KSV-Geschichte gegen Hannover

Nach 2:0-Führung hatte der KSV 1985 den Aufstieg praktisch sicher

Seine zwei Tore reichten nicht: In dieser Szene wird Helmut Hampl von Hannovers Torwart Ralf Raps gestoppt.

Am Sonntag trifft der KSV Hessen in der 1. DFB-Pokalrunde auf Bundesligist Hannover 96. Vor dem Spiel blicken wir auf eine andere Begegnung zwischen den beiden Mannschaften zurück.

Bei dieser ging es für beide Mannschaften um den Aufstieg in die 1. Liga: Wir erinnern an den 2. Juni 1985.

Kassel. 23.000 Fußballfans füllen an diesem 2. Juni 1985 wenige Minuten vor 15 Uhr die Ränge des Kasseler Auestadions, und 20.000 von ihnen wollen knapp zwei Stunden später den Aufstieg des KSV Hessen in die 1. Bundesliga feiern.

Die Mannschaft des Kasseler Trainers Jörg Berger hat eine prima Ausgangsposition, denn sie braucht aus den verbleibenden beiden Saisonspielen gegen Hannover 96 und beim 1. FC Nürnberg nur noch zwei Punkte, um den Aufstieg perfekt zu machen. Allerdings geht der KSV geschwächt in die Partie, denn die beiden Stürmer Peter Cestonaro (gelbgesperrt) und Horst Knauf (verletzt) fehlen.

Aber der Mann des Tages heißt Helmut Hampl. Dem 34-jährigen Torjäger hat der KSV kein neues Vertragsangebot gemacht, doch der Franke spielt, als ginge es auch für ihn noch um den Aufstieg in die 1. Liga. In der 15. Minute misslingt dem ansonsten überragenden Hannoveraner Torwart Ralf Raps eine Faustabwehr, und an der Strafraumgrenze lauert Hampl. Der nimmt den Ball volley, trifft ins Tor, der KSV führt 1:0 und ist der 1. Liga so nahe wie noch nie zuvor.

Doch es kommt noch besser. Der überragende Kasseler Mittelfeldspieler Thomas Freudenstein kann im Strafraum nur durch ein Foul gebremst werden, und Schiedsrichter Wuttke aus Oberhausen gibt einen Elfmeter für die Löwen. Helmut Hampl verwandelt in der 28. Minute zum 2:0, und alle KSV-Fans träumen von der Erstklassigkeit.

Drei Minuten später erleben sie in der Realität den Anschlusstreffer, den Hannovers Fred Schaub aus heiterem Himmel erzielt. Aber wenn das Ergebnis so bleibt, reicht das ja immer noch zum Aufstieg. So denken viele, aber kurz vor Wuttkes Halbzeitpfiff wird aus Freude Frust. Martin Giesel verwandelt einen Freistoß zum 2:2-Ausgleich. Dass es bei diesem Ergebnis bis zum Schlusspfiff bleibt, ist für den KSV ärgerlich, aber noch nicht das Ende der Hoffnungen, denn nun heißt die Devise: „Ein Punkt in Nürnberg reicht.“

Aber es wird nichts mit dem so sehr ersehnten Pünktchen, denn die Löwen verlieren bei den Franken 0:2 und erleben, wie Nürnberg und Hannover den Aufstieg feiern, während der KSV eine prima Ausgangsposition verspielt hat.

Dass aus der 2:0-Führung gegen Hannover noch ein 2:2 geworden ist, lässt sich auch mit Verletzungspech erklären. Cestonaro und Knauf haben wir schon erwähnt, aber noch schlimmer ist der Ausfall von Libero Walter Horch wegen einer Knieverletzung nach nur 14 Minuten.

Zudem quält sich Linksaußen Heinz Traser mit einer Zerrung über die letzten 14 Minuten. Die 20.000 Löwen-Fans aber empfinden das 2:2 als Niederlage.

KSV Hessen - Hannover 96 2:2 (2:2)

KSV: Wulf - Kahlhofen, Horch (14. Greizer), Panierschky, Münn - Freudenstein, Eplinius, Bakalorz - Deuerling (65. Kirchberg), Hampl, Traser

Hannover: Raps - Vjetrovic, Hellberg, Ronge, Surmann - Gue, Giesel, Thiele - Hartmann, Gerber, Schaub

Schiedsrichter: Wuttke (Oberhausen) - Zuschauer: 23 000

Tore: 1:0 Hampl (15.), 2:0 Hampl (28. Foulelfmeter), 2:1 Schaub (31.), 2:2 Giesel (45.)

Das sagt Rolf Fritzsche (1964)

Wir hätten das Spiel nicht verlieren dürfen, weil wir nach dem 1:0 bis zur Pause viele Torchancen hatten, um den zweiten Treffer zu erzielen. Aber wir waren schlecht vorbereitet und haben in der 2. Halbzeit nachgelassen. Unser Trainingslager auf dem Sensenstein war nicht besonders gut organisiert und litt darunter, dass unser Trainer Walter Müller aus beruflichen Gründen überwiegend nicht dabei sein konnte. Auch gab es Hickhack um Verträge für die kommende Saison.

Das sagt Helmut Hampl (1985)

Ich hatte zwei Tore zu unserer 2:0-Führung geschossen und wir hatten den Aufstieg praktisch in der Tasche. Hätten wir gewonnen, wäre ich der Matchwinner gewesen, obwohl ich für die folgende Saison keinen Vertrag mehr bekommen hatte. Ich war 34 und fit, aber Trainer Jörg Berger hat mich für zu alt befunden. Aber der Traum war schnell vorbei. Dem ersten Gegentreffer war ein Abwehrfehler von Münn vorausgegangen, und das Tor zum 2:2 war für Wulf nicht unhaltbar.

Das sagt Dirk Bakalorz (1985)

Wir hatten genug Chancen, um den Aufstieg perfekt zu machen. Als es 2:0 stand, waren wir natürlich sehr optimistisch, denn wir hatten alle vorherigen Heimspiele souverän gewonnen. Aber die Hoffnung, einen Punkt in Nürnberg zu holen, war größer als der Ärger über den verpassten Sieg gegen Hannover. Ich wäre gern mit dem KSV Hessen aufgestiegen. Dann wäre ich in Kassel geblieben, anstatt zu Borussia Mönchengladbach zu wechseln.

Das sagt Peter Cestonaro (1985)

Ich war untröstlich, denn ich war gesperrt. Ich hatte eine Woche zuvor in Bürstadt eine Gelbe Karte gesehen. Besonders ärgerlich war, dass diese Gelbe Karte unberechtigt war. Es war für mich kein guter Tag, denn auf der Bank am Spielfeldrand war ich natürlich das ganze Spiel über sehr nervös. Ich wäre am liebsten auf den Platz gerannt und war nach dem 2:2 nicht sehr optimistisch im Hinblick auf das Spiel in Nürnberg. Leider habe ich schließlich recht behalten.

Das sagt Hans Wulf (1985)

Wir hatten das Spiel lange im Griff und haben nach der 2:0-Führung fest an unseren Sieg geglaubt. Allerdings hat uns die frühe Verletzung von Walter Horch sehr wehgetan. Er war einer unserer wichtigsten Spieler. Zudem waren Peter Cestonaro und Horst Knauf von Anfang an nicht dabei. Allerdings waren wir mit dem 2:2 gar nicht so unzufrieden, denn wir haben fest daran geglaubt, im letzten Spiel in Nürnberg den einen dann noch fehlenden Punkt zu holen.

Das sagt Karl Loweg (1964)

Innerhalb einer Minute war alles vorbei. Lange hatten wir 1:0 geführt, aber dann kam der Doppelschlag in der 77. und 78. Minute durch Gräber. Ich meine, dass beide Treffer für mich unhaltbar waren. Wir waren in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft und hätten höher als 1:0 führen müssen. Aber nach dem Wechsel war Hannover besser, sodass wir uns nicht beklagen durften. Ich habe gleich befürchtet, dass wir mit dieser Niederlage den Aufstieg verspielt hatten.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.