Samstagsinterview über seinen Vornamen, den Verein und einen Fehler

Löwen-Urgestein wird 70: „Alles in allem: Ein Leben für den KSV“

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Sie Stimme des KSV: Charly Wimmer als Sprecher im Auestadion.

Kassel. Bei den Löwen war er schon fast alles: Spieler, Trainer, Verantwortlicher. Aktuell ist Charly Wimmer Stadionsprecher beim KSV Hessen Kassel.

Am Sonntag feiert er seinen 70. Geburtstag. Im Interview blickt er zurück.

Herr Wimmer, reagieren Sie eigentlich noch, wenn jemand Helmut zu Ihnen sagt? 

Wimmer: Schon, ja. Aber Helmut nennen mich wirklich nur noch ein paar Verwandte.

Ihre Frau nennt Sie Helmut? 

Wimmer: Bei meiner Frau ist das so: Wenn sie Charly zu mir sagt, weiß ich, dass die Welt in Ordnung ist. Nur wenn sie mich Helmut nennt, will sie mit mir schimpfen. Zur Strafe mache ich es mit ihr genauso. Sie heißt eigentlich Barbara, wird aber nur Bärbel genannt. Aber wenn ich böse mit ihr bin, sage ich Barbara.

Angeblich geht Ihr Spitzname Charly auf einen österreichischen Sportreporter zurück. Stimmt das? 

Wimmer: Das stimmt. Als ich sechs war, kam mein Lehrer auf die Idee mit Charly, weil es diesen Sportreporter namens Charly Wimmer gab. Mir hat das gefallen. Charly klang immer modern. Nur meine Mutter fand es nicht so toll, dass alle Charly gesagt haben. Sie meinte, ich hätte mit Helmut doch einen so schönen Vornamen.

Jetzt werden Sie 70. Wie viele Jahre gehörten davon dem KSV? 

Wimmer: Fast alle. Mein erstes Spiel habe ich 1951 gesehen - damals noch auf dem A-Platz, weil es das Auestadion noch nicht gab. Der KSV hat gegen Bayern Hof 1:0 gewonnen.

Torschütze? 

Wimmer: Theodor Bründl. Das weiß ich noch wie heute. Seitdem bin ich von Wilhelmshöhe, wo ich aufgewachsen bin, immer runter gelaufen, wenn der KSV gespielt hat. Manchmal haben mich unsere Nachbarn auch mit dem Auto mitgenommen. Das waren Festtage. Wir selbst hatten nämlich lange Zeit keinen Wagen.

Gab es etwas Schöneres in der Kindheit, als den KSV zu sehen? 

Wimmer: Nein. Wenn ich etwas angestellt hatte und meine Mutter mir unter der Woche mit Hausarrest drohte, war mir das egal. Sie hätte mich nur wirklich treffen können, wenn sie mir verboten hätte, zum KSV zu gehen.

Später haben Sie den KSV auf unterschiedliche Weise geprägt. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen? 

Wimmer: Als Urgestein. Ich bin ja schon mit 19 als Spieler zum KSV gekommen, habe dann für die Amateurmannschaft gespielt, war A-Jugendtrainer, zweiter Vorsitzender des FC Hessen Kassel und bin nun Stadionsprecher. Alles in allem lässt sich sagen: Ein Leben für den KSV.

Sie haben auch das erste Tor nach der Neugründung 1998 geschossen. 

Wimmer: In der Tat - und das mit 53 Jahren. Der Vorsitzende Holger Brück hat mich vor dem Pokalspiel beim ESV Jahn angerufen und gefragt, ob ich mich auf die Bank setzen könnte. Als ich dann zum Treffpunkt kam, waren wir insgesamt zehn Mann: Holger Brück, ich und viele A-Jugendliche. Also musste ich von Anfang an spielen. Ich habe dann das 1:1 gemacht. Nachher haben wir 4:1 gewonnen.

Welche schönen Geschichten haben Sie noch auf Lager? 

Wimmer (links) als Spieler: Er trifft beim 6:2 des KSV Hessen gegen den FV Melsungen. Aus unserer Zeitung vom 26. April 1965.

Wimmer: Ich gehörte zu den Amateurspielern, die fast einmal einen Einsatz in der dritthöchsten Liga hatten. Damals konnten sich die Vertragsspieler mit dem Verein nicht über ihre Prämien einigen. Die saßen alle zusammen im Café Lange und verhandelten. Wir Amateurspieler saßen schon im Zug nach Pforzheim, bis zwei Minuten vor Abfahrt die Durchsage über Lautsprecher kam, wir mögen doch bitte aussteigen. Da hatten sich die Vertragsspieler und der Verein im letzten Moment geeinigt.

Ihr schönstes Erlebnis? 

Wimmer: Das war als Spieler und Trainer jeweils die Teilnahme an der Deutschen Amateurmeisterschaft.

Und Ihr schlimmstes Erlebnis? 

Wimmer: Mit dem KSV ging es stets auf- und wieder abwärts. Deshalb gab es mehrere Momente, die nicht so schön waren - allen voran die Insolvenzen. Als zweiter Vorsitzender des FC Hessen Kassel habe ich dann die Erfahrung gemacht, wer ein echter Freund ist - und wer nicht. Das war lehrreich.

Dann gab es 2013 ja noch die Durchsage als Stadionsprecher gegen Hoffenheim II, als Sie verkünden mussten, dass die Besucher ihr Geld zurückbekommen. 

Wimmer: Das würde ich heute nicht mehr so machen. Schon damals hatte ich Bedenken. Ein Vorstandsmitglied kam in der Halbzeit zu mir und hat mir gesagt, ich soll den Text verlesen. Ich habe meine Bedenken geäußert. Aber am Ende sollte ich es so verkünden. Das war ein Fehler.

Blicken Sie bisher trotzdem zufrieden zurück? 

Wimmer: Auf alle Fälle. Ich hatte eine bescheidene, aber glückliche Kindheit, war als Spieler nie verletzt, bin Opa und zufrieden. Ich kann sagen, dass ich dem KSV immer die Treue gehalten habe, auch wenn mein Herz zugleich für Borussia Mönchengladbach schlägt.

Helmut, genannt Charly, Wimmer wird am Sonntag 70 Jahre alt. Er stammt aus Wilhelmshöhe, wo er noch heute wohnt. Bevor er mit 19 zum KSV Hessen kam, spielte er in der Jugend bei der TSG Wilhelmshöhe. Für die Löwen spielte er im Amateurbereich, später fungierte er als Jugendtrainer und zweiter Vorsitzender des FC Hessen Kassel. Heute ist er Stadionsprecher. Wimmer war Beamter und arbeite beim Arbeitsamt, später beim Zoll. Wimmer ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und zwei Enkelkinder.

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