und zwei andere Athleten getestet“, sagte Aufenanger.

Alle Videos zum Kassel Marathon gibt es hier

Kassel ist mit der Panne nicht allein

Der Kassel-Marathon ist nicht die erste Veranstaltung dieser Art, die einen ganz anderen Verlauf nimmt als erwartet. Wir haben die kuriosesten Geschichten von Marathon-Wettbewerben aus aller Welt zusammengestellt:

  • Chicago-Marathon 2007: Der Wettkampf in der US-Metropole gilt als einer der größten der Welt. Doch wegen großer Hitze – es wurden 31 Grad Celsius gemessen – verzichteten 10.000 der gemeldeten 45.000 Teilnehmer kurzfristig auf den Start. Von denen, die ihre Teilnahme nicht absagten, landeten 350 Läufer aufgrund eines Hitzeschlags im Krankenhaus. Zudem gab es einen Todesfall: Nach 28 Kilometern brach ein 35-Jähriger zusammen – er starb kurz darauf im Krankenhaus. Der Marathon wurde daraufhin abgebrochen.
Rückwärtsläufer: Markus Jürgens
  • New-York-Marathon 1980: Der US-Amerikaner Ernest C. Conner lief am 26. Oktober einen Marathon in fünf Stunden, und 18 Minuten – Weltrekord! Das Kuriose: Conner lief den Marathon rückwärts. Fachmänner sprechen beim Rückwärtslaufen auf der Marathondistanz von „Retrorunning“. Übrigens: Den aktuellen Weltrekord hält der Deutsche Markus Jürgens, der den Hannover-Marathon 2017 in 3:38:27 Stunden lief.
  • Qingyuan-Marathon 2016: Bei jedem Marathon gibt es für die Läufer Stärkungen vom Streckenrand. So auch in Qingyuan in China. Dort verteilte der Veranstalter jedoch irrtümlicherweise Seife statt Energieriegel. Die bunten Verpackungen waren auf Englisch beschriftet und zeigten rote Früchte. Fast 12 000 Menschen waren danach auf medizinische Hilfe angewiesen, weil sie davon probiert hatten.
  • Marathon des Sables 1994: Der Italiener Mauro Prosperi geriet während des Laufs durch die marrokanische Sahara in einen Sandsturm und verirrte sich in der Wüste. Prosperi wurde erst neun Tage später und 200 Kilometer vom Kurs entfernt in Algerien gefunden. Berberfrauen päppelten den um 15 Kilogramm abgemagerten Mann mit Ziegenmilch auf und übergaben ihn dem Militär.
  • Stockholm-Marathon 1912: Der Japaner Kanaguri Shiso schlief bei Kilometer 30 am Wegesrand ein, nachdem er sich kurz von der Hitze erholen wollte. Er verpasste es so, den Wettkampf rechtzeitig zu beenden. 1967 kam er als 76-Jähriger zurück nach Stockholm und setzte den Marathon an jener Stelle fort, an der er 1912 einschlief. Nach dem Zieleinlauf hatte Shiso mit 54 Jahren, acht Monaten, sechs Tagen, drei Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden den langsamsten Marathon aller Zeiten absolviert. 

(Zusammengestellt von Paula Amthor und Pascal Spindler)

Alle Fotos zum Kassel Marathon gibt es hier

Pressestimmen zum Chaos-Marathon

„Den Marathon werden sie nicht vergessen“ 

Der Kassel-Marathon hat unfreiwillig bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Mehrere überregionale Zeitungen und Online-Portale berichteten über die falsch geleiteten Läufer. So haben die Medien getitelt:

„Spitzengruppe falsch abgebogen“ 

Frankfurter Allgemeine Zeitung- faz.net: „Dumm gelaufen: die fünf führenden Läufer beim Kassel-Marathon werden falsch geleitet. Sie drehen um und biegen wieder falsch ab. Was danach folgt, macht sie richtig sauer.“

„Top-Kenianer rennen in Kassel aus Versehen in die Irre“ 

Online Portal Welt/N24: „Diesen Marathon werden sie in Kassel wohl lange nicht vergessen. Bis Kilometer 19 läuft alles nach Plan, die Spitzengruppe der Kenianer läuft auf eine Topzeit zu. Dann passiert geradezu Ungeheuerliches.“

„Chaos beim Marathon: Spitzenläufer laufen verkehrt!“ 

Online-Portal tag24.de: „Beim Kasseler Marathon mussten heute fünf Spitzenläufer disqualifiziert werden. Der Grund klingt beinahe hollywoodreif: Sie liefen einfach in die falsche Richtung.“

„Kuriose Panne bei Marathon“ 

Sport1.de: „Beim Kassel-Marathon kommt es zu einem peinlichen Vorfall, der bei den Läufern für großen Unmut sorgt. Die Spitzengruppe wird disqualifziert.“

„Marathon-Spitzengruppe biegt falsch ab - Rennen vorbei“ 

Spiegel Online: „Beim Marathon in Kassel sind die fünf schnellsten Läufer disqualifiziert worden. Warum? Die Gruppe bog falsch ab.“ 

(Zusammengestellt von Björn Mahr)

Alle Infos vom Marathon-Sonntag, unseren Ticker zum Nachlesen und der Live-Stream in der Wiederholung gibt es hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.