„Dieses Gefühl von Ekstase hat so gefehlt“

KSV-Kapitän Frederic Brill vor dem Saisonstart über Fans, Umbruch und Trash-TV

Mittendrin im KSV-Spiel: Frederic Brill, hier im Kreis bei der Ansprache von Trainer Tobias Damm, ist als Sechser und Kapitän das Herz der Löwen.
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Mittendrin im KSV-Spiel: Frederic Brill, hier im Kreis bei der Ansprache von Trainer Tobias Damm, ist als Sechser und Kapitän das Herz der Löwen.

Er ist mittlerweile 29 Jahre alt, geht in seine siebte Saison bei den Löwen und wird den Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel erneut als Kapitän auf das Feld führen: Ein Gespräch mit Frederic Brill über Veränderungen, Corona, Aufenthalte in der Bibliothek, das Fehlen der Fans. Und über Trash-TV.

Frederic Brill, schön Sie auf dem Trainingsgelände zu treffen. Also eigentlich bin ich hier doch sehr häufig anzutreffen. Bestimmt. Aber als wir uns für dieses Treffen verabredet haben, saßen Sie gerade in der Bibliothek. Fußballer spielen doch eher Playstation. Sie lesen?

Ja, das mache ich bedingt durchs Studium. Ich habe den Bachelor gemacht und bin jetzt für den Master in Business Studies, einem Wirtschaftsstudium, eingeschrieben. Da muss ich naürlich einiges lesen.

Aber zum Ausgleich doch Playstation statt Lesen?

Nichts von beidem. Romane lese ich nicht, eine Spielekonsole besitze ich nicht einmal. Ich gestehe: Wenn ich mich ablenke, dann gucke ich Trash-TV.

Ihr Leben scheint gut gefüllt. Fußball, Studium. Erste Schritte ins Berufsleben machen Sie auch.

Das stimmt. In den Semesterferien. Ich wollte einfach schon in so ein Berufsleben reinschnuppern. Der Verein hat mir geholfen, so jobbe ich jetzt ab und an im Sanitätshaus in Wilhelmshöhe.

Man hört, verlobt haben Sie sich auch noch?

Auch das stimmt. Meine Freundin Vivian und ich haben uns im Urlaub auf Ibiza verlobt. Wir sind seit über acht Jahren zusammen. Ich hatte das Gefühl, sie wartet, dass ich endlich frage. Ihre Mutter und meine Eltern waren vorher eingeweiht. Es wurde Zeit für diesen Schritt.

Sollen wir dann auch über Fußball reden?

Bitte!

Bevor wir nach vorn blicken noch einmal zurück zur vergangenen Saison. Die schwerste Ihrer Laufbahn?

Sie war sehr, sehr intensiv. Ich hatte zwei längere Verletzungspausen. Trotzdem waren es am Ende 22 Spiele. Dazu der Pokal. Ja, es war unglaublich anstrengend.

Auch zufriedenstellend?

Ja. Aus meiner Sicht war es eine sehr gute Saison. Wir kamen nie wirklich in Gefahr, egal welchen Strich zur Abstiegszone man zieht. Das alles als Aufsteiger ohne echte Neuzugänge. Vor dem ersten Spiel hätten wir das alles so unterschrieben.

Die Pause war dann auch nicht wirklich lang. Genügen dreieinhalb Wochen für etwas Erholung?

Nicht wirklich, zumal es für mich noch eine Woche weniger war. Ich habe in Grünberg die Trainer-B-Lizenz gemacht. Dann gab es aber zumindest die Woche auf Ibiza und eine weitere in der Heimat bei meinen Eltern.

Und in dieser Zeit mal gar kein Sport?

Ganz ehrlich: So lange ohne Sport, das halte ich nicht aus. In Grünberg hatten wir zweimal am Tag Training. Vom KSV haben wir Laufpläne bekommen. Ab und an bin ich ins Fitnessstudio. Aber erst Hotel Ibiza und dann Hotel Mama, das hat gereicht, sich zu entspannen

Dann trafen Sie auf ein Team, das einen Umbruch vollzogen hat. Was war das für ein Gefühl, als sich einer nach dem anderen verabschiedete?

Damit hatte ich richtig zu kämpfen. Nach der Abschlussfeier war ich einige Tage komplett am Boden. Wir haben ja nicht nur sportliche Qualitäten verloren, sondern Freunde. Leute, die man in sein Herz geschlossen hat. Wir hatten unseren letzten Abend im Balance neben dem Trainingsplatz. Als Kapitän musste ich eine Rede halten. Es sind einige Tränen geflossen.

Es lief ja sportlich. Können sie den Umfang des Umbruchs verstehen?

Verstehen? Man kann ihn als Chance sehen, denn klar, wir waren eine etwas alte Truppe. Die Mannschaft verjüngen ist der richtige Schritt. Trotzdem war ich als Kapitän etwas skeptisch. Da hat so viel Qualität den Verein verlassen, es wurden zunächst aber gar keine Alternativen aufgezeigt. In diesen Tagen war mir schon etwas mulmig.

Nun schauen Sie aber auf den neuen KSV. Wie lautet Ihr Urteil jetzt?

Ja, jetzt ist sie da, die neue Mannschaft. Und ich bin von jedem einzelnen Neuzugang zu tausend Prozent überzeugt. Jede Verpflichtung ist richtig für den Verein. Hier wurde ein wirklich guter Kader auf die Beine gestellt.

Die Testspiele vermitteln bisher den Eindruck: Defensiv läuft es auch schon gut, offensiv ist noch Luft nach oben. Richtig?

Nicht ganz. Wir müssen das im Zusammenhang betrachten. Es ist ja nicht die Abwehr gut und der Sturm schlecht, Die Mannschaft arbeitet gemeinsam richtig stark gegen den Ball. Wir müssen uns stabilisieren, denn letzte Saison haben wir zu viele Tore kassiert. Wir arbeiten uns aber auch Chancen heraus. Vielleicht haben wir diesmal niemanden, der 25 Tore schießt. Aber wenn wir vier haben, die acht oder neun Tore schießen, dann passt das.

Im nun bevorzugten 4-3-3-System verändert sich auch Ihre Rolle.

Ich habe jetzt zwei neben mir, die auch eher den defensiven Gedanken im Kopf haben, bin nicht mehr der alleinige Sechser. Das gibt mir auch mal die Chance für einen Lauf nach vorne.

Heute gegen Steinbach wird im Auestadion endlich genau das wieder herrschen: Stadionatmosphäre. Wie sehr haben Ihnen die Fans gefehlt?

Es ist nicht in Worte zu fassen, wie sehr. An echte Fangesänge im Auestadion können wir uns kaum noch erinnern. Ich freue mich darauf, nach einem Tor mit der ganzen Mannschaft Richtung Kurve zu laufen. All die begeisterten Gesichter zu sehen, die fliegenden Bierbecher. Nichts hat mir so gefehlt wie dieses Gefühl von Ekstase.

Glauben Sie an eine Saison, die nicht so sehr von Corona beeinflusst ist?

Schwere Frage. Ich wünsche es mir und hoffe darauf. Überzeugt bin ich zumindest, dass uns so viele Geisterspiele wie zuletzt erspart bleiben.

Gehen Sie eigentlich geimpft in diese Saison?

Ja, ich bin zweimal geimpft, und überzeugt davon. Nur das Impfen kann uns zurückbringen zur Normalität.

Zum Abschluss: Gibt es vielleicht doch ein Buch, das Sie unseren Lesern empfehlen möchten?

Das wäre dann Fachliteratur und wird die Leser nicht interessieren. Ich könnte aber ein Trash-Format empfehlen. Soll ich?

Bitte!

Dann Love Island. Das ist bei uns auch oft Thema in der Kabine. Ich glaube, einige der Jungs würden sich gern mal als Kandidat bewerben. (Frank Ziemke)

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