Vor jedem Sprung werden Anzüge kontrolliert

Skispringen: Vorgezogene Kontrolle für mehr Fairness

Kontrolle muss sein: FIS-Kontrolleur Sepp Gratzer vermisst den Sprunganzug des Österreichers Stefan Kraft. Foto: imago

Kassel. Eine vorgezogene Kontrolle für mehr Fairness - die gibt’s seit dieser Saison bei den Skispringern. Dabei wird vor jedem Sprung die Schrittlänge des Anzugs eines jedes Sportlers kontrolliert, denn laut Reglement darf der Anzug nur drei Zentimeter Abstand zum Körper haben.

Dass die verschärften Kontrollen wirksam sind, zeigten bereits die ersten Weltcup-Stationen - allein in Lillehammer wurden elf Springer aus dem Wettkampf genommen. Warum sich die Sportler diese Kontrolle gewünscht haben und wie sie abläuft - ein Überblick:

Einige Athleten haben getrickst: Kurz bevor sie auf den Balken kletterten, zogen sie den Anzug so tief wie möglich in Richtung Kniekehle. „Dadurch wird die Tragfläche zwischen den Oberschenkeln vergrößert“, sagt FIS-Materialkontrolleur Sepp Gratzer. Das bedeutet im besten Fall weitere Sprünge. Im Auslauf wurde die Kluft dann schnell wieder zurecht gerückt. „Damit bei der Kontrolle wieder alles passt.“

Zeit der Vorbereitung

Im Frühjahr wurde bereits getüftelt. „Wir brauchten ja ein neues Gerät, mit dem wir den angezogenen Athleten im Schritt vermessen können“, sagt Gratzer. Im Sommer wurde das Messverfahren dann getestet und im Herbst von der FIS beschlossen. Seit der Wintersaison gehört die Kontrolle bei jedem Wettkampf dazu.

So läuft die Kontrolle ab

Zwei Kontrolleure wickeln alles ab: Einer misst, der andere passt auf, dass sich der Athlet danach nicht mehr an den Anzug fasst. Die Kontrolle nimmt nur zehn bis 15 Sekunden in Anspruch. „Der Sportler darf nach der Messung nur noch seine Reißverschlüsse am Ärmel kontrollieren“, sagt Gratzer. Wer den vor dem Saisonstart notierten Wert unterschreitet, wird direkt aus dem Wettkampf genommen.

Gewohnheiten umstellen

„Der Athlet muss seinen Ablauf etwas verändern, also seine Gewohnheiten umstellen. Nachdem er kontrolliert wurde, darf er keine Veränderungen mehr am Anzug vornehmen“, sagt Gratzer. „Dadurch ist keine Manipulation am Anzug mehr möglich.“ Weiterhin erlaubt sei natürlich, dass man sich mit der Hand zur Motivation leicht auf Oberschenkel oder Brust schlagen darf.

Wie kommt Kontrolle an

Die strengeren Kontrollen kommen gut an. „Es war schon länger der Wunsch der Sportler, die Anzüge in dem Zustand zu messen, in dem auch gesprungen wird“, sagt Gratzer. Die Kontrolle sei ein Schritt in die richtige Richtung in Bezug auf Chancengleichheit und Fairness. „Ich sehe nur Vorteile, nach der Messung ist keine Manipulation mehr möglich. Und wenn’s probiert wird, lassen wir den Athleten nicht springen.“ Den ganzen Sommer über war Zeit, um sich auf das neue Prozedere einzustellen. „Mittlerweile hat man sich daran gewöhnt, wir haben das lang genug trainiert“, sagt der Willinger Skispringer Stephan Leyhe.

Hofer zwiegespalten

FIS-Renndirektor Walter Hofer hatte anfangs kein gutes Gefühl, als es darum ging, die neue Regel einzuführen. „Ich belaste den Athleten bei so einer emotionsgeladenen Situation nicht gern“, sagt der Österreicher. „Und ich habe Bedenken aus rechtlicher Sicht. Für mich ist es fraglich, einen Athleten aus dem Wettbewerb zu nehmen, weil der Anzug vorher dem Reglement nicht entspricht. Wir greifen da der Entscheidung über eine Sache vor.“ Aber alle Sportler seien einverstanden gewesen, somit habe er sein Okay gegeben.

HINTERGRUND

Vor dem Sprung wird kontrolliert

Jeder Zentimeter mehr Anzug - vor allem im Bereich des Schrittes - bedeutet einen Vorteil. Denn: Mehr Anzug entspricht mehr Auftriebsfläche. Deswegen wird jeder Athlet vor seinem Sprung kontrolliert. Bereits vor der Saison wurden die Sportler vermessen, erfasst wurden beispielsweise Körpergröße, Armlänge, Beinlänge, Schrittlänge und Gewicht. Bei der Schrittlängen-Kontrolle darf der Anzug laut Regelwerk höchstens drei Zentimeter Abstand vom Körper haben. Wenn die Zahl bei der Kontrolle unterschritten wird, darf der Springer gar nicht erst starten. An der stichprobenartigen Prüfung des Materials und des Athleten im Schanzenauslauf ändert das nichts. Der Athlet muss sich also auch nach dem Sprung darauf einstellen, noch eine Kontrolle über sich ergehen zu lassen. Allerdings werden pro Durchgang jeweils nur zehn bis zwölf Athleten überprüft. (frg)

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