Kommentar zum Rücktritt von Sepp Blatter: Das System bleibt

Fifa-Chef Sepp Blatter ist am Dienstagabend überraschend zurückgetreten. Ein Kommentar dazu von HNA-Sportredakteur Florian Hagemann.

Nach immer neuen Enthüllungen über die Machenschaften des Fußball-Weltverbandes Fifa und dem stets heftiger werdenden Druck von allen Seiten ist der Rücktritt von Präsident Sepp Blattereine logische Konsequenz. Trotzdem kommt er überraschend, weil Blatter sich nie von öffentlicher Kritik hat beeindrucken lassen und weil er sich trotz aller Vorwürfe am Freitag noch von seinen Getreuen hat wiederwählen lassen.

Insofern ist sein Abgang ein Paukenschlag, der Anlass zu Spekulationen gibt: Gut möglich, dass Blatter nicht nur wegen der Gesamtverantwortung für einen Verband geht, der sich im Korruptionssumpf befindet. Sondern dass er sich wegen konkreter Ermittlungen gegen sich selbst zu diesem Schritt gezwungen sah. Es bleibt daher spannend.

Was feststeht: Mit Blatter verschwindet der Übervater eines fragwürdigen Systems. Was bleibt, ist dagegen das fragwürdige System an sich. Die über die Jahre gewachsenen mafiösen Strukturen des Verbandes hat schließlich nicht nur Blatter zu verantworten, sondern er hat sie mit Hilfe aller Verbandsmitglieder herbeigeführt.

Darin einbezogen sind die Europäer inklusive des Deutschen Fußball-Bundes, die zwar mitunter Blatters Rücktritt forderten, aber es versäumt haben, einen geeigneten Gegenkandidaten aufzubauen. Die Europäer betrieben somit nicht mehr als ein Revolutiönchen. Ihre Rolle ist mehr als scheinheilig gewesen – zumal es kein Konzept gab, außer Blatter zu stürzen. Irgendwie. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Dass sie ihr vermeintliches Ziel nur halbherzig verfolgten, passt ins Bild dieser europäischen Möchtegern-Opposition, an deren Spitze mit Michel Platini einer steht, dessen Sohn fleißig für WM-Gastgeber Katar arbeitet. Schwer vorstellbar, dass so jemand glaubwürdig eine Gegenbewegung anführt, die eine saubere Fifa anstrebt.

Somit enden mit Blatters Rücktritt nicht die Aufräumarbeiten beim Weltverband, sie beginnen nun erst. Wenn diese mit aller Konsequenz und Transparenz betrieben werden, war gestern ein guter Tag für den Fußball – auch wenn der Weg noch weit ist und dem Verband ein Hoffnungsträger fehlt.

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