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Interview mit Oliver Zehe, dem Gedächtnis der Löwen: „Der KSV ist mehr Freud als Leid“

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Von: Frank Ziemke, Maximilian Bülau

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Gründungsdokument des KSV Hessen Kassel.
Dokumente, die den Gründungsdaten zugrundeliegen: Am 9. Juni 1947 schlossen sich der Kasseler SV und der VfL Hessen zusammen (oben). Am 23. November 1947 fand die erste Jahreshauptversammlung des KSV Hessen statt. © privat/nh

Ein Fußball-Klub kann kein Gedächtnis haben – und doch hat der Regionalligist KSV Hessen Kassel eins. Sein Name? Oliver Zehe.

Kassel – Der 52-Jährige ist der inoffizielle Archivar der Löwen. Seine Leidenschaft für Geschichte und den Sport hat er verbunden und sammelt alles, was er über den Verein finden kann. Auch deswegen weiß Zehe, warum der 23. November eigentlich gar nicht das richtige Datum für das 75-jährige Bestehen des Klubs ist – und warum dieser Tag dennoch genutzt wird.

Herr Zehe, warum gibt es das Datum des 23. November 1947 als das der Erstgründung des KSV Hessen Kassel überhaupt – und warum ist es falsch?

Ich weiß es selbst nicht genau. Wahrscheinlich ist, dass diejenigen, die den 23. November als Tag auserkoren haben, um das 75-jährige Bestehen des Klubs zu feiern, sich am Wikipedia-Eintrag orientiert haben. Da steht der 23. November als Gründungstag. Falsch ist dieses Datum, weil die juristische Gründung bereits am 9. Juni 1947 erfolgt ist. Damals fusionierten der Kasseler SV und der VfL Hessen Kassel zum KSV Hessen Kassel. Und es gab die entsprechende Gründungsversammlung.

Am 9. Juni war allerdings Sommerpause in diesem Jahr. Also ist der 23. November zum Feiern vielleicht doch das besser geeignete Datum.

In jedem Fall. Welches Datum man am Ende nehmen möchte, ist Geschmackssache. Es gibt auch den 17. November 1945, der Tag, an dem der Vorgängerverein VfL Hessen gegründet wurde, der vom 1993 Konkurs gegangenen KSV Hessen als Gründungstag gefeiert wurde. Oder den 3. Februar 1998. An dem Tag wurde der KSV Hessen formell rechtlich neu gegründet nach der Insolvenz. Wir feiern im Endeffekt das Jubiläum eines Vereins, den es nicht mehr gibt, mit einem Datum, das falsch überliefert wurde (lacht). Das passt irgendwie zu diesem Klub, der viele Emotionen auslöst und viel Freude bringt – aber auch in der Vergangenheit so viel Chaos produziert hat.

Wie kommt es denn überhaupt, dass der 23. November als Gründungsdatum im Umlauf ist?

An diesem Tag fand 1947 die erste Jahreshauptversammlung des Klubs nach der Fusion statt. Und so wurde in den siebziger und achtziger Jahren in Vereinschroniken das falsche Datum übermittelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sich doch ohnehin alle Vereine erst einmal auflösen.

Richtig. Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 sind zunächst einmal alle Vereine verboten und aufgelöst worden. Aber was das Gründungsdatum angeht, das macht jeder Verein aus Marketinggründen ja ohnehin, wie er möchte. Der 1. FC Heidenheim gibt 1846 als Gründungsjahr an. Da gab es in Deutschland noch gar keinen Fußball.

Mal etwas persönlicher: Wie sind Sie überhaupt zum KSV gekommen?

In dem Alter, wo Jungs anfangen, sich für Fußball zu interessieren, in dem war ich, als die WM 1978 in Argentinien stattfand. Das war ein mein erstes Turnier. Die Bundesliga stand damals noch nicht so im Fokus, man hatte seine lokalen Vereine. Der KSV Baunatal hat damals in der 2. Bundesliga gespielt, der KSV Hessen war Oberligist. Mein Vater war Gelegenheitszuschauer. Es hat mich damals schon fasziniert, dass bei Baunataler Spielen 1200 bis 1500 Zuschauer gekommen sind, beim KSV Hessen waren eine Liga tiefer doppelt so viele da. 1980 ist der KSV dann in die 2. Liga aufgestiegen, auf Anhieb Vierter geworden. Da waren 12 000, 13 000, 14 000 oder 15 000 Zuschauer da, bei Spitzenspielen 20 000. Da hat es mich wohl gepackt mit den Löwen.

Und seitdem sind Sie fast immer dabei?

Ich bin wirklich fast immer da. Mit dem Produkt FC Hessen konnte ich mich nicht wirklich identifizieren. Mitte der 90er-Jahre sind 800 bis 900 Zuschauer zu den Spielen des KSV gekommen. In einem bröckelnden Stadion. Das war schon eine dröge Geschichte. Aber man muss auch sagen, dass damals gute Jungs beim KSV gespielt haben, treue Leute. Die Begeisterung ist mir in dieser Zeit aber ein wenig abhandengekommen. Emotional hatte ich damals nicht die ganz große Bindung.

Ist denn der KSV Hessen von heute für Sie noch der KSV Hessen von vor der Insolvenz in den 90ern?

Letztlich ist es so, dass die Fußballabteilung weitergelebt hat. Für mich gibt es keine zwei unterschiedlichen Klubs. Die Hülle des Vereins, also der Löwe, das Wappen, das Stadion, die Legenden, das ist alles geblieben.

Ist der KSV für Sie mehr Freud oder mehr Leid?

Der KSV ist ein Stück weit Masochismus. Aber das macht den Reiz ja auch aus. Für mich ist der KSV immer mehr Freud als Leid.

Was war für Sie der schönste KSV-Tag?

Der 26. Mai 2006, der Aufstieg in Frankfurt. Das war der emotionalste Tag für mich. 7500 Zuschauer am Bornheimer Hang, die Hälfte davon aus Kassel. Es gab eine unheimliche Vibration damals im Stadion.

Und ein Tiefpunkt?

Der 13. Dezember 1997 war für mich wie die Apokalypse, das letzte Mal für lange Zeit hochklassiger Fußball in diesem Stadion. Aber es war auch ein Neubeginn. Ich habe lieber den KSV Hessen in der Kreisliga gesehen als den FC Hessen in der Regionalliga. (Frank Ziemke und Maximilian Bülau)

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